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Verschickungskinder: CSU und Freie Wähler fordern Aufarbeitung - Schmetterten früheren SPD-Antrag aber ab

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Von: Katrin Woitsch

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eine Schwarz-Weiß Aufnahme eines Jungen, der in einem ehemaligen Erholungsheim Essen aus einer Schale löffelt
Essen unter Zwang – davon berichten viele ehemalige Verschickungskinder. In den Erholungsheimen wurden viele Kinder und Jugendliche gedemütigt, geschlagen und misshandelt. © dpa

Viele Kinder, die bis in die 90er-Jahre zur Kur in Erholungsheime geschickt worden waren, kehrten traumatisiert zurück. Bayerns Staatsregierung fordert plötzlich Aufarbeitung.

München - CSU und Freie Wähler fordern nun in einem Antrag, die Schicksale dieser Verschickungskinder aufzuarbeiten. Die SPD hatte vor einem Jahr denselben Antrag gestellt. Damals hatten ihn die Regierungsparteien abgeschmettert.

Eigentlich würde sich Doris Rauscher gerne darüber freuen, dass endlich etwas vorangeht. Die SPD-Landtagsabgeordnete aus dem Kreis Ebersberg setzt sich seit Langem dafür ein, dass aufgearbeitet wird, was viele sogenannte Verschickungskinder durchgemacht haben. Sie waren zwischen 1950 und 1990 zur Kur in Erholungsheime geschickt worden. Viele der geschätzt acht bis zwölf Millionen Kinder in Deutschland kamen von diesen Kuren jedoch verstört oder sogar traumatisiert zurück. Sie waren gedemütigt, geschlagen oder misshandelt worden. Die meisten schwiegen Jahrzehnte darüber. Erst 2019 kam das Thema durch einen Fernsehbericht in die Öffentlichkeit – und immer mehr Betroffene sprachen über diese Zeit.

Rauscher ist mit einigen Verschickungskindern in Kontakt. Vergangenes Jahr hatte ihre Fraktion einen Antrag gestellt und die Staatsregierung aufgefordert, unabhängig von der bundesweiten Untersuchung tätig zu werden. Doch der Antrag wurde abgeschmettert. Umso überraschter war sie, als sie von dem Antrag erfuhr, den CSU und Freie Wähler eingereicht haben. Sie fordern nun ebenfalls eine Aufarbeitung in Bayern. „Ergänzend zum Engagement des Bundes liegt es auch in der Verantwortung der Länder, sich dem Schicksal der Verschickungskinder verstärkt zuzuwenden“, steht in der Begründung. Doris Rauscher sieht das genauso. Doch als sie 2021 dafür kämpfte, argumentierte ausgerechnet die CSU, dass es sich um ein bundesweites Geschehen handle und die Aufarbeitung auf Bundesebene stattfinden müsse. „Ein Viertel der Erholungsheime war in Bayern“, betonte Rauscher. Doch sie kam mit diesem Argument nicht weiter. Dass CSU und Freie Wähler nun ihre Begründung von damals aufgreifen und den Antrag selbst stellen, sei schon dreist, findet sie.

Doris Rauscher bei einer Rede im Landtag
Doris Rauscher, SPD-Landtagsabgeordnete © Lino Mirgeler

Den Antrag begründen wird heute die CSU-Abgeordnete Petra Högl. „Die Problematik haben wir schon vergangenes Jahr erkannt“, betont sie. Allerdings habe ihre Fraktion einige Formulierungen in dem SPD-Antrag als unglücklich empfunden – deshalb nun die eigene Version. Man könnte schon weiter sein, hätte man sich damals geeinigt, räumt Högl ein. Umso wichtiger sei es, das Thema jetzt anzugehen. Das sieht auch Florian Streibl, der Fraktionsvorsitzende der Freien Wähler, so. Auch seine Partei spricht sich nun für eine systematische und transparente Aufarbeitung auf Bayern-Ebene aus. „Manchmal dauert es eben, bis Dinge reifen“, sagt er. „Oft geht es bei so einem Antrag um Nuancen.“ Im Vordergrund stehe es nun aber, den Verschickungskindern von damals Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. „Es ist jetzt die absolut richtige Zeit, dieses Thema anzugehen.“

Die SPD wird dem Antrag, der am Donnerstag im Sozialausschuss des Landtags behandelt wird, natürlich zustimmen, betont Rauscher. Die Sache sei wichtiger als der Ärger über die Regierungsparteien. Sie hofft aber, dass es nicht nur bei einem Bericht über die Vorfälle von damals bleibt. Rauscher fordert konkrete Unterstützung für die Opfer von damals. „Die ehemaligen Heimkinder brauchen eine Anlaufstelle“, betont sie und schlägt dafür die Stelle für Heimkinder im Zentrum Bayern Familie und Soziales vor. „Die soll allerdings Ende des Jahres auslaufen.“ Rauscher fordert, sie weiterzuführen und für Verschickungskinder zu öffnen.

Der Schritt, sich Hilfe zu holen, ist sowieso schwer. Er sollte Betroffenen nicht noch schwerer gemacht werden.

ein ehemaliges Verschickungskind

Andreas Kugler (Name geändert) hofft darauf. Er war ein Verschickungskind und hat in den 60er-Jahren in Bad Reichenhall während seiner Kur schwere sexuelle Übergriffe erlebt. Erst seit zwei Jahren ist er in Therapie, um das aufzuarbeiten. „Dieser Schritt ist sowieso schon schwer“, sagt er. Aber er werde den Betroffenen noch schwerer gemacht, weil es keine Anlaufstellen gibt. Über Doris Rauscher erfuhr er von der Initiative Verschickungskinder, die Betroffene gegründet hatten. Von staatlicher Seite gebe es kaum Unterstützung, berichtet Kugler. Er hat die Debatte im Landtag im vergangenen Jahr verfolgt und war maßlos enttäuscht, dass die Aufklärung auf den Bund geschoben wurde. „Ich hoffe sehr, dass sich jetzt endlich etwas tut.“

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