Christoph Simon vom Spinnradl am Spitzingsee sitzt auf einem Barhocker in der leeren Disko..
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Der Frühjahrsputz ist längst abgeschlossen: Christoph Simon im „Spinnradl“ am Spitzingsee.

Wann kann es wieder losgehen?

Nachtleben trotz Corona: Betreiber warten auf Perspektiven - doch Aussichten sind düster

  • Marc Beyer
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In vielen Bereichen des öffentlichen Lebens sind Corona-Einschränkungen im Laufe der Monate gelockert worden. Die Nachtszene aber wartet noch immer auf eine Perspektive. Im Herbst sollte es losgehen – hoffen die Betreiber. Doch momentan spricht nichts dafür.

München - Ein Schlagzeuger wird Sepp Schwarzenbach so schnell nicht werden. An gutem Willen und Lerneifer hat es ihm anfangs nicht gemangelt, an Zeit auch nicht, er hätte sogar Räumlichkeiten gehabt, wo er garantiert niemanden gestört hätte. Aber ziemlich schnell hat er das Üben dann doch wieder sein lassen. „Allein Musik zu machen, macht keinen Spaß“, hat er festgestellt. „Da wird man schnell ein bisschen melancholisch.“ Und seine seelische Verfassung ist gerade eh nicht die beste.

Sepp Schwarzenbach aus Wolfratshausen: Geplanter Nachtclub

In Wolfratshausen kennt man Sepp Schwarzenbach als umtriebigen Menschen, das Gegenteil eines Kindes von Traurigkeit. Eigentlich. Leider aber ist er in einer Branche zuhause, die in Corona-Zeiten* noch härter getroffen ist als all die anderen, denen es auch schon schlecht geht. Sepp Schwarzenbach ist Gastronom. Und sein neuestes Projekt ist ein Nachtclub.

„Tingel-Tangel“ wird der Laden heißen, wenn er denn irgendwann zum ersten Mal öffnet. „Eine Bühne der wilden Künste“ schwebte ihm schon für den ursprünglichen Termin im März vor, mit Live-Musik am frühen Abend und Club-Betrieb zu späterer Stunde. Das Konzept klang vielversprechend, doch mehr als ein Versprechen ist es bis heute nicht. Noch immer steht die Bühne leer, seit Monaten schon. Wann sich der Vorhang das erste Mal heben wird, weiß niemand.

Zeppelin-Bar in Wolfratshausen bald nach Neueröffnung wieder zugesperrt

Gähnende Leere: Sepp Schwarzenbach in der Zeppelin-Bar.

Auch die „Zeppelin-Bar“, seinen zweiten Laden, hat Schwarzenbach bald nach der Wiedereröffnung erneut zugesperrt. Er hat es mit einem Biergarten auf dem Parkplatz versucht, „aber das hat sich nicht getragen“. Die Leute, hat er festgestellt, „wollen sich mit einem Lächeln begegnen“. Und mit Maske lächelt es sich schlecht.

Vor Corona klangen die Geschichten aus der Nachtgastronomie wild und laut, bunt und rauschhaft. Heute handeln sie davon, dass einfach nichts passiert. Wenn die Leute feiern, tun sie es am See, an der Isar, im Park oder mitten in der Stadt. Währenddessen stehen die alten Party-Oasen verlassen da. Die Politik hat sich um viele Branchen gekümmert, und sie hat ihre Bemühungen auch rege kommuniziert. Zum Thema Nachtclubs aber hört man nahezu nichts – auch das spricht für sich.

In einer Pandemie, wenn Abstand, Hygiene und Atemschutz über Leben und Tod entscheiden können, hat es eine Szene, in der all das eher keine Rolle spielt, schwer. David Ritter hat für die Homepage seines „Erding Weekend Club“ ein kurzes Video produziert, das in Endlosschleife läuft. Zu sehen ist in zehn, zwölf Sekunden praktisch alles, was in guten Zeiten zu einem Club-Besuch einlädt, was man jetzt aber unbedingt vermeiden sollte: Nähe, Umarmungen, Gesang, ungehemmter Alkoholgenuss. Ritter kann glühend schwärmen von seinem Club, einem „Riesenareal“ mit Tagesbetrieb ab dem Frühstück, mit Biergarten und fließendem Übergang in den Clubmodus. „Der könnte in New York stehen“, findet er, und in München wäre sein Laden „der angesagteste überhaupt in der Stadt“. Aber momentan, das weiß er selber, ist das alles kein Spaß mehr: „500 Leute, betrunken, schwitzend – wenn einer das Virus hat, sind am Ende vielleicht 300 angesteckt.“ 

Corona und Nachtclubs - die denkbar schlechteste Kombination

Nachtclubs und Corona, diese Kombination kommt auf keinen gemeinsamen Nenner. Wenn man es dennoch versucht, ist das Ergebnis buchstäblich ernüchternd. Die Schweiz hat im Juni, als die Zahl der Neuinfektionen niedrig war, die Bars und Clubs wieder geöffnet – und rasch die Folgen zu spüren bekommen. Mal steckten sich in Zürich fünf Personen an einem Abend an, mal waren es 20 im Aargau. Es dauerte nicht lange, ehe die ersten Kantone die Obergrenze in Clubs drastisch reduzierten. Von 1000 auf 100. Überraschend ist daran vor allem, dass der Betrieb überhaupt weiterlaufen darf.

