Fall Walter Lübcke: Zeugenaussage und Fund auf Toilette bringt Ermittler auf die Spur von Mittätern

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Mit seinen Beinprothesen kann Maxi Schwarzhuber alles, was vorher nicht ging. Auch Trampolinspringen. 

Ein Mann kommt auf die Beine

Dass er keine Füße mehr hat, hält ihn nicht auf: Marathon-Mann Maximilian  Schwarzhuber

Maximilian Schwarzhuber ist Sportler und Coach. Und Redner, wie er von sich selbst sagt. Für dieses Jahr hat er sich einen Triathlon und einen Marathon vorgenommen. Bekannt geworden ist er aus einem ganz anderen Grund.

Wolnzach – Maximilian Schwarzhuber schaut gut aus. Farbe hat er bekommen. Die Bräune ist kein Wunder, gerade ist er aus Venedig zurück – mit dem Fahrrad. Fünf Tage hat er für die 500 Kilometer gebraucht. Eine tolle Leistung – denn der 26-Jährige hat keine Füße.

„Wir hätten es auch in vier Tagen geschafft“, sagt Schwarzhuber, den sie in seiner Heimat Wolnzach (Kreis Pfaffenhofen/Ilm) nur Maxi rufen. „Aber ich möchte es demnächst in 24 Stunden hinkriegen, mit dem Rennrad.“ Nach Venedig. Mit Pedalen mit Spezialhalterung.

Wenn Schwarzhuber Vorträge hält, spielt Humor eine Hauptrolle. „Erst wenn ich über mich selbst lachen kann, lachen die anderen mit mir – und nicht über mich“, sagt er. Und lacht. Seine Lebensgeschichte ist eigentlich nicht amüsant. Als zweijähriger Bub will er nach dem Mittagsschlaf aufstehen, doch plötzlich sind seine Beine gelähmt. Die Beschwerden steigen weiter den kleinen Körper empor und drohen das Herz lahmzulegen. Ärzte verhindern das Schlimmste, doch die Gefühllosigkeit in den Beinen bleibt. Und während sich die Mediziner erfolglos die Köpfe zerbrechen, was die Ursache sein könnte, stößt sich der Bub ständig die Füße, tritt versehentlich in Nägel, weil er es nicht mehr spüren kann, holt sich Wunden über Wunden, die zäh heilen. Das Guillain-Barré-Syndrom gilt als wahrscheinlichste Diagnose, eine akute Nervenentzündung. Wo sie herrührt, bleibt rätselhaft.

Er steht erst auf eigenen Beinen, seit er seine Füße verloren hat

Wie Schwarzhuber da sitzt und erzählt in der Krachledernen, die rechte Prothese lässig über die linke geschlagen, während seine Mutter im Haus werkelt, klingt das alles wie eine bedauerliche, aber unbedeutende Episode. „Ich bin mal auf den Teide geklettert“, erzählt er, auf Spaniens höchsten Berg, „und beim steilen Abstieg macht man immer mal einen Hüpfer – mein Sprunggelenk war danach total zerstört.“

Immer wieder Krankenhaus, immer wieder Verletzungen, Therapien, der Körper ächzt unter dem angegriffenen Immunsystem. Trotzdem reist Schwarzhuber nach Neuseeland, radelt die Nordinsel ab, 4000 Kilometer, neun Monate bleibt er, und als er nach Deutschland zurückkehrt, ist er kaputter denn je. Später wird er bei einer Bootstour ohnmächtig, lässt sich nur widerwillig in die Klinik einliefern, der Arzt sagt: Einen Tag später, und die Beine hätten amputiert werden müssen. „Und da habe ich gemerkt: Das hätte mir gar nichts ausgemacht.“

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In diesem Moment beginnt ein Denkprozess. Schwarzhuber spricht mit Leuten, die Gliedmaßen verloren haben, besonders mit amputierten Sportlern. Es sind viele kleine Schritte, die ihn dem radikalen großen Schritt näherbringen. Die Familie ist dabei immer an seiner Seite. Einen der kleinen Schritte geht die Oma mit Maxi. Als sie an einem Tag im Krankenhaus seine geschundenen Füße sieht, sagt sie: „Weißt was, um die ist es nicht mehr schad.“

„Vor der Operation war ich in einer Stimmung wie in dem Film Green Mile“, erinnert er sich. Der handelt von Gefangenen, die auf ihre Hinrichtung warten. „Aber nachher, als ich aufwachte – das Gefühl war unglaublich gut.“ Der Abschied von seinen Unterschenkeln lehrte ihn etwas über das Leben: „Wenn man eine schwere Entscheidung treffen muss, ist es das Beste, man legt sich früh fest – und zwar so, dass es nicht rückgängig zu machen ist. Man weiht möglichst viele Leute ein. Die Erleichterung über den Beschluss kommt dann viel früher.“

Davon erzählt Schwarzhuber in seinen Vorträgen. Er tut das gern: „Auch weil die meisten meiner Zuhörer nicht erleben müssen, was ich erlebt habe.“ Er erzählt es aber unter Vorbehalt. „Ich sage allen, dass ich ein absoluter Ausnahmefall bin. Ich hatte viel Glück.“

Glück hin oder her – etwas, das er anderen Beinamputierten jedenfalls voraus hat: Schwarzhuber konnte, im Gegensatz zu Unfallopfern, längst Methoden entwickeln, mit Knien und Hüften auszugleichen, was die Füße seit Jahren nicht mehr zur Körperbalance beitrugen. In kürzester Zeit war er nach der OP wieder auf den – jetzt teilweise künstlichen – Beinen und ging, wie er es sich vorgenommen hatte, zu Fuß aus dem Spital, die Oma an seiner Seite. „Als ich zwei Wochen später in die Reha kam, dachten die anderen Patienten zuerst, ich wäre der Therapeut.“ 136 Tage, nachdem ihm 2017 beide Unterschenkel amputiert wurden, schafft er bei einem Wohltätigkeitsrennen die zehn Kilometer – mit zwei Prothesen unter den Knien.

Maxi Schwarzhuber ist Informatiker. Das hilft ihm jetzt beim Organisieren seines neuen Lebens als Selbstständiger. Als Mann, der erst auf eigenen Beinen steht, nachdem er seine Füße los ist. Die Themen, über die er in seinen Vorträgen spricht, handeln von Persönlichkeitsentwicklung, von Motivation, vom Überwinden der Grenzen. „Ich will nicht nur erzählen, ich will vorleben“, sagt er entschlossen. „Meine Geschichte lässt sich auf alles anwenden, da muss man kein körperliches Handicap haben.“ Wer auch immer ein Trauma zu überwinden hat, dem sagt er: „Es lohnt sich nicht, in die Opferrolle zu rutschen. Wenn man anderen die Schuld gibt, gibt man ihnen auch die Macht.“

Gerade schreibt er an einem Buch mit dem Arbeitstitel: „Echte Männer haben keine kalten Füße“. Auch ein Podcast ist in Planung. Und er selbst steht auch schon wieder vor dem Start. Am 13. Oktober will er beim Marathon in München mitlaufen. Mit neuen Laufprothesen der Spezialfirmen Össur und Mödl erhofft er sich einen Leistungsschub. Den Marathon möchte er unter vier Stunden laufen. „Auf lange Sicht schwebt mir aber der Weltrekord für Unterschenkelamputierte vor.“ Noch eine Stunde schneller. „Ein Verrückter“, sagt Maxi Schwarzhubers Mutter. Und er? Lacht.

THOMAS STILLBAUER

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