Autos parken auf einer freien Fläche am Waldrand im Steigerwald.
+
Autos parken auf einer freien Fläche am Waldrand im Steigerwald.

Bayerische Wälder statt Ballermann

„Rückschlag“: Corona-Trend hinterlässt Spuren in Bayerns Wäldern - aber es gibt auch positive Folgen

  • Katarina Amtmann
    vonKatarina Amtmann
    schließen

Wegen Corona verbringen viele Deutsche ihren Urlaub statt am Ballermann in den bayerischen Wäldern. Nicht immer wird Rücksicht auf die Natur genommen - doch es gibt auch positive Folgen.

  • Wegen Corona verbringen viele Deutsche ihren Urlaub dieses Jahr im eigenen Land.
  • Besonders beliebt sind auch die bayerischen Wälder, jedoch wird nicht immer Rücksicht auf die Natur genommen.
  • Doch es gibt auch positive Folgen.

Ebrach/Berchtesgaden - Bayerische Wälder statt Ballermann. Wegen Corona* machen viele Deutsche im eigenen Land Urlaub und nehmen sich eine kleine Auszeit in den bayerischen Wäldern. Nicht immer wird dabei allerdings Rücksicht auf die Natur genommen. Doch es gibt auch positive Folgen.

Corona-Trend Wandern: Urlauber-Andrang - Anwohner trägt im eigenen Garten Gehörschutz

Wasser plätschert, es riecht nach Bärlauch entlang des Böhlbaches im Steigerwald. Eigentlich ein idyllisches Fleckchen Erde, nicht jedoch während des Lockdowns. Autos aus den Regionen Hamburg und Berlin parkten die Wege zu, ein Anwohner trug sogar einen Gehörschutz - auf seinem Liegestuhl im eigenen Garten.

Der Andrang am Böhlgrund war auch Folge einer Werbung der Bayerischen Staatsforsten in Ebrach mit zehn „Coronavirus-Ausflugstipps“. Doch ähnliche Situationen zeigten sich in den letzten Monaten vielerorts in Bayern - nicht nur dort, wo Erholungssuchende bewusst hingeschickt wurden.

„Wald-Baden“ in Corona-Zeiten: Münchner Professor befragt Waldbesucher

„Der Wald stärkt das Immunsystem, und „Wald-Baden“ wirkt sich positiv auf die Psyche aus“, erklärt Forstbetriebsleiter Ulrich Mergner den Grund, warum man die Ausgangsbeschränkung nutzte, um Besucher zu locken. Es scheint unbestritten, dass mehr Menschen in Corona-Zeiten in den Wald gehen.

Einen entsprechenden Anstieg bemerkten nicht nur die Bayerischen Staatsforsten, sondern auch der Waldbau-Professor Michael Suda von der Technischen Universität München. Er hat ab Ende April sechs Wochen lang Waldbesucher befragt und ebenso wie eine Untersuchung in Baden-Württemberg herausgefunden, dass die Zahl der Besucher und Besuche deutlich angestiegen ist.  Im Wald könnten die Menschen abschalten, die Störungen durch Autolärm, Gestank, Stress und Hektik würden dort reduziert. Gesundheitsförderliche Aspekte sind erwiesen, dazu gehört eine vermehrte Ausschüttung von Endorphinen oder die Bildung von Abwehrzellen.

Besucher-Andrang in bayerischen Wäldern: „Letzte konsumfreie Zone“

Und ein dritter Faktor ist laut Suda entscheidend: „Der Wald ist die letzte konsumfreie Zone. Sie können in den Wald gehen und haben kein Geld dabei und es macht nichts. Das macht ganz viel Erholung aus, dass man nicht an Konsum denken muss, sondern sich auf andere Dinge, auf das Grün um einen herum, konzentrieren kann.“

In Bayern sind laut Bund Naturschutz (BN) und Landesbund für Vogelschutz (LBV) vor allem stadtnahe Wälder, der Bayerische Wald und die Alpenregion Besuchermagneten. „Zu Beginn von Corona gab es durch den vermehrten Besucherandrang regelrechte Aufschreie im Alpenraum“, erinnert sich Ralf Straußberger vom BN.

