1. Startseite
  2. Bayern

Das verschmähte Impf-Privileg - Pflegekräfte verärgert: „Das Gegenteil von Wertschätzung“

Erstellt:

Von: Katrin Woitsch

Kommentare

Ein Arzt impft eine männliche Pflegekraft gegen Corona.
Pflegekräfte gehören mit zur ersten Gruppe, die sich gegen Corona impfen lassen kann. Doch die Impfbereitschaft ist geringer als erhofft. Unser Foto zeigt eine Impfung in der Asklepios Klinik in Gauting. © Sven Hoppe

Die Impfbereitschaft der Pflegekräfte ist bisher niedriger als erhofft. Immer häufiger fällt bereits das Wort „Impfpflicht“. Sogar Markus Söder schließt den Impfzwang für Pflegekräfte nicht mehr aus.

München – Eva Ohlerth ist Pflegekraft. Weil sie aber nicht mehr in einem Seniorenheim oder Krankenhaus arbeitet, sondern Menschen pflegt, die zu Hause leben, ist sie nicht unter den ersten, die gegen Corona* geimpft werden. Und darüber ist sie eigentlich ganz froh, sagt sie. Denn wie viele ihrer Kollegen ist sie verunsichert. „Wegen der schnellen Zulassung des Impfstoffs“, sagt die Unterschleißheimerin. Nicht nur bei ihr, sondern auch bei vielen ihrer Kollegen.

In vielen Einrichtungen zögern Pflegekräfte noch, ob sie sich impfen lassen sollen. Ohlerth hat sich mit vielen Kollegen darüber unterhalten – und kann das nachvollziehen. „Einige möchten einfach eine Weile beobachten, ob Nebenwirkungen auftreten“, sagt sie. Die Angst vor eventuellen Nebenwirkungen sei bei manchen Pflegekräften größer als die Angst vor einer Covid-19-Erkrankung. Sie möchte die Zeit bis zu ihrer Impfung nutzen, um sich gründlich zu informieren, kündigt sie an.

Coronavirus: Söder schließt eine Impfpflicht nicht mehr aus

Weil deutlich mehr Pflegekräfte vor der Impfung zögern, als er erwartet, schließt Ministerpräsident Markus Söder (CSU) eine Impfpflicht für Pflegekräfte nicht mehr aus – zumindest wenn auch der Ethikrat das empfiehlt (wir berichteten). Diese Äußerung kommt bei den Pflegekräften alles andere als gut an. „Das ist für uns eine absolute Abwertung“, sagt Ohlerth. Und das Gegenteil von Wertschätzung, das viele Pflegende für ihre Arbeit erwarten, ergänzt sie.

„Viele meiner Kollegen arbeiten seit Monaten in Doppelschichten, anfangs nicht mal mit ausreichender Schutzkleidung“, berichtet sie. Dass Söder nun mit einem Impfzwang drohe, bezeuge wenig Fingerspitzengefühl. „Ein besserer Weg wäre es gewesen, mit uns das Gespräch zu suchen – und über die Impfung und mögliche Nebenwirkungen besser aufzuklären“, findet sie.

Portraitaufnahme von Eva Ohlerth
Eva Ohlerth aus Unterschleißheim ist Pflegekraft. © Marcus Schlaf

Impfpflicht? „Das wäre ein massiver Eingriff in die Grundrechte“

Georg Sigl-Lehner, Präsident der Vereinigung der Pflegenden in Bayern, glaubt nicht, dass es zu einer Impfpflicht für Pflegekräfte kommen wird. „Das wäre ein massiver Eingriff in die Grundrechte.“ Aber auch er ist überrascht von der zögerlichen Impfbereitschaft. Er erklärt sich das damit, dass viele Pflegekräfte sehr ausgepowert sein – und nach den vergangenen neun Monaten auch ein Stück weit misstrauisch. „Natürlich würden wir uns wünschen, dass sie deutlich höher wäre.“

Sigl-Lehner geht davon aus, dass sich das in den kommenden Wochen von selbst ändern werde. Schon jetzt sei zu bemerken, dass in vielen Einrichtungen die Impfbereitschaft unter den Mitarbeitern wächst. „Und die, die noch unentschlossen sind, müssen wir überzeugen, statt zwingen“, betont er. Es solle verstärkt Online-Info-Veranstaltungen geben.

Regisitrierungsportal ab sofort freigeschaltet

„Bei den ersten Terminen war die Nachfrage so groß, dass unsere Video-Kapazität nicht ausgereicht hat – das haben wir nun deutlich erhöht“, berichtet er. Er plädiert dafür, den Pflegekräften etwas Zeit zuzugestehen, um sich zu informieren und sich eine Meinung zu bilden. „Wir brauchen Menschen, die jetzt vorangehen und andere ermutigen“, sagt er. Er selbst möchte einer davon sein, vor ein paar Tagen hat er seine erste Corona-Impfung bekommen.

Einige Landkreise in Oberbayern haben bereits alle Senioren in den Pflegeheimen geimpft und nun den Betrieb in den Impfzentren aufgenommen. Am Montag ist auch das bayernweite Registrierungsportal www.impfzentren.bayern freigeschaltet worden. Wer seinen Wohnsitz in Bayern hat, kann sich dort registrieren. In einem Fragebogen werden persönliche Daten wie Alter, Vorerkrankungen und Beruf abgefragt.

Impftermine gibt es ab dem 20. Januar

Auf Basis dieser Daten werden dann ab dem 20. Januar konkrete Impftermine vergeben, kündigte Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) an. Allerdings zuerst für die Bevölkerungsgruppen, die einem erhöhten Risiko ausgesetzt sind. Nur sie sollten sich aktuell registrieren. Wer keinen Internetzugang hat oder diesen nicht nutzen will, kann sich telefonisch mit den regionalen Impfzentren in Verbindung setzen oder einen Termin über die 116 117 vereinbaren. Diese Hotlines sollen durch das neue Portal aber entlastet werden. - *Merkur.de ist Teil des Ippen-Netzwerks.

Auch interessant

Kommentare