Risikopotential der Nachtszene: Man hätte gewarnt sein können

Man hätte gewarnt sein können. Bereits im April befasste sich das Schweizer Bundesamt für Gesundheit laut Medienberichten mit dem Risikopotenzial der Nachtszene. Auf einer Skala bis 16 landete sie bei 14. So schlecht schnitten sonst nur Prostitution und Escort-Services ab. Am Spitzingsee haben sie die unfreiwillige Pause genutzt, um das „Spinnradl“ auf Vordermann zu bringen. Christoph Simon zählt auf: „Silikonfugen, Verkabelungen, Lichtanlage, Kühltheke zerlegt und gereinigt – was man halt so macht, wenn man Zeit hat.“ Zeit hat er immer noch, mehr als er sich wünschen würde, aber nun gibt es beim besten Willen nichts mehr zu tun. „Mehr als blitzeblank geht ja nicht.“

Das „Spinnradl“ hat in der Region einen Ruf wie Donnerhall, manche Party-Anekdote erheitert die Gemüter noch Jahrzehnte später. Aber von der Vergangenheit kann man nicht ewig leben, so prima die Geschäfte auch liefen. „Wir waren immer gut besucht, deshalb bangen wir nicht um die Existenz“, sagt Simon. „Aber im Winter muss der Betrieb eigentlich laufen. Spätestens November, Dezember sollte es möglichst losgehen.“ 

Ungeduld ist einer der vielen Gemütszustände, die man als Nachtgastronom gerade durchläuft. Frust gehört auch dazu, Enttäuschung, Ohnmacht. Am zermürbendsten, sagt Sepp Schwarzenbach, sei für ihn die Ungewissheit. „Man weiß nicht, ob es noch drei Monate dauert oder drei Jahre.“ Mittlerweile stellt er an sich „eine gewisse Apathie“ fest. „Man ist handlungsunfähig. Das ist das Schlimme.“

Spinnradl am Spitzingsee: Allein 20.000 Euro Stromkosten im Jahr

Schlimmer wäre nur, wenn noch die nackte Existenzangst* hinzukäme. Aber wenigstens diese Last bleibt ihnen – vorerst – erspart. Christoph Simon zehrt von den guten Jahren im „Spinnradl“, Sepp Schwarzenbach hat nebenbei eine Hausverwaltung und David Ritter mehr als genug zu tun mit Tagesbetrieb und Biergarten. „Ich komm’ bei Null raus“, das ist schon ein Erfolg. Aber nicht jedem geht es so gut. Einen Club zu betreiben, ist teuer. Allein die jährliche Stromrechnung beläuft sich im „Spinnradl“ auf über 20.000 Euro.

Wann wieder bessere Tage kommen? Sepp Schwarzenbach sieht sich in seinen düstersten Befürchtungen bestätigt. Ihm sei von Anfang an „relativ klar gewesen, dass wir die Letzten sein werden, die wieder aufmachen“. Und dennoch sagt er: „Ich kann’s verstehen.“ Da spricht nicht nur ein Gastronom, sondern auch ein Kommunalpolitiker. Seit dem Frühjahr sitzt er im Stadtrat von Wolfratshausen. David Ritter hat das gleiche Amt in Erding.

Party und Pandemie, das wird sich so schnell nicht unter einen Hut bringen lassen. Kompromisse mögen in vielen Bereichen funktionieren, aber was die Clubszene betrifft, gibt es Naturgesetze. „Selbst wenn nur 200 Leute rein dürften, würden sie nicht 1,50 Meter Abstand halten“, weiß Simon. „Die stehen dann alle an einem Fleck.“

Es hat sich eine Menge aufgestaut, vom Frust der Gastronomen bis zur Sehnsucht der Leute nach Vergnügen. So schnell wird sich der Stau nicht auflösen, aber wenn die Einschränkungen irgendwann fallen, dann, sagt Christoph Simon, „ist mehr los als je zuvor“. Es ist die eine Hoffnung, die sie alle verbindet. *

Doch für Montag hat der bayerische Ministerpräsident Markus Söder erst einmal eine außerplanmäßige Videokonferenz angesetzt. Drohen etwa weitere Beschränkungen? *Merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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