+
Eine Erfolgsgeschichte – aber wohl nicht auf Kosten des Flugzeugs: Ein ICE auf der Neubaustrecke bei Allersberg.

Flughafen-Chef ärgert sich über fragwürdige Angaben

Die Datenschummelei der Bahn: Woher kommen die vielen Berlin-Reisenden?

  • schließen

Mit Eröffnung der Bahnstrecke München-Berlin verbanden auch die Gegner einer Erweiterung des Flughafens Münchens große Hoffnungen. Doch die Zahlen täuschen. Nachdem der Bahnkonzern vor zwei Wochen eine Jubelstatistik vorgelegt hatte, rudert er jetzt zurück.

München – Münchens Flughafen-Chef Michael Kerkloh ist ein höflicher Manager, der für die Bahn zumindest offiziell stets nur lobende Worte übrig hat. Am liebsten wäre es ihm, so sagt er wieder, wenn die Bahn möglichst viel Verkehr innerhalb Deutschlands übernehmen könnte. Inlandsflugverkehr, so lautet zumindest die offizielle Linie, ist dem Flughafen eher lästig. Lieber setzt man auf den lukrativen Europa- und Interkontinentalverkehr.

Neulich aber, bei der Eröffnung des neuen Flughafen-Expresses am Bahnhof Freising, hielt sich Kerkloh mit Kritik nicht zurück. „Die Zahlen stimmen nicht“, fauchte er. Die Zahlen, mit denen die Bahn einen empfindlichen Nerv des Flughafens getroffen hatte.

Jubelbilanz zu ICE-Neubaustrecke München-Berlin

Was war passiert? Wenige Tage vor dem Termin in Freising hatte die Bahn eine Jubelbilanz zu einem Jahr ICE-Neubaustrecke München-Berlin vorgelegt. Kern der Pressemitteilung vom 30. November: In schwierigen Zeiten ist die Paradestrecke glänzend angekommen. Seit der Eröffnung am 10. Dezember 2017 habe sich die Zahl der Berlin-Reisenden mit 4,4 Millionen mehr als verdoppelt. 1,2 Millionen Reisende seien vom Flieger umgestiegen, eine Million vom Pkw.

Noch eine Zahl, die das Blut von Kerkloh in Wallung bringt: Die Bahn habe jetzt einen Marktanteil von 46 Prozent am Berlin-Verkehr. Schon die erste Nachfrage unserer Zeitung beim Flughafen sorgte dort für Stirnrunzeln. Es sei „für uns in keiner Weise nachvollziehbar, wie die Bahn zu der Aussage kommt, dass rund 1,2 Millionen Reisende vom Flugzeug zur Bahn gewechselt sind“, erklärte ein Flughafen-Sprecher. Wenn man den Wegfall der Verbindungen nach Berlin-Tegel und -Schönefeld summiere, komme man auf ein Minus von nur rund 100 000 Passagieren – nicht 1,2 Millionen.

Auch die Bahn hat die Stellungnahme des Flughafens gelesen – und nicht dementiert. Aus gutem Grund: Offenbar hat die Presseabteilung von DB Fernverkehr im Berliner Bahn-Tower einige Zahlen etwas überinterpretiert.

Dazu muss man wissen, dass die Bahn die Daten nicht einfach bei ihren Ticketschaltern abgefragt hat – also nicht etwa 4,4 Millionen verkaufte Tickets gezählt hat. Vielmehr zog die DB das Mobilfunkunternehmen Telefónica (O2) zu Rate. Telefónica hat – ähnlich wie Google oder die T-Systems – ein neues Geschäftsfeld entdeckt: den Handel mit Mobilfunkdaten, genauer gesagt mit den Mobilfunk-Zelldaten, mit denen das Bewegungsverhalten der Nutzer auf zwei Kilometer genau nachvollziehbar wird. Das Verfahren sei vom TÜV zertifiziert und streng anonymisiert, versichert das Unternehmen. Mit dem Verhalten der 48 Millionen Handynutzer von O2 lässt sich ein lukrativer Nebenerwerb betreiben. Immer wieder offeriert Telefónica aus Marketinggründen den Medien kostenlose Häppchen dieser Datenanalysen – zum Wiesnzeit etwa erfuhr man, dass am ersten Wochenende 54 Prozent der Besucher aus München stammen, und dass es im Übrigen mehr Berliner als Augsburger gab.

Angaben sind „eine Hochrechnung“

Auch die Bahn hat „für die Dienstleistung von Telefónica bezahlt“, bestätigt die Leiterin der Presseabteilung DB Fernverkehr, deren Namen man nicht schreiben soll. Natürlich wurde nicht der gesamte Berlinverkehr analysiert, das wäre wohl auch der DB zu teuer. Vielmehr wurden bestimmte Stichtage im Zeitraum zwischen Februar 2017 und Februar 2018 verglichen. Die 4,4 Millionen Reisenden sind daher „eine Hochrechnung“.

