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Ein Schild weist auf einen Schutzraum in einem stillgelegten Bunker der Staatsregierung in Geretsried hin. Bis 1992 unterhielt Bayern einen getarnten Ausweichsitz für die Regierung auf dem Gelände der örtlichen Feuerwehrschule.

Mit Dauerwurst und Bunker gegen die Angst

Diskussion um Zivilschutz: Das Geschäft mit der Angst

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    Stefan Sessler
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München - Mit ihrem Aufruf, Lebensmittel zu horten, hat die Bundesregierung viel Wirbel verursacht. Mit der Angst vor dem Katastrophenfall werden auch Geschäfte gemacht – und manche fühlen sich in den Kalten Krieg zurückversetzt.

Fitness-Studio, Einzelschlafzimmer und neun persönliche Duschen mit Entgiftungsfunktion. Das alles gibt’s im Bunker Modell „General“, 50 Personen passen rein – eine ganze Familie zum Beispiel, samt Großtanten und Schwiegermüttern, oder eine Firmenbelegschaft. Kosten: 1,9 Millionen Euro.

Angeboten wird der „General“ von einer Firma, die sich auf den Bau von unterirdischen Bunkern für Privatleute spezialisiert hat, die Kontaktadresse ist in Haag, Kreis Mühldorf. Es gibt auch kleine Bunker, den günstigsten für 39 500 Euro. Der Hersteller verspricht lebenslange Haltbarkeit, drei bis fünf Wochen Bauzeit und eine diskrete Installation – damit die neugierigen Nachbarn nichts mitkriegen von der Vorbereitung auf den Katastrophenfall.

In Deutschland wird gerade viel über Zivilschutz geredet, weil die Bundesregierung morgen ein erneuertes Notfallkonzept beschließen will – das alte ist 20 Jahre alt. Zum ersten Mal seit dem Ende des Kalten Krieges rät die Bundesregierung der Bevölkerung, Vorräte für den Krisenfall anzulegen, eine ähnliche Liste gibt es bereits (siehe unten). Für den Fall, dass Deutschland durch Terror, Cyber-Angriffe und andere Attacken moderner Kriegsführung lahmgelegt wird. Alles nur Panikmache? Wie ist es um den Zivilschutz in Deutschland bestellt? Gibt es eine Infrastruktur für den Katastrophenfall? Das sind die Fragen, die sich viele stellen.

„Wir dachten, wir leben in tiefstem Frieden“

Zivilschutz, ein heikles Thema. Das bayerische Innenministerium will sich zur aktuellen Katastrophenschutzdebatte erst äußern, wenn das Konzept vom Bund vorliegt. „Eine aktuelle Anzahl der noch vorhandenen öffentlichen Schutzräume liegt uns nicht vor“, teilt eine Sprecherin mit. Eine Anfrage bei der Stadt München nach ihrem Sicherheitskonzept bleibt am Montag unbeantwortet: zu viele Dinge, sagt ein Sprecher dazu, spielen mit rein.

Jörg Diester ist Bunkerhistoriker, er hat unter anderem über eine 83 000 Quadratmeter große atomsichere Anlage in Ahrweihler geforscht, in die Spitzenpolitiker aus der Bundeshauptstadt Bonn hätten flüchten können. Diester weiß, dass die Nachfrage nach privaten Bunkern sehr groß ist – ein Indiz dafür, dass das Sicherheitsempfinden bei vielen durch Terroranschläge oder den Amoklauf in München empfindlich gestört ist. Und Diester weiß, dass es in Deutschland praktisch keine öffentlichen Schutzanlagen mehr gibt. „Wir dachten, wir leben in tiefstem Frieden“, sagt Diester.

Nach dem Kalten Krieg konnten die Bundesländer entscheiden, was mit Bunkern und ähnlichen Anlagen passieren soll. Aus dem bayerischen Innenministerium heißt es, „das flächendeckende öffentliche Schutzraumkonzept zu Zwecken des Zivilschutzes wurde 2007 vom Bund aufgegeben“. Soweit öffentliche Schutzräume noch der Zivilschutzbindung unterliegen, würden sie von den jeweiligen Gemeinden oder Besitzern verwaltet und unterhalten. Experte Diester sagt: „Einige haben alles so gelassen, wie es war.“ Vieles gammelt einfach vor sich hin.

Das leuchtende Leitsystem im Bunker-Hilfskrankenhaus auf dem Gelände des Schlosses Zinneberg, Kreis Ebersberg.

In Söcking, Kreis Starnberg, zum Beispiel gab es mal ein Behelfskrankenhaus, das aber 2012 aufgelöst wurde. Ebenso das Bunker-Hilfskrankenhaus auf dem Gelände des Schlosses Zinneberg bei Glonn, Kreis Ebersberg. Das unterirdische Krankenhaus wurde 1965 eröffnet, Kosten: 450 000 Mark aus Bundesmitteln. In dem Atombunker gab es allerlei medizinische Gerätschaften, einen OP- und einen Röntgenraum, Duschen und einen Extra-Bereich für schmutzige Wäsche. Es gab sogar ein Inventar-Verzeichnis, auf dem alles aufgelistet wurde, was im Bunker vorrätig war: Nachthemden, Milchpumpen, Pantoffeln Größe 38 bis 45, Pulsuhren, Gummischürzen und vieles mehr. Das unterirdische Krankenhaus wurde nie genutzt, vor einigen Jahren wurde es dann ganz aufgelöst.

