Markus Kaiser vom „Circus Barnum“ füttert Kamele mit Karotten.
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Den Tieren schmeckt’s: Markus Kaiser vom „Circus Barnum“ bei der Fütterung der Kamele.

Gestrandete Wanderzirkusse sammeln Spenden

Wegen des Lockdowns: Bayerns Zirkusse kämpfen ums Überleben

  • Claudia Schuri
    vonClaudia Schuri
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Vorstellungen können nicht stattfinden, Eintrittsgelder fehlen und auch das Reisen ist kaum möglich: Die Corona-Krise hat auch die Zirkusse hart getroffen. Viele sind irgendwo gestrandet und kämpfen ums Überleben.

  • Viele Wanderzirkusse in Bayern sind während des Lockdowns irgendwo gestrandet. So geht es auch den „Circus Barnum“ und dem „Circus Carl Brumbach“.
  • Sie sind dankbar, in Unterschleißheim und Erding bleiben zu dürfen. Trotzdem kämpfen sie gerade ums Überleben.
  • Ohne Spenden, erklären die Zirkusdirektoren, könnten sie die Lockdown-Zeit nicht überstehen.

München – Der Zirkus ist für Markus Kaiser die schönste Sache der Welt: „Es ist unser Lebenstraum, unsere Erfüllung.“. Wenn er in der Manege als Messerwerfer oder mit seinen Tieren für leuchtende Kinderaugen sorgt, „dann kocht das Künstlerblut“. Der 45-Jährige ist Zirkusdirektor beim „Circus Barnum“. Den Familienzirkus gibt es seit 250 Jahren, normalerweise zieht er das ganze Jahr durch Bayern. Seit Mitte August sind die rund 20 Mitglieder mit ihren etwa 60 Tieren in Unterschleißheim (Kreis München) gestrandet. Kamele, Lamas, Ziegen, Esel, Alpakas, Rinder, Pferde – sie alle tummeln sich auf dem Lohhofer Volksfestplatz und können am Gehege besucht werden. Die Verzweiflung ist groß: „Wir haben keine Einnahmen, aber viele laufende Kosten“, sagt Kaiser. Die Versicherung für die sechs Lastwagen ist teuer, die Wohnwägen müssen beheizt werden und das Futter für die Tiere kostet täglich rund 400 Euro. Die Familienmitglieder bekommen Hartz IV.

„Die Tiere sind bei uns an erster Stelle“, betont Kaiser. „Am wichtigsten ist, dass es ihnen gut geht.“ Corona-Hilfen habe der Zirkus bisher nicht erhalten, dafür aber viel Unterstützung von der Bevölkerung und Landwirten. „Wir sind auf die Spenden angewiesen“, betont Kaiser. Er ist dankbar, dass die Zirkusfamilie kostenlos mit ihren Wohnwägen auf dem Volksfestplatz bleiben darf.

Die Tiere können besucht werden

Auch der „Circus Carl Brumbach“ ist froh, seit November eine vorübergehende Heimat gefunden zu haben – auf dem Festplatz in Erding. „Ohne Spenden könnten wir nicht überleben“, sagt Danny Brumbach. Wie Kaiser hat er am Gehege eine Spendenbox aufgestellt. „Die Tiere können gestreichelt werden“, erklärt er.

Sie hoffen, bald wieder starten zu können: Für die Mitglieder des „Circus Carl Brumbach“ mit Direktor Danny Brumbach (Mitte) ist es keine leichte Zeit.

Danny Brumbach führt den Zirkus in der achten Generation. Seine Kinder sind ebenfalls voller Begeisterung dabei. „Bei uns gibt es sogar Live-Musik“, erzählt er. Die Clowns, Tiertrainer, Musiker und Artisten proben täglich – auch wenn nicht klar ist, wo und wann sie wieder auftreten dürfen. „Normalerweise werden die Verträge bis zu eineinhalb Jahre im Voraus geschlossen“, erklärt er. „Aber das macht jetzt niemand.“ Der Zirkus bietet zudem einen Mitmachzirkus für Kindergärten, Schulen und andere Einrichtungen an – doch auch das fällt weg. Das Zirkusgeschäft sei schon immer schön, aber nie leicht gewesen, erzählt Brumbach. „Jetzt ist es ein Überlebenskampf.“

Generell können Zirkusse staatliche Unterstützung wie Überbrückungshilfen beantragen. „Die Hilfsprogramme der Bundesregierung sind branchenoffen und richten sich an Unternehmen jeglicher Größenordnung“, erklärt Anna Sophie Eichler, Sprecherin beim Bundeswirtschaftsministerium. „Somit können grundsätzlich auch Zirkusse eine Förderung beantragen, sofern sie die jeweiligen Förderbedingungen erfüllen.“ Da sie direkt von den Schließungen betroffen sind, wären sie zum Beispiel für die November- und Dezemberhilfe antragsberechtigt.

Verband fordert Unterstützung für den Neustart

Doch der Antrag muss über einen Dritten wie einen Steuerberater gestellt werden. „Die meisten Familienzirkusse haben aber keinen Steuerberater und würden auch keinen finden“, sagt Ralf Huppertz, Vorsitzender des Verbands deutscher Circusunternehmen. „Deshalb haben sie gar keine Möglichkeiten, Hilfen in Anspruch zu nehmen.“ Für größere Zirkusse dagegen könnten die Hilfen eine Erleichterung sein. Doch für sie sei die Situation aufgrund der hohen Ausgaben auch besonders existenzbedrohend. „Die Zirkusse brauchen Unterstützung für den Neustart“, fordert Huppertz. Wie die Branchen Theater und Musik müssten sie eine Kulturförderung bekommen.

Es wäre schade, wenn das Virus eine uralte Kultur zerstört

Zirkusdirektor Markus Kaiser

Zirkusdirektor Markus Kaiser hat eine weitere Idee: „Es wäre für uns eine große Hilfe, wenn für Schausteller gerade die Versicherungs- und TÜV-Gebühren übernommen würden“, sagt er. Für den Neustart wünscht er sich außerdem Unterstützung von den Städten und Gemeinden: „Ein großes Problem ist, dass manche Städte nur zwei oder drei Werbeplakate erlauben“, berichtet er. Aufgeben kommt aber nicht infrage: „Es wäre schade, wenn das Virus eine uralte Kultur zerstört“, sagt er. Auch Danny Brumbach wird weiter kämpfen: „Wir sind startklar, wenn es wieder losgehen kann.“

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