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Bitte einsteigen: Zivildienstleistender Andy Prechtl fährt im Landkreis Miesbach im Auftrag des BRK behinderte Kinder zu Sozialeinrichtungen. Die Erfahrungen möchte er nicht

„Das ist nicht zumutbar“

München - Die Union wollte den Wehrdienst erhalten, die FDP ihn abschaffen. Heraus kam ein typischer Kompromiss: Der Wehrdienst wird verkürzt – und damit auch der Zivildienst. Wohlfahrtsorganisationen sind entsetzt.

Ein Satz, und landesweit große Aufregung: „Die Koalitionsparteien halten im Grundsatz an der allgemeinen Wehrpflicht fest mit dem Ziel, die Wehrdienstzeit bis zum 1. Januar 2011 auf sechs Monate zu reduzieren“, heißt es auf Seite 124 des Koalitionsvertrags. „Das war für uns eine überraschende Nachricht“, sagt der Landesgeschäftsführer des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK), Leonhard Stärk. Er sei „entsetzt“. Denn die Zivildienstzeit ist seit 2004 gleich lang wie der Wehrdienst (derzeit neun Monate) – nach dem Wehrpflichtgesetz sinkt mit der Wehrdienstzeit gleichzeitig die Zivildienstzeit.

Sechs Monate wäre ein Rekord. Zum Vergleich: Zwischen 1984 und 1990 dauerte der Zivildienst 20 Monate, danach wurde es sukzessive weniger. Mit den nun geplanten sechs Monaten aber wird es schwer, für die rund 10 000 Zivis in Bayern noch sinnvolle Beschäftigungen zu finden.

1500 Zivis sind derzeit beim BRK, 900 davon beim Rettungsdienst. Schon durch die Ausbildung „ist ein Monat weg“, sagt Stärk. Erst ein Einführungslehrgang, dann ein Fahrsicherheitstraining, danach eine Fortbildung – das alles frisst Zeit. Ab 2011 ist zudem eine zusätzliche Woche zur Reflexion („Kurs für soziale Kompetenz“) verbindlich vorgeschrieben. „Klar, durch anständige Schulungen geht schon viel Zeit verloren“, sagt auch Zivi Andy Prechtl (18) aus Tegernsee (Kreis Miesbach). Er holt für das BRK behinderte Kinder von zu Hause ab, fährt sie zu Schule und Kindergarten und Nachmittags wieder zurück. Aus Sicht der Zivis aber wäre ein verkürzter Dienst von Vorteil, sagt der junge Mann. „Ich will später studieren und verliere jetzt ein Jahr Zeit.“ Bei der Verkürzung auf sechs Monate wäre das nicht mehr der Fall.

Die Sozialverbände machen eine andere Zeitrechnung auf. „Wir wurden schon bei der Verkürzung auf neun Monate nachdenklich“, sagt Harry Zipf, Leiter des Familienunterstützenden Dienstes bei der Lebenshilfe München. Zehn Zivis kümmern sich bei der Lebenshilfe um zum Teil Schwerst- und Mehrfachbehinderte. Sie entlasten Familien – „die können dann mal zum Einkaufen gehen oder einfach mit ihren nicht-behinderten Kindern einige Stunden etwas unternehmen“. Eine Verkürzung des Zivildienstes bedinge ein häufiger Personalwechsel, der die betroffenen Familien „nicht zumutbar ist“, wie Zipf findet. Ähnliche Sorgen treiben den Münchner Pflegekritiker Claus Fussek um. Über die Vereinigung Integrationsförderung e.V. arbeiten eine Reihe von Zivis als Schul-Begleiter für behinderte Kinder.

Wenn die Zivis künftig häufiger wechseln oder gar ganz wegfallen, wird es auch schwieriger, behinderte Kinder in Regelschulen zu integrieren. Dies aber, so erinnert Fussek, sei gerade Ziel der in diesem Jahr ratifizierten UN-Konvention für die Rechte behinderter Menschen (wir berichteten). In einigen betreuungsintensiven Bereichen werden Zivis schon heute zum Teil nicht mehr eingesetzt, etwa bei der Altenpflege. „Seit Jahren schon“ nehme er keine Zivis mehr, sagt Jochen Wagner, Leiter des AWO-Alten- und Pflegeheims „Josefstift“ in Fürstenfeldbruck. „Der Aufwand war nicht mehr gerechtfertigt.“ Seiner Meinung nach müsste der Zivildienst mindestens ein Jahr umfassen.

Dirk Walter

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