Die Crux mit dem Abschlusszeugnis

München - Sechs Zeilen – so viel ist in einem Abschlusszeugnis der Mittelschule Platz für individuelle Schülerleistungen. Reicht das aus, um dem Schüler gerecht zu werden? Die Wirtschaft hat Zweifel.

Die IHK-Ausbildungsumfrage vermittelt eine klare Botschaft: Es fehlt an Auszubildenden. Über 30 Prozent der Unternehmen haben Probleme, ihre Ausbildungsplätze zu besetzen; 19,6 Prozent der in Bayern befragten Firmen gibt sogar an, keine einzige Bewerbung auf ihre ausgeschriebene Lehrstelle erhalten zu haben. Erstmals nennt die IHK auch eine hochgerechnete Zahl, wie viele Lehrstellen in Bayern deshalb unbesetzt bleiben: etwa 10 300 allein im IHK-Bereich - und die freien Lehrstellen beim Handwerk sind dabei noch gar nicht berücksichtigt.

Zwar gibt es nach wie vor viele Klagen über die mangelnde Ausbildungsreife der Schulabgänger (siehe Grafik). Doch angesichts des Bewerbermangels gieren die Betriebe geradezu nach Kandidaten – und würden vielleicht auch solche nehmen, deren Noten nicht so gut sind. Die Aussage „Soziale Kompetenzen sind mir wichtiger als die schulischen Leistungen“ unterschrieben sogar 42,2 Prozent der Personalchefs. Vor zwei Jahren waren es erst 23,7 Prozent. Und jeder fünfte Betrieb wünscht sich explizit, dass in den Schulzeugnissen besser über Stärken und Schwächen der Jugendlichen informiert wird.

Dies stößt beim Kultusministerium auf Erstaunen: „Die bayerischen Schulzeugnisse haben einen hohen Aussagewert“, erklärte das Ministerium. Und verweist auf die Abschlusszeugnisse für Mittel- und Realschule. Dort ist in der Tat Raum für Bemerkungen – bei der Mittelschule sechs Zeilen, bei den Realschulen fünf Zeilen. Allerdings gilt der Grundsatz: nichts Negatives! „In den Jahrgangsstufen 9 und 10 dürfen die Zeugnisse keine Bemerkung enthalten, die den Übertritt in das Berufsleben erschwert“, heißt es in Paragraph 64 der Bayerischen Realschulordnung. Negative Bemerkungen könnten dem Schüler „zum Nachteil gereichen“. Die Bemerkungen sollten „einerseits der Wahrheit entsprechen, andererseits aber nicht zu deutlich negativ“ sein. Dass das für die Schulen eine Gratwanderung ist, gibt Jörg Engelmann von der IHK München-Oberbayern gerne zu. Es sei wie bei den Arbeitszeugnissen – auch dort könne ja nicht einfach Klartext geschrieben werden. Trotzdem könne die Kritik ein Denkanstoß sein, die Zeugnisse künftig anders zu gestalten.

Auch eine Studie des DGB sorgte gestern für Wirbel. Der Gewerkschaftsbund hatte behauptet, Ausbildungsabbrüche wären auf die mangelnde Ausbildungsfähigkeit der Betriebe zurückzuführen. Dem widersprach der Präsident des Bayerischen Handwerkstages, Heinrich Traublinger.

Dirk Walter

Rubriklistenbild: © dpa

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