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Darf man ein KZ sanieren? Auf dem Gelände des ehemaligen KZ-Außenlagers Kaufering VII bei Landsberg-Erpfting wollen Experten die ehemaligen Häftlingsbaracken instandsetzen.

Heikler Fall

Darf man ein KZ sanieren?

Landsberg - Darf man ein KZ sanieren? Auf dem Gelände des ehemaligen KZ-Außenlagers Kaufering VII bei Landsberg-Erpfting wollen Experten die ehemaligen Häftlingsbaracken instandsetzen. Ein heikles Unterfangen.

Eines stellt Generalkonservator Mathias Pfeil gleich mal klar: „Das ist keine Restaurierung, sondern eine Instandhaltung.“ Und: „Das darf am Ende keinesfalls so aussehen, als hätte man die Baracken glänzend wiederhergestellt.“ „Ja kein Disneyland“, das ist auch die Marschroute, die Manfred Deiler vorgibt.

Deiler ist der Vizevorsitzende der „Bürgervereinigung Landsberg im 20. Jahrhundert“. Der kleine Verein kümmert sich seit mehr als 30 Jahren um die Überreste eines großen Lagerkomplexes: Wo jetzt der Löwenzahn blüht, fand 1944/45 das Grauen statt. Kaufering VII war ein Außenlager des KZ Dachau und gehörte zum Rüstungsprojekt „Ringeltaube“. Mehrere tausend KZ-Häftlinge, oft direkt aus Auschwitz als „arbeitsfähig“ hierhin selektiert, schufteten unter Aufsicht von SS und „Organisation Todt“. Ihre Aufgabe war es, Rüstungsbunker zu bauen, in denen das Düsenflugzeug Me 262 hergestellt werden sollte. Dazu kam es nicht – doch geschätzt 14 000 zumeist jüdische Häftlinge starben in den insgesamt elf Lagern rings um Landsberg und Kaufering. Viele Lager-Standorte sind komplett zerstört – Kiesunternehmer haben sich hier eine goldene Nase verdient. Kaufering VII jedoch blieb – weil der verstorbene Fleischgroßhändler Alexander Moksel, selbst jüdischer Holocaust-Überlebender, der Bürgervereinigung Geld gab. Der Verein kaufte das Gelände und bewahrte es vor der Zerstörung.

69 Jahre später sind vom KZ Nummer sieben nur mehr einige Baracken übrig geblieben, dazu noch etliche Betonfundamente. Mehrere dieser Erdbunker, in denen die KZ-Häftlinge unter erbärmlichen Bedingungen hausten, sind verrottet, aus dem Boden einer der Baracken stemmt sich sogar eine mächtige Fichte empor. Drei der Erdbunker sind jedoch erhalten – und auf sie richtete sich gestern das geballte Interesse des Denkmalschutzes. Die Baracken sind akut einsturzgefährdet. Um das zu verhindern, hat sich die Landsberger „Bürgervereinigung“ nach langem Zögern auf die Restaurierung eingelassen. Ohne Streit ging es nicht – der ehemalige Lehrer Anton Posset, ebenfalls Vereins-Vizevorsitzender, lehnt die Restaurierung nun vehement ab. „Wir haben 23 Jahre zusammengearbeitet“, sagt Deiler. „Das tut schon weh.“ Posset sei ein schwieriger Mensch, sagt auch der CSU-Abgeordnete Thomas Goppel, gleichzeitig Vorsitzender des Landesdenkmalrats. Aber er sei ihm „dankbar“, denn ohne seine Vorfeld-Arbeit wäre das Lager nicht erhalten geblieben.

Dann stapft Deiler in dicken Gummistiefeln über das Gelände und zeigt auf eine Baracke. „Sie ist erst vor einigen Jahren eingestürzt. Die Schneelast“, bedauert er. Danach habe ein Umdenken eingesetzt. Behörden wurden aktiviert, Gelder zusammengekratzt – die Sanierung kostet etwa 800 000 Euro. Der Münchner Architekt Franz Hölzl wurde engagiert. Die Baracken-Bauweise ist kompliziert. Das gewölbte Dach besteht aus Tonflaschen, die ineinander gesteckt wurden – ein französisches Patent, das die Nazis aus unerklärlichen Gründen beim Bau des Lagers VII einsetzten. Hölzl beteuert, es werde nur konservierende Eingriffe geben, „keine sichtbaren Veränderungen“. Er spricht dann viel über Dübelsysteme und Mörtelschichten, am Ende aber wird klar: Für Puristen ist das nichts. Schon haben Bauarbeiter die Fundamente der Baracken freigelegt. Die mit Gras bewachsenen Baracken – früher ein Sichtschutz gegen Fliegerangriffe – sollen abgeräumt und mit Teichfolie neu abgedichtet werden. Die alte Humusschicht muss weg – Sondermüll, sie ist mit Teer verseucht. Im Herbst 2015 sollen die drei Baracken wieder stabil sein.

Das kann für den dauerhaften Erhalt von Kaufering VII aber nur der Anfang sein. Deiler schwebt ein Dokumentationszentrum vor. „Das ist zwingend“, sagt auch Bayerns Oberster Denkmalschützer Mathias Pfeil. Wer das finanzieren soll, weiß niemand.

Und dann ist da noch ein Problem: Das Gelände des KZ Kaufering VII war früher viel größer – die Bürgervereinigung besitzt nur ein Drittel davon. Der Rest gehört der Stadt Landsberg, die es zugelassen hat, dass das Areal vergammelt. Es war früher Bauschuttdeponie, nun ist es ein Altlasten-Sanierungsfall. Klar ist: Es wird teuer. Das ist vielleicht ein Grund dafür, warum Landsbergs Oberbürgermeister Mathias Neuner nur vage von einer „Machbarkeitsstudie“ spricht, wenn man ihn darauf anspricht.

Dirk Walter

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