Coronavirus in Bayern: Oberländer beschweren sich über Lärm und Müll

Interessanterweise scheinen sich viele Menschen besonders an jenen Dingen zu stören, die zeigen, dass auch andere im Wald unterwegs sind, kleine Papierfetzen etwa. „Dabei geht der größte Teil der Waldbesucher total verantwortlich mit dem Wald um“, betont Suda. „Der Wald ist ein total wichtiger, wertgeschätzter Ort.“ Nur ein verschwindend geringer Anteil der Besucher hinterlasse Müll oder ritze Kritzeleien in Baumrinden - was allerdings in der Öffentlichkeit oft stark wahrgenommen werde, so Suda.

In den Medien spielte dabei nicht nur der Besucherandrang im Einzugsgebiet von München eine große Rolle, wo vor allem Oberländer über vollgeparkte Straßen, Müll und Lärm klagten*. Auch um den Nationalpark Berchtesgaden gab es Aufregung. Beispielsweise sollen Hunde von Spaziergängern den gerade erst aus dem Winterschlaf erwachten Murmeltieren nachgestellt haben. In einem anderen Fall schossen Unbekannte mit einer Pistolenarmbrust auf einen Auerhahn.

Corona in Bayern: Nationalpark-Berchtesgaden will Instagram-Tourismus Herr werden

Außerdem versucht der Nationalpark verzweifelt, der großen Beliebtheit einer Gumpe Herr zu werden. Das zur Selbstdarstellung bei Instagram beliebte Fotomotiv hatte zur Folge, dass die zuvor eher versteckt liegende Wasserstelle heuer überrannt wurde - samt zertrampelter Vegetation, illegalen Lagerfeuern und verbotenem Zelten. Die Gumpe soll nun gesperrt werden.

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

Instagram-Hype am Wasserfall ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀ Auch wir haben einen Instagram-Kanal gelauncht, einer der Auslöser war die zunehmende Selfie-Sucht in unserem Schutzgebiet. Unsere Postings verbinden wir mit viel Wissenswertem über die einzigartige Nationalpark-Natur. Der Wasserfall am Königssee ist dem Überfall durch Influencer zum Opfer gefallen. Das früher ruhige und abgelegene Naturparadies leidet. Viele Einheimische gehen wegen der Massen gar nicht mehr hin. Die Gumpen werden im Netz getaggt, gepostet, geliked, am besten gleich live. ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀ Die Fotos vom Baden im „Natural Infinity-Pool“ luden Tausende zum Nachahmen ein. Der Run auf den Wasserfall forderte bereits Tote! Und die Natur mitten im Nationalpark wird immer mehr zerstört. Die Ufervegetation ist bereits komplett zertreten, Berge von Müll werden hinterlassen und illegale Lagerfeuer gemacht. Unbelehrbare campieren im Schutzgebiet, hinterlassen sogar ihre Billig-Zelte und Schlafsäcke. Das kann es doch nicht sein! An alle Influencer: Mit Euren teilweise enormen Reichweiten habt Ihr viel Einfluss auf viele Menschen. Seid Euch bewusst, dass ihr durch solche Postings die Natur zerstört. Campieren, Lagerfeuer, Müll, Drohnenflüge - das ist alles im Nationalpark verboten. Warum? Weil Tiere gestört werden und die Pflanzenwelt leidet. Seid verantwortungsvoll mit Euren Mitmenschen und unserer einzigartigen Natur. Löscht Eure Posts und stellt keine neuen ins Netz. Verzichtet auf Wegbeschreibungen. ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀ Mittlerweile werden in der Instagram-Community auch andere Stimmen laut, die rücksichtslose Influencer ermahnen: Verzichtet auf Hashtags! Behaltet die Tipps für Euch! #stopgeotagging #protectnature ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀ Und nicht zuletzt: Weniger als 1% der Landesfläche in D sind Nationalparke. Diese Fläche ist winzig. Hier sollten es wir Menschen doch schaffen, uns zurückzunehmen und die Natur die erste Geige spielen lassen. Die Natur dankt es euch. ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀ @umweltministerium @umweltministerium_bayern @bergerlebnis_berchtesgaden @tourismus.koenigssee @bischofswiesen_tourismus #stopgeotagging #protectnature