Das liegt auch aus einem anderen Grund nahe: Nicht jeder Berlin-Bahnfahrer hat ja ein O2-Handy in der Tasche. Die Reisenden der anderen Mobilfunkanbieter wurden ebenfalls hochgerechnet. Außerdem sind nicht alle der 4,4 Millionen Fahrgäste die gesamte Strecke München-Berlin gefahren, gibt die DB zu. „Das sind die Reisenden auf dieser Strecke.“ Gezählt wurde also auch, wer nur von Nürnberg bis Erfurt fuhr. Auch das hatte die Bahn in ihrer Pressemitteilung unterschlagen.

Nun die entscheidende Frage: Gab es denn wirklich den behaupteten Umsteiger-Effekt, sind wirklich 1,2 Millionen Reisende vom Flugzeug auf die Bahn umgestiegen? Die Fernverkehrs-Sprecherin zögert. Das Wort Fehler nimmt sie nicht in den Mund, aber sie bietet eine umständliche Erklärung: „Ich würde das heute in einen Kontext stellen.“ Offenbar habe die Bahn viele Neukunden gewonnen. Weil es jetzt die schnellen Sprinterzüge gibt, seien viele Reisende eingestiegen, die sonst vielleicht gar nicht nach Berlin gefahren wären – nach dem Motto: Es geht ja jetzt so schnell, und ist gar nicht so teuer, warum dann nicht mal ein Berlin-Ausflug?

Umgekehrt konzediert die Bahnsprecherin, dass die Berlin-Flüge nicht so zurückgegangen seien wie in der Mitteilung suggeriert wird. Bei den Berlin-Flügen seien wohl „Verlagerungseffekte nachbesetzt“ worden, vermutet sie. Auf Deutsch: Zwar habe es Umsteiger vom Flug zum Zug gegeben. Doch der Flughafen habe ebenso wie die Bahn Neukunden gewonnen, die die Lücken besetzten.

An einem lässt die Bahn aber nicht rütteln: Die Neufahrstrecke, auf der ICE-Züge mit über 300 km/h dahin rauschen, sei ein Erfolg – Zahlen hin oder her. „Wir sind auf der Strecke München–Berlin die bessere Alternative.“

Lesen Sie auch:

Bittere Bahn-Fakten im Vergleich - doch jetzt wächst der Druck 

Tarifstreit: Deutsche Bahn und Gewerkschaft EVG einigen sich

ICE-Schnellstrecke wegen Polizeieinsatzes stundenlang gesperrt

Bahn im Verspätungstief: Kunden wollen früher Entschädigung

Wer dieses Verhalten am Flughafen an den Tag legt, zieht den meisten Hass auf sich

Experte enthüllt: Das prüfen Stewardessen heimlich, wenn Sie ins Flugzeug steigen

Meistgelesene Artikel

Zwei Tage nach Führerscheinprüfung: Bikerin verunglückt bei Überholmanöver
Sie wollte ihren neuen Führerschein offenbar mit einer Spritztour durch die Sonne feiern - doch dieser Ausflug endete für eine 38 Jahre alte Motorradfahrerin dramatisch.
Zwei Tage nach Führerscheinprüfung: Bikerin verunglückt bei Überholmanöver
Entwarnung in Nürnberg und Fürth: Bombe erfolgreich gesprengt und entschärft
Eine Fliegerbombe wurde in Nürnberg gefunden. Betroffene Gebiete in Nürnberg und Fürth wurden evakuiert. Am späten Abend wurde die Bombe erfolgreich gesprengt.
Entwarnung in Nürnberg und Fürth: Bombe erfolgreich gesprengt und entschärft
Junge Mutter wegen Mordes an Baby zu Jugendhaft verurteilt
In Ingolstadt wurde eine junge Mutter für den Mord an ihrem Baby verurteilt. Der genaue Tathergang bleibt jedoch immer noch ungeklärt.
Junge Mutter wegen Mordes an Baby zu Jugendhaft verurteilt
Radfahrer kracht mit Auto zusammen und stirbt - Keiner weiß, wer der Tote ist
Nach dem Zusammenstoß mit einem Auto in Bamberg ist ein Radfahrer im Krankenhaus seinen schweren Verletzungen erlegen. Nur keiner weiß, wer der Mann war.
Radfahrer kracht mit Auto zusammen und stirbt - Keiner weiß, wer der Tote ist

Kommentare