Zur Eröffnung anno 1965 war ein Reporter der Ebersberger Zeitung in dem Bunker. „Unter ganz harmlos aussehenden Brausen wird der nackte Patient mit Wasser vom Atomstaub befreit“, berichtet er. „Im nächsten Raum der Schleuse erhält er dann frische Kleider.“ In dem Hilfskrankenhaus gab es auch ein Schild, das vor der ABC-Schleuse stand: „Bitte Füße abstreifen“, hieß es darauf. Der Reporter notierte damals: „Hoffentlich gilt das nicht auch für den Ernstfall. Für einen Radioaktiv-Verseuchten wäre es doch sicherlich eine Zumutung, erst die Füße zu putzen. Falls er überhaupt noch welche hat.“ Auch Lebensmittelmarken gehörten zum Zivilschutzkonzept. Sie sollten in Krisensituationen ausgeteilt werden, wenn die Nahrung knapp geworden wäre. Die Marken wurden rund 40 Jahre im Landratsamt gelagert – dann wurden sie feucht und mussten entsorgt werden.

Der bayerische Ministerpräsident und ein abgespecktes Not-Kabinett sollten bei einem drohenden Atomschlag in Geretsried, Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen, unterkommen und von dort aus regieren. Unter der Kantine der staatlichen Feuerwehrschule am Ortsrand unterhielt der Freistaat bis 1992 einen getarnten Schutzbunker. Intakt ist der für 178 Menschen ausgelegte Schutzbau bis heute. Strom und Telefon funktionieren, es gibt Waschgelegenheiten und an den Wänden hängen ausklappbare Pritschen.

Andere Bunker werden längst anderweitig genutzt. Im ehemaligen Warnamt X zwischen Weilheim und Starnberg finden manchmal Kunstausstellungen statt. Die Tiefgarage des Landratsamtes in Starnberg wäre theoretisch als Bunker brauchbar. Auch die Anlage in Fürstenfeldbruck wurde rückgebaut und ist nur noch Tiefgarage.

Bunkerhistoriker Jörg Diester.

Bunkerhistoriker Jörg Diester sagt, schon zu Zeiten des Kalten Krieges hätte nie die gesamte Bevölkerung Platz in den Bunkern gehabt. „Die Zivilschutzquote lag bei 1,8 Prozent“, sagt er. Von 100 Bürgern hätten also nicht einmal zwei unterirdisch Zuflucht gefunden. „Das war immer ein Problem“, sagt er. „Das kann man sich eigentlich gleich sparen.“ Totaler Schutz für alle Bürger – das wäre schlicht nicht finanzierbar. „An das Thema traut sich niemand ran.“

Ein persönlicher Notvorrat – die Empfehlung der Bundesregierung

Das Bundesministerium für Ernährung empfiehlt folgenden Grundnahrungsmittelvorrat für eine Person und 14 Tage, der „in jedem Haushalt vorhanden sein“ sollte. Und: „Ein Vorrat ist nur dann sinnvoll, wenn er auch regelmäßig genutzt wird.“

Getreideprodukte, Brot, Kartoffeln

Vollkornbrot

1000 g

Zwieback

400 g

Knäckebrot

1000 g

Nudeln, roh

500 g

Reis, roh

250 g

Hafer-/Getreideflocken

750 g

Kartoffeln, roh

1000 g (geschält)

Gemüse, Hackfrüchte 

Bohnen in Dosen

800 g

Erbsen/Möhren in Dosen

900 g

Rotkohl in Dosen/Gläsern

700 g

Sauerkraut in Dosen

700 g

Spargel in Gläsern

400 g

Mais in Dosen

400 g

Pilze in Dosen

400 g

Saure Gurken im Glas

400 g

Rote Bete

400 g

Zwiebeln, frisch

500 g

Obst

Kirschen im Glas

700 g

Birnen in Dosen

250 g

Aprikosen in Dosen

250 g

Mandarinen in Dosen

350 g

Ananas in Dosen

350 g

Rosinen

200 g

Haselnusskerne

200 g

Trockenpflaumen

250 g

Frischobst

1000 g

Apfel roh

Birne roh

Banane roh

Orange roh

Getränke

Mineralwasser

28 Liter

Zitronensaft

0,2 Liter

Kaffee (Pulver) / Instantkaffee

250 g

Tee schwarz, trocken

125 g

Milch, Milchprodukte

H-Milch 3,5% Fett

3 Liter

Hartkäse

700 g

Fisch, Fleisch, Eier

Thunfisch in Dosen

150 g

Ölsardinen in Dosen

100 g

Heringsfilet in Soße, Konserve

100 g

Corned Beef in Dosen

250 g

Bockwürstchen im Glas/Dosen

300 g

Kalbsleberwurst im Glas/Dosen

300 g

Dauerwurst (z.B. Salami)

360 g

10 Eier Gewichtsklasse M

530 g

Fette, Öle

Streichfett

250 g

Butter

Margarine

Öl

0,3 Liter

Den Daten liegt eine durchschnittliche Energiezufuhr von 2200 Kilokalorien am Tag zugrunde. Bei dem vorgeschlagenen Mineralwasservorrat sind neben 1,5 Litern pro Person und Tag auch die zum Kochen erforderlichen Wassermengen von 0,5 Litern pro Person und Tag berücksichtigt.

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