Das Leben hat einen Lauf: Impressionen einer historischen Pilgerfahrt nach Rom – mit Trachtlern, Kardinal und dem Papst-Bruder.

Geburtstagsfeier für den Papst

Dahoam in bella italia

Rom - Geburtstage nachfeiern – sollte man das tun? Klar. Vor allem, wenn man Papst ist. Denn dann bekommt man einen bayerischen Heimatabend geschenkt. An die 1000 Trachtler, Gebirgsschützen und Musikanten haben sich dazu auf eine unvergessliche Reise nach Rom gemacht.

Es ist die wohl außergewöhnlichste, bayerischste, gamsbärtigste Pilgergruppe, die Rom je gesehen hat. Sie trägt Haferlschuhe, Lederhosen, dicke Trachtenjacken, beneidenswert viele, bunte Orden an der Brust, teilweise kunstvolle Zwirbelbärte und grüne Hüte. An manchen Hüten stecken Bilder vom Kini, an einigen welche von Franz Josef Strauß. Gerade steht diese gut 900 Mann und ein paar Dutzend Frau starke Pilgergruppe 25 Kilometer außerhalb der italienischen Hauptstadt – in einer Reihe, mitten in der Sonne. Es ist grillwürstlmäßig heiß, bestimmt 36 Grad. Grad schön.

Ein Fahnenträger sagt: „15 Kilo wiegt so ein Teil.“ Ein Königreich für einen Schluck Wasser, aber dafür ist keine Zeit, nicht jetzt. Die Pilger warten auf den Moment ihres Lebens. Die Pilger stehen knapp unter dem Castel Gandolfo, der Sommerherberge des Heiligen Vaters.

Und, eh klar: Sie wollen rein, rein zum Papst. Ihm zum 85. Geburtstag gratulieren, nachträglich. Deswegen sind sie hier, deswegen haben sie sich heute so schön gemacht.

Dann das Signal, einer schreit: „Links um! Im Gleichschritt marsch!“ Ein paar Minuten und einen steilen Berg später stehen gut und gerne 450 bayerische Gebirgsschützen in voller Montur direkt vor dem prunkvollen Castel, zudem all die Trommler, Trachtler, Fahnenträger, die Marketenderinnen mit ihren Schnapsfassln, die Schuhplattler, Sänger, Musikanten sowie ein Gstanzlsänger aus Freising, der nachher noch einen großen Auftritt haben wird. Der Salutzug der Tegernseer Gebirgsschützen, 14 auserwählte Männer, schießen mit ihren Karabinern dreimal in die Luft – so laut, dass viele die Ohren zuhalten müssen. Peng, peng, peng. Wir sind da! Die Geburtstagparty kann beginnen.

Castel Gandolfo ist von nun an offiziell bayerisches Territorium. Zumindest anderthalb Stunden und einen unvergesslichen Heimatabend lang. Einen Heimatabend lang, bei dem der Papst heute noch lachen, singen und jodeln wird. Ja, tatsächlich, das wird er. So wahr Gott helfe.

So läuft das, wenn die Bayern zum Gratulieren nach Rom kommen, wenn sie zu ihrem Papst fahren. Dann geht die Lutzi ab. Schon die Anfahrt der fast 1000-köpfigen Gruppe war ein Abenteuer, ein Erlebnis. Sie erfolgte per Sonderzug von München nach Rom. Fahrtzeit: 13 Stunden. Schlafen: schwierig, im Sechserabteil, immer drei übereinander. Wer jemals in seinem Leben der arg speziellen Einzigartigkeit, der gesellschaftsfördernden Enge von Landschulheimausflügen per Zug nachtrauern sollte, der muss auf der Stelle um seine Aufnahme bei den Gebirgsschützen ersuchen. Und dann schnurstracks mit ihnen im Bummelzug nach Rom fahren. Unvergesslich.

