Corona-Krise/Bayern: Hat Söder-Regierung „Alarmzeichen“ ignoriert? Schwere Vorwürfe aus dem Landtag (Symbolbild)
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Corona-Krise/Bayern: Hat Söder-Regierung „Alarmzeichen“ ignoriert? Schwere Vorwürfe aus dem Landtag (Symbolbild)

Freistaat am schlimmsten betroffen

Corona-Krise in Bayern: Hat Söder-Regierung „Alarmzeichen“ ignoriert? Schwere Vorwürfe aus dem Landtag

  • Johannes Welte
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Acht der zehn vom Coronavirus am schlimmsten betroffenen Landkreise liegen in Bayern. Sind Starkbierfeste die Ursache für die Hotspots?

  • Bayern ist das am stärksten vom Coronavirus* befallene Bundesland Deutschlands.
  • Acht der zehn am schlimmsten betroffenen Landkreise liegen in Bayern.
  • Sind Starkbierfeste die Ursache dafür?
  • Hier finden Sie unseren Wegweiser zur Berichterstattung und die Corona-News aus Bayern. Außerdem finden Sie hier aktuelle Fallzahlen in Bayern als Karte. Derzeit gibt es die folgenden Empfehlungen zu Corona-Schutzmaßnahmen.

Bayern ist mit Abstand das am meisten vom Coronavirus befallene Bundesland Deutschlands. Was dabei besonders auffällt, dass Regionen, in denen Anfang März noch Starkbierfeste stattfanden, besonders stark betroffen sind. Die Bayern-SPD wittert Versäumnisse der Staatsregierung.

Coronavirus in Bayern: Ausbreitung in Rosenheim dramatisch

In Stadt und Landkreis Rosenheim ist die Ausbreitung des Coronavirus so dramatisch, dass dort schon ab heute (Mittwoch) Mundschutzpflicht herrscht. Das Gleiche gilt für Straubing, wo ab morgen (Donnerstag) beim Einkauf oder im öffentlichen Nahverkehr der Mund bedeckt werden muss. In Bayern kommt die Mundschutzpflicht eigentlich erst am Montag (27. April). 

Lesen Sie auch: Abgeordneter stellt Starkbierfest-Anzeige gegen Rosenheim - sein eigenes Verhalten entlarvt ihn*

Coronavirus in Tirschenreuth: Starkbierfest noch Anfang März

In beiden Städten fanden am 2. Märzwochenende noch Starkbierfeste statt. Auch in Mitterteich im Landkreis Tirschenreuth stieg am 8. März noch ein Starkbierfest. Der Landkreis Tirschenreuth ist mit 1486 Fällen pro 100.000 Einwohnern und 95 Todesfällen der am stärksten vom Coronavirus betroffene Landkreis Deutschlands. 

Hier gab es auch die erste bundesweite Ausgangssperre. Auf Platz zwei und drei rangieren die Nachbarlandkreise Wunsiedel (580 pro 100.000, 32 Tote) und Neustadt an der Waldnaab (738/33). Auf Platz 4 rangiert der Landkreis Rosenheim (713, 97 Tote), auf Platz 7 die Stadt Straubing (664/26) und auf Platz 8 die nahe Mitterteich gelegene Stadt Weiden (619/6), auf Platz 9 der Kreis Rottal-Inn (572/39) und auf Platz 10 die Stadt Rosenheim (570/14). 

Coronavirus: Acht der am stärksten betroffenen Landkreise liegen in Bayern

Nur zwei der Top Ten der am stärksten von Corona betroffenen Landkreise Heinsberg auf Platz 5 und Hohenlohe auf Platz 6 liegen nicht in Bayern. Einer Recherche des Spiegel zufolge fanden in allen acht genannten bayerischen Städten und Landkreisen zu Beginn der Corona-Pandemie in Bayern Starkbierfeste statt. 

Viele Wissenschaftler halten diese Feste für Corona-Ausbreitungsherde, nachdem in den Faschingsferien von 22. Februar bis 2. März viele beim Skifahren in Österreich oder Südtirol waren. Ministerpräsident Markus Söder selbst sagte am 19. März in einer Regierungserklärung über Mitterteich: „Übrigens vermuten Experten - es ist noch nicht endgültig bestätigt - dass der Ausgangspunkt für die dortige Infektion ein Starkbierfest gewesen ist.“ In Mitterteich kamen diese Wort nicht gut an, auch in anderen den betroffenen Städten redet man nicht gerne darüber.

Nach der Absage der Wiesn werden immer mehr Volksfeste in Bayern für dieses Jahr abgeblasen. Einige Veranstalter zögern noch - oder suchen nach neuen Konzepten.

