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Nicht ohne meine Dattelpalme: Gustl Mollath verlässt mit einer Topfpflanze in der Hand das Bezirkskrankenhaus Bayreuth. Sieben Jahre lang war er in der Psychiatrie.

Gustl Mollath ist frei

"Das ist eine große Freude"

München - Plötzlich ging alles ganz schnell: Gustl Mollath ist seit Dienstagabend frei. Überraschend zügig hat das OLG Nürnberg eine Wiederaufnahme seines Verfahrens angeordnet. Jahrelang saß er in der Psychiatrie, kämpfte mit der Justiz. Jetzt reichten zwei Buchstaben für die schlagartige Wende.

Als Gustl Mollath, 56, in die Freiheit tritt, hält er eine Dattelpalme in den Händen. Er nennt sie „meine Mitgefangene“, sie habe ihn viele Jahre lang in der Bezirksklinik Bayreuth begleitet, sagt er. „Da fühlt man sich schon verbunden.“ Sie habe so viel mitbekommen in seinem Leben, jede Razzia in seinem Zimmer, das nächtliche Wecken. Das ist jetzt vorbei.

Es ist kurz vor 18 Uhr, als Mollath zu den Journalisten geht, die an einer Schranke warten, über einen kleinen Grashügel kommt er auf sie zu. Er hat geduscht, trägt Jeans und ein hellblaues Polohemd, nicht das rote, das er häufig anhat. Er wischt sich den Schweiß von der Stirn, spricht von „Erleichterung“, von „großem Glück“, das er empfinde. Und darüber, dass ihm jahrelang Grundrechte verweigert worden seien. „Ich will unbedingt ein ordentliches Wiederaufnahmeverfahren erreichen – ohne Komplikationen“, sagt er. Mollath geht weiter, steigt in ein Auto, die Dattelpalme hält er auf dem Schoß. Dann ist er weg, ganz schnell.

Ein paar Stunden zuvor in Hamburg, um 11.10 Uhr, klingelt das Telefon von Gerhard Strate, Mollaths Anwalt. Strate hebt ab, am anderen Ende der Leitung spricht Andreas Wankel, der Vorsitzende des Ersten Strafsenats am Oberlandesgericht Nürnberg. Er teilt Strate mit: Mollath kommt frei. Heute noch.

Der Verteidiger legt auf, dann greift er sofort wieder zum Hörer. Er wählt die Nummer der Forensischen Psychiatrie im Bezirkskrankenhaus Bayreuth, wo Mollath untergebracht ist. In der Klinik kennen sie Strate schon, trotzdem muss er erst die Vermittlung anrufen, sie holen seinen Mandanten an den Apparat.

Mollaths erster Satz, so erzählt es Strate später: „Das ist eine große Freude.“ Siebeneinhalb Jahre lang war er in psychiatrischen Kliniken untergebracht, 2717 Tage, gegen seinen Willen. Er soll seine Frau misshandelt und Reifen zerstochen haben, er soll gemeingefährlich sein, unter wahnhaften Störungen leiden (siehe Text unten). Mollath hat das immer bestritten – und dagegen angekämpft. Jetzt soll er freikommen, und alles soll ganz schnell gehen.

Die Freude kippt bald um in Sorge: Was jetzt? Spätestens um 15 Uhr muss er seine Zelle verlassen, in ein paar Stunden. Er fühlt sich „vor die Tür gekippt“. Gerne hätte er seine Unterlagen geordnet, die sich in den vergangenen Jahren gestapelt haben – die Kisten passen nicht in einen normalen Kofferraum, erzählt später ein Freund. Aber jetzt muss Mollath erst einmal Entlassungspapiere ausfüllen.

Auch für Mollaths Unterstützer, das ist inzwischen ein bundesweiter Trupp, kam der Richterspruch überraschend. Ein paar hatten sofort von der Freilassung erfahren. Eilig organisierten sie eine Abholaktion. Sie fuhren nach Bayreuth – mit einem Transporter. „Damit auch die ganzen Kartons mit Gustls Sachen mitkönnen“, erzählt Edward Braun.

"Das muss man erstmal sacken lassen"

Der Zahnarzt aus Bad Pyrmont, einer Kurstadt in Niedersachsen, unterstützt Mollath schon lange. Er hat sogar eine eidesstattliche Aussage zu dessen Gunsten abgegeben. Er fühle „Überraschung und Freude“, sagt er. „Ich weiß, dass wir uns keine Sorgen machen müssen, dass er in ein Vakuum fallen wird.“ Mollath habe viele Unterstützer. Sie erreichen ihn erst mal nicht. Am Nachmittag dann, gegen halb vier, kann Braun endlich mit Mollath telefonieren. Sehr gefestigt habe der auf ihn gewirkt. Und: „Jetzt machen sie großen Druck, dass er rausgeht“, sagt Braun.

Doch wo wird Mollath unterkommen? Sein früheres Haus ist längst zwangsversteigert. Braun erzählt: Mollath werde zunächst in den Nürnberger Raum ziehen, zu dem Mann, dem auch der Transporter gehört, einem Flugzeugmechaniker. Im Grunde kann sich Mollath in Freiheit bewegen wie er will – auch Auslandsreisen sind erlaubt. Er muss sich nicht einmal bei den Behörden melden. Denn seit gestern Vormittag hat das Urteil, dem Mollaths Zwangseinweisung in die geschlossene Abteilung folgte, keine Rechtskraft mehr: „Jede weitere Stunde Unterbringung wäre rechtswidrig“, sagt Gerichtssprecher Michael Hammer .