Mehr Gemütlichkeit als mit diesen brauchtumserhaltenden, traditionspflegenden, selbstbewussten, jungen, alten, mittelalten, meist wunderbar Bairisch redenden Mannsbildern lässt sich kaum wo erleben. Allererster Satz eines Gebirgsschützen an der Bordbar, kurz hinter dem Ostbahnhof: „Jetzt kimmt da Durscht.“ Problem allerdings: Kurz nach Salzburg ist der Durscht noch immer da – aber kein einziges Helles mehr zu kaufen. Die Gebirgsschützen haben den Zug leer getrunken, mit Hilfe der anderen Papstpilger natürlich. Ging rasend schnell. Da hat offensichtlich wer versäumt, genügend Tragl bayerisches Bier einzuladen. Verheerend?

Gar nicht. Eine gute Feier kann ganz und gar nichts ruinieren. Irgendwann, ein Stückerl hinter Salzburg, packen die ersten Trachtler in den winzigen Abteilen ihre Instrumente aus – und spielen drauflos. Musik auf allen Gängen. Hinten im Gesellschaftswagen spielt der Früah Sepp aus Brunnthal an seinem Akkordeon das „Bauernmadl“, drei seiner Kinder, natürlich in Tracht, singen. Danach sagt er: „Wann kommt man denn schon nochmal zu einem bayerischen Papst nach Rom?“ So eine Reise müsse man einfach machen. Das ist das Geheimnis dieser Erlebnistour: Da muss man dabei sein, gibt’s vielleicht in den nächsten 1000 Jahren nicht mehr. Gibt’s vielleicht nie mehr – so eine Chance. Und so ist auch die Stimmung: wie im Rausch. Glückliche Passagiere allerorten.

Besonders glücklich sind aber jene Passagiere, die neben dem Metzgermeister Nikolaus Fischer aus Wagen 14 sitzen. Der Murnauer Gebirgsschütze hat 120 Regensburger und nochmal so viele Mini-Salamis mit auf die Fahrt genommen. Salami – extra mit italienischen Gewürzen, sagt er. So bereitet er seine Kompanie schon mal auf das fremde Land vor. Vorbildlich. Heute hat das Leben sowieso einen Lauf: Irgendwie klappt alles. Selbst das mit dem Bier fügt sich wie von Zauberhand. Bei Zwischenhalts tanzen die ersten Paare auf den Bahnsteigen; und während irgendwer Quetschn spielt, kümmern sich andere um den Durscht. Sprich: Sie besorgen Nachschub. Ein Gebirgsschütze kann das Glück kaum fassen, als er die Paletten mit frischem, österreichischem Büchsenbier in den Zug rollen sieht. „Jetzt ham’s scho wieder a Tankstelle leer gekauft.“ Dann fährt der Zug wieder an, immer weiter in die Nacht, immer weiter Richtung Heiligem Vater, Ehrenschütze der Tegernseer Kompanie.

Es ist eine magische Nacht. Eine, von der man noch seinen Urenkeln erzählen kann. Oder zumindest dem Stammtisch drei Monate lang, manches bestimmt auch der Ehefrau. Einige der Pilger finden im Zug dann auch noch ein paar Stunden Schlaf, andere nicht. Auch wurscht. Hellwach sind jedenfalls wieder alle, als um kurz nach 6 Uhr diese Durchsagen durch die Lautsprecher scheppert: Wir sind bald in Rom, heißt es. Und: „Bitte nachher in den Petersdom keine Messer mitnehmen. Und keine Lederhosen. Die Knie bedecken.“ Nun ja, so ein Gebirgsschütze hat einen adleräugigen Blick für die Realitäten des Lebens. Ihre Messer lassen sie im Bus, aber die Lederhose, die bleibt dran am Mannsbild. So halten es zumindest die meisten. Die Dom-Wächter werden ja wohl kaum ein paar Dutzend katholischer, schwer traditionsbewusster Männer, die eine Verabredung mit dem Papst haben, rauskomplimentieren. Oder doch?

Ein paar Stunden später werfen die gestrengen Wächter noch gestrengere Blicke auf dieses seltsame Völkchen, das da vom Petersplatz auf sie zu marschiert. Aber es passiert: nichts. Schon sind sie drin in der Kirche, die Gebirgsschützen. Das Leben hat einen Lauf. Noch immer.