Ein Beitrag geteilt von Nationalpark Berchtesgaden (@nationalparkberchtesgaden) am

„Wir haben nicht nur den Eindruck, dass sich zahlenmäßig mehr Menschen im Wald aufhalten, sondern viele Besucher verhalten sich auch anders“, resümiert auch LBV-Vorsitzender Norbert Schäffer und spricht von einem „Rückschlag“. „Müll in der freien Natur zum Beispiel war eigentlich ein Problem, das wir gelöst hatten.“ Auch der BN berichtet, dass laut Forstarbeitern wesentlich mehr Abfall in den Wäldern liege. 

Corona in Bayern: „Wenn die Leute hierzulande Urlaub machen, ist das zu begrüßen“

„Wenn die Leute hierzulande Urlaub machen, ist das zu begrüßen, da die Fliegerei eine große Klimabelastung verursacht“, betont Straußberger. Der Bund Naturschutz plädiert dafür, touristische Hotspots und Tagestourismus zu vermeiden. „Lieber ein paar Tage bleiben, auf das Auto verzichten und öffentliche Verkehrsmittel nutzen“, sagt Straußberger. 

Und vor allem: An die Verkehrsregeln halten. In Gebieten, in denen sich Wiesenbrüter oder Auerwild, Birkwild und Schwarzstorch aufhalten, gebe es eigentlich die Vorschrift, dass die Wanderer auf dem Weg bleiben sollen. „Immer wieder wird uns aber berichtet, dass die Leute sich dort kreuz und quer bewegen“, sagt Straußberger. „Die machen das ja nicht, weil sie die Tiere verscheuchen oder absichtlich stören wollen, sondern sie wissen es nicht.“ Daher sei der durch Corona vermehrte Sommerurlaub im Wald auch eine Gelegenheit, die Menschen für die Natur zu sensibilisieren.

Eine zerbrochene Bierflasche liegt neben einem Wanderweg im Steigerwald.

Coronavirus in Bayern: Ranger werden von manchen Menschen aggressiv angegangen


„Dabei sind Gebietsbetreuer und Ranger wichtiger als je zuvor“, sagt Schäffer vom LBV. „Das Bedrückendste für mich: Ich kenne viele Ranger, die ausgebildet sind für ein sachlich-konstruktives Gespräch und die von manchen Menschen aggressiv angegangen werden.“ Wie Schäffer berichtet, gab es in letzter Zeit eine Reihe von Fällen*, in denen Wanderer und Mountainbiker Naturschutzbeauftragte oder Ranger auslachten, einfach stehenließen, dumm anredeten oder gar
handgreiflich wurden.

Die vielen Zugriffe auf die Homepage des LBV bestätigen aber auch das steigende Interesse an der Natur: „Wir haben Werte erreicht, die kannten wir bisher nicht“, sagt Schäffer. Vor allem Seiten über Vogelartenbestimmung und Vogelbeobachtung würden die Leute anklicken. „Wir haben die Menschen nun draußen. Sie schauen sich unser Land genauer an, weil sie eben nicht in Spanien oder Griechenland sind. Das müssen wir als Chance sehen, um zwischen Natur, Lebensraum und
den Menschen zu vermitteln.“ (kam/dpa) *Merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

Ein Mann weigerte sich in einem Zug der Bayerischen Regiobahn eine Maske zu tragen, obwohl dies aufgrund von Corona vorgeschrieben ist. Seine Begründung: Er sei der „König von Bayern“. Wer zum Wandern auf die Alpspitze bei Garmisch-Partenkirchen will, sollte gut ausgerüstet sein. Doch nicht jeder Tourist sieht das ein - was zu teils blamablen Szenen führt.

Alle Nachrichten aus Bayern lesen Sie immer bei uns.

Mehr zum Thema

Kommentare