Coronavirus in Bayern: Kein Derblecken am Nockherberg

„Dabei hatte die Staatsregierung sich am 6.März zum Thema Starkbierfest zu Wort gemeldet, als es um den Salvatoranstich am 11. März ging“ erklärt der SPD-Landtagsabgeordnete Florian von Brunn. Gesundheitsministerin Melanie Huml erklärte damals nach tagelanger Diskussion, dass es kein Derblecken am Nockherberg mit der Staatsregierung geben werde: „Der Schutz der Bevölkerung hat oberste Priorität.“

Am gleichen Abend startete das Starkbierfest in Rosenheim, das bis Sonntag fortgesetzt wurde. Auch in Straubing wurde an jenem Abend Coronator-Anstich gefeiert (das Starkbier heißt tatsächlich so), am Samstag fand das Starkbierfest in Mitterteich statt. Alle drei Starkbierfeste werden jedes Jahr von mehr als 1000 Gästen besucht. Die Beschränkung von Veranstaltungen mit über 1000 Besuchern durch das Gesundheitsministerium kam aber erst am 11. März.

Trotz Corona: Kleinere Starkbierfeste in Bayern gefeiert

Aber auch kleinere Starkbierfeste wurden von 6. Bis 8.März gefeiert, etwa in Haag bei Wasserburg, Aichach (Schwaben), Paunzhausen (Landkreis Freising), Kreuzberg (Landkreis Freyung-Grafenau), Fürstenfeldbruck oder Bayrischzell (Kreis Miesbach). In Hohenwart bei Altötting feierte der CSU-Bundesinnenstaatssekretär Stephan Mayer persönlich noch am 7. März beim Starkbierfest der örtlichen CSU mit.

Dabei hatte es vor dem 6. März neben der Corona-Welle beim Stockdorfer Autoteileherstellers Webasto schon weitere Corona-Infektionen in Bayern, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg gegeben. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) warnte am 27. Februar: „Die Infektionsketten sind nicht mehr nachvollziehbar, das ist eine neue Qualität.“ Am 29. Februar traten bei einer isländischen Reisegruppe 15 Covid-19-Fälle auf, die mit dem Flugzeug von München nach Reykjavik geflogen waren. Sie alle waren in Ischgl (Tirol) beim Skifahren. Am 5. März erklärte Island Ischgl zum Risikogebiet, nachdem es über das Europäische Frühwarnsystem darauf aufmerksam machte. Bald wurden weitere Coronaherde in weiteren Skigebieten in Österreich gemeldet.

Coronavirus in Bayern: SPD-Landtagsabgeordneter wittert Versäumnisse

Der Münchner SPD-Landtagsabgeordnete Florian von Brunn wittert Versäumnisse in der bayerischen Corona-Vorsorge: „Ich verstehe nicht, dass Gesundheitsministerin Huml die Nockherberg-Absage begrüßt, aber in Sachen Starkbierfeste hat sie keinen Finger gerührt hat. Dabei gab es Anfang März schon genug Alarmzeichen! Von der Weltgesundheitsorganisation bis zur Situation in Italien.“ 

Er hat eine Anfrage an die Staatsregierung gestartet, in der er speziell wissen will, die die bayerische Staatsregierung über die Entwicklungen in Österreich und Island informiert war und welche Maßnahmen ergriffen wurden. Außerdem fragt er: „Welche Rolle spielen dabei Großveranstaltungen unter dem Blickwinkel, dass zu den o.g. Landkreisen und Städten mit dem Landkreis Tirschenreuth, Straubing und Rosenheim-Land bzw. Stadt Landkreise bzw. kreisfreie Kommunen zählen, in denen Starkbierfeste nicht untersagt wurden, sondern stattfanden?“ 

Und: „Wie erklärt die Staatsregierung die hohen Fallzahlen in den genannten Landkreisen oder Kommunen?“ Von Brunn gibt sich auch nicht mit der Aussage Söders zufrieden, die hohen bayerischen Fallzahlen lägen an der Nähe zu Österreich und den bayerische Skiurlaubern: „Wie erklärt sich dann die niedrige Coronaquote in Augsburg, Ingolstadt, Regensburg oder im Landkreis Neuburg-Schrobenhausen, deren Bürger sicherlich auch nach Österreich zum Skiurlaub fahren?“ Der zu drei Seiten von Österreich umschlossene Landkreis Berchtesgaden müsste Söders Theorie zufolge eine hohe Quote haben. Von Brunn: „Hat er aber nicht.“

Markus Söder und Winfried Kretschmann besprechen am Donnerstag (23. April) ein gemeinsames Vorgehen in der Corona-Krise - und informieren dann die Öffentlichkeit.

Letzte Wünsche bleiben unerfüllt, Ehrenamtliche können Familien kaum noch entlasten: Begleiter sterbender und schwer kranker Menschen stehen in der Corona-Krise vor Problemen. Dazu kommen finanzielle Sorgen.

*Merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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