Und so bleibt es auch so: Die Reise ist für die Pilger ein Volltreffer, zu jeder Zeit. In Reih’ und Glied stehen die stolzen Männer aus Gmund, aus Garmisch, Rottach-Egern, Bichl, Benediktbeuern und von sonst woher am nächsten Tag im Castel Gandolfo. Vorne Papst Benedikt in seinem Stuhl, daneben sein Bruder Georg Ratzinger, auf den Ehrenplätzen Ilse Aigner, Joachim Herrmann, die Kardinäle Marx und Wetter. Alle sind sie zu dieser sagenhaften Geburtstagsfeier mit Erntetanz, Schuhplattln und Liedern aus der Heimat gekommen. Zu dieser musikalischen Rundreise durch das Erzbistum München und Freising. Gerade bekommt Benedikt XVI. ein eigens komponiertes Geburtstags-Gstanzl geschenkt. Es handelt: natürlich von ihm selbst.

Vor dem Papst steht Walter Vasold, der Sänger und Landwirt, aus Freising. Er singt: „Sie essen mit Vorliebe gern Weißwürst/ Und do foit ma grad ei/ Statt Bier trinken sie do dazua a Krachal/ Da wern ja Weißwürst beleidigt sein.“ Der Papst – der ewige Limonaden-Trinker. Darf man so was singen?

Ja, man darf. Benedikt XVI. lacht herzhaft über die Verse, die Trachtler lachen, die Gebirgsschützen lachen. Der Innenhof des Castel Gandolfo ist selig, beschwingt. Walter Vasold, Jahrgang 1959, hat einen Coup gelandet. Das Weißwurst-Gstanzl kommt an.

Am Ende des bayerischen Abends singen sie die Bayernhymne, der Papst stimmt mit ein. Und auch beim Andachtsjodler, „tjo tjo di ri, tjo tjo ri di-ri-do-jo-iri“, macht Benedikt XVI. mit. Leise zwar, aber der Papst jodelt. Man hat den Eindruck: Es gefällt ihm, der Abend bewegt ihn. Man kann zwar nach Rom ziehen, Papst sein, die Welt kennen, sie bereisen, aber die Heimat: Man bekommt sie nicht aus dem Herzen. Wär ja auch noch schöner. Besonders in Zeiten der „Vatileaks“-Affäre können ein paar Liedchen aus der Heimat das Falscheste eh nicht sein. Rein seelisch.

„Ich kann nur vergelt’s Gott sagen“, sagt Papst Benedikt zum Abschied. „Ich war richtig dahoam.“ Bewegende Worte für alle. Ein Gänsehautmoment. „Es hat mich im Herzen erfreut“, sagt der Heilige Vater. Aber Gott habe es uns in Bayern auch leicht gemacht. Nicken im Innenhof.

Dann, zuallerletzt, gibt er seinen 1000 Gästen noch einen letzten Satz mit in die Nacht. „Mit dem Nein zur Freude dienen wir niemandem.“ Nie wurde ein Papst-Satz schneller Wirklichheit als heute. 1000 beseelte Pilger verlassen das Castel Gondolfo, steigen in ihre Busse und fahren gemeinsam in ein biergartengroßes Restaurant in Rom. Es gibt Bruschetta, Pasta, Wein und nach dem Essen ein paar „Prosit auf die Gemütlichkeit“. Man fühlt sich heute dahoam in bella italia.

Zu später Stunde dirigiert Kardinal Marx die Gmunder Dorfmusikanten, Vasold gstanzlt, der Haushamer Bergwachtwachtgsang hat auch noch was auf Lager, ein paar Burschen schuhplattln. Hier bestellen sie noch eine Flasche vino rosso, bittschön! Dort ein birra grande, per favore!

Die Nacht hat einen Lauf. Heim ins Bett? Naa, auf keinen Fall. Wann sonst im Leben feiert man quasi auf Geheiß des Heiligen Vaters?

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