Mollath und sein Anwalt Strate hatten erst in ein paar Wochen mit der Entscheidung der Nürnberger Richter gerechnet, das Tempo überrascht beide. „Das muss man erst einmal sacken lassen“, sagt Strate, eigentlich ein ganz nüchterner Typ. Emotional könne auch er als Verteidiger das alles nicht sofort erfassen. Dass das Oberlandesgericht Nürnberg zu Gunsten Mollaths entscheidet, habe ihn allerdings nicht überrascht: „Der Senat hat einen guten Ruf, die Besetzung ist ausgezeichnet – mit Richtern, die mit dem Verfassungsrecht befreundet sind“, sagt Strate spitz.

Das ärztliche Attest war "unecht" - das wirft alles um

Damit kritisiert der Jurist indirekt die 7. Strafkammer des Landgerichts Regensburg, die erst am 24. Juli das Wiederaufnahmeverfahren für unzulässig erklärt hatte – diese Entscheidung haben jetzt die Nürnberger Richter kassiert. Und zwar klipp und klar, ohne juristisches Geschwurbel – indem sie sich ein entscheidendes Detail herauspickten. Knackpunkt ist ein Attest – das Attest, die zentrale Säule von Mollaths Verurteilung. „Unecht“, teilt der Senat schriftlich mit.

Die Instanz darunter, das Landgericht Regensburg, hatte ein halbes Dutzend Gründe aufgeführt, die gegen eine Wideraufnahme sprechen. Nur dieser eine, das Attest, fliegt ihnen jetzt juristisch um die Ohren: „Da schon dieser Wiederaufnahmegrund durchgreift, kam es auf andere in den Wiederaufnahmeanträgen genannte Gesichtspunkte gar nicht mehr an“, begründet das Oberlandesgericht. Kurz: Nur ein Glied in der Kette muss brüchig sein, das reicht.

Das fragliche Attest wird am 3. Juni 2002 in einer Nürnberger Arztpraxis ausgestellt, mit Stempel und Briefkopf. Es dokumentiert Verletzungen, die Mollath seiner damaligen Frau Petra im August 2001 zugefügt haben soll, also neun Monate zuvor. Damals ließ sich Mollaths Frau untersuchen und behandeln, angeblich soll ihr Mann sie körperlich misshandelt, verprügelt haben – und zwar im Streit um Schwarzgeldgeschäfte der HypoVereinsbank. Bei der war die Gattin angestellt, als Vermögensberaterin. Im Jahr 2003 zeigte Mollath seine Frau und andere Beteiligte an, wegen unsauberer Geschäfte. Damals glaubte ihm niemand. Heute weiß man: Ein Teil der Vorwürfe trifft zu.

Das Attest von 2002 diente allerdings den Richtern am Landgericht Nürnberg-Fürth als wichtigster Beweis für die Gemeingefährlichkeit Mollaths – sie ordneten im August 2006 seine Zwangseinweisung in die Psychiatrie an.

Für die Nürnberger Richter geht es beim Attest im Kern um zwei Buchstaben und um zwei Punkte: „i.V.“ Das Kürzel steht für „in Vertretung“ – denn nicht die Praxisinhaberin, Petra M.s Hausärztin, unterzeichnete das Attest – sondern deren Sohn, der damals noch kein Arzt war, sondern im fünften Jahr seiner Ausbildung. Das Oberlandesgericht Nürnberg bezweifelt nicht, dass der angehende Mediziner Frau Mollath persönlich untersucht hat.

Doch das Vertretungskürzel „i.V.“ ist so klein, dass es nur bei „übermäßiger Vergrößerung“ der Urkunde zu sehen sei. Dadurch vermittle das Attest den falschen Eindruck, es gebe „die Feststellungen der Praxisinhaberin“ wieder. Das Gericht musste damals also davon ausgehen, die Einschätzung stamme von einer erfahrenen Medizinerin. Das reicht als Grund für eine Wiederaufnahme.

Zwei hingekritzelte Buchstaben – sie bringen Gustl Mollath nach sieben Jahren Psychiatrie in die Freiheit.

Wie geht es jetzt weiter? Wo er hinfährt, wo er schlafen kann, wie er leben wird – zu alldem sagt Gustl Mollath bei seiner Entlassung nichts. Er habe doch nicht einmal einen Ausweis, sagt er. Das sei das größte Problem. Alles andere werde man sehen.

Frühestens gegen Ende des Jahres, schätzt Mollath-Anwalt Strate, wird das neue Verfahren eröffnet – und zwar von einer anderen Kammer des Landgerichts Regensburg. Denn das Oberlandesgericht Nürnberg verwies den Fall nicht an die 7. Strafkammer zurück, die Ende Juli eine Wiederaufnahme verworfen hatte, sondern an die 6. Strafkammer. „Das ist eine schallende Ohrfeige“, sagt Strate. „Das ist üblich“, sagt Gerichtssprecher Hammer. So werde sichergestellt, dass sich die Kammer so unbefangen wie möglich der Sache nähern könne. Strate ist sich sicher, ganz sicher sogar: „Herr Mollath wird danach nie wieder in Haft kommen.“

Von Carina Lechner und Simon Pfanzelt

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