Die Innenstadt von Passau
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Die Innenstadt von Passau: Die Ostbayern sind frustriert von der Perspektivlosigkeit im Dauer-Lockdown. (Archivbild)

Frustration wächst

Seit Monaten nichts als Lockdown: In Ostbayern kippt die Stimmung – CSU stürzt in Umfrage ab

  • Christian Deutschländer
    vonChristian Deutschländer
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Ostbayern ist besonders vom Coronavirus betroffen. In der Region wächst die Frustration, weil es keine Perspektive gibt - und seit Monaten nichts als Lockdown.

München/Cham – Es war Anfang März, als Markus Söder eine gute Nachricht verkünden wollte. Die Kontaktregeln wurden im gesamten Freistaat je nach regionaler Inzidenz ein bisschen gelockert, erste Schulen durften öffnen, sogar Läden, Galerien und Zoos. „87 Prozent in Bayern erfahren schrittweise eine Verbesserung“, meldete der Ministerpräsident. Die 13 Prozent, sagen sie in Ostbayern, „das sind wir“.

Coronavirus Ostbayern: Hinter der 360 Kilometer langen Grenze zu Tschechien explodieren die Werte

Fatalistisch klingt das, zumindest traurig. Und es ist nicht mal stark übertrieben. Weil alle Corona*-Maßnahmen bisher an die Neuinfektionen in den Landkreisen geknüpft sind, erlebt die Grenzregion in Niederbayern, der Oberpfalz und Oberfranken seit Monaten den härtesten Shutdown aller Landesteile. Vom Lockdown* light im Herbst schaltete Ostbayern bald in die harte Variante. Während in Oberbayern die Zahlen zwischendurch runtergingen, in München sogar unter die Inzidenz von 30, die Läden öffneten und von Biergärten geträumt wurde, blieb in den Grenzlandkreisen alles dicht. Heute hat der Gürtel zwischen Freyung und Hof Werte zwischen 112 und 350, kaum Lockerung in Sicht. „Es ist eine Dauerbelastung“, sagt der Chamer Landtagsabgeordnete Gerhard Hopp (40), die Region brauche dringend Hoffnung.

Der Grund liegt auf der Hand, hinter der 360 Kilometer langen Grenze zu Tschechien explodieren die Werte. Dort greifen Maßnahmen kaum noch. Die Regionen sind engstens verknüpft, 22 000 Pendler, viele Freunde, Familien. Den Eindruck in Ostbayern schildert ein Kommunalpolitiker: Man könne noch so regeltreu sein, noch so kaserniert und isoliert – das Virus und vor allem seine Mutationen strömen unaufhaltsam ein. „Die grenzüberschreitende Freundschaft wird gerade auf eine ganz harte Probe gestellt“, sagt Hopp.

Corona: Wer seit Monaten nur eine Person außerhalb des Haushalts treffen darf, gerät ins Zweifeln

Die Disziplin sinkt auch diesseits der Grenze. Wer seit Monaten nur eine Person außerhalb des Haushalts treffen darf, null Perspektive, gerät ins Zweifeln. Gerade, wenn im fernen München munter Debatten über diese und jene Lockerung laufen. Warnungen vor einer Zermürbung also, wie man sie zum Teil auch aus Rosenheim hört, grenznäher zu Österreich und auch mit überdurchschnittlich hohen Inzidenzen geplagt.

Es hat ein Weilchen gedauert, bis in der Landespolitik ankam, dass die Ostbayern nicht nur rituell vor sich hinjammern. München, Berlin, sogar Brüssel haben reagiert, die EU begann, 100 000 Extra-Dosen Impfstoff in die Grenzregion zu senden. „Ein Bollwerk gegen das Virus, nicht gegen die Tschechen“, sagt Hopp. Sogar über die Grenze werden Dosen geliefert, versprochen für Pendler. Und in Schulen zwischen Wunsiedel und Passau lief ein Pilotprojekt für Gurgeltests an.

Aus der Wirtschaft wird der Ruf nach Öffnungen trotz hoher Inzidenzen laut

Der Region reicht es nicht. Aus der Wirtschaft wird der Ruf nach Öffnungen trotz hoher Inzidenzen laut. Unternehmer versuchen, den politischen Druck zu erhöhen. Gestern sogar mit einer Umfrage, die speziell die CSU schlucken lässt. In Ostbayern wurde per Telefon und Internet die Wahlabsicht abgefragt. Bei desaströsen 33 Prozent würde die CSU landen. Die Freien Wähler, die sich stärker für Lockerungen einsetzen, erhielten satte 20 Prozent, gefolgt von Grünen (16), AfD (12), SPD (7) und FDP (6).

Unzufrieden mit den Maßnahmen der Staatsregierung sind insgesamt 51 Prozent, überdurchschnittlich oft Jüngere. Man sollte die Werte nicht auf die Goldwaage legen; Auftraggeber ist ja die Kampagne „Ostbayern sieht Schwarz“, die in sehr lautem Ton nach Lockerungen ruft. Den Tenor zweifelt aber kaum jemand an: Im Moment sieht in der Grenzregion auch die CSU schwarz. CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER - *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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