Susanne Breit-Keßler war evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern
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Susanne Breit-Keßler war evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern

Offensichtlich ändert sich die Menschheit wenig

Davon geht die Welt nicht unter - Kolumne von Susanne Breit-Keßler*

Im Landtag wird herbe Kritik an der Kürzung von Zuschüssen für Provinztheater laut. Der Kultusminister beruhigt: Kleinere Bühnen, deren Existenz bedroht ist, werden erhalten. Ein paar Großstadtbühnen müssen allerdings mit Kürzungen leben - anders als die Staatstheater.

Vorerst unbeantwortet bleibt die Frage nach der Flüchtlingsunterkunft in Stephanskirchen. Es geht um Hungerstreiks, Gemeinschaftsverpflegung und eine aufgebrachte Bevölkerung.

Eine Landtagsabgeordnete der FDP berichtet in der Plenardebatte von Schulstreiks. Empörte Eltern halten ihre Kinder vom Schulunterricht fern – Protestaktionen gegen die Versetzung von Lehrkräften mitten im Schuljahr. Man bittet das Kultusministerium um Auskunft, ob und warum die Versetzungen notwendig waren, und was es zu tun gedenkt, Schulstreiks in Zukunft dadurch zu vermeiden, dass es Eltern rechtzeitig und überzeugend informiert.

Der Minister spricht von „dunklen Elementen“ im Hintergrund

Ein Abgeordneter fragt nach den Regensburger Vorfällen. Dort hat es im Februar Protestaktionen wegen eines Films gegeben. Bis zu 5000 Menschen standen zum Teil mit Brechwerkzeugen, Kanistern und Feuerwerkskörpern vor dem Rathaus. Beim bischöflichen Ordinariat wurden Fensterscheiben zertrümmert und das Tor beschädigt. Die Polizei ging mit Wasserwerfern gegen Demonstranten vor – mit „durchschlagendem Erfolg“ wie der Innenminister zur Heiterkeit des Plenums ausführt.

All das – und Einiges mehr - ist in der Sitzung des Bayerischen Landtags verhandelt worden. Am 27. Februar 1951. Die FDP-Abgeordnete war Hildegard Hamm-Brücher, die heuer 100 Jahre alt würde. Der SPD-Innenminister mit Sinn für Wortwitz hieß Wilhelm Hoegner. Der Film „Die Sünderin“ mit Hildegard Knef erregte die einen und ließ die anderen vor Wut kochen, als sie ihn nicht sehen konnten. Der Innenminister betonte die Meinungsfreiheit.

Er bedauerte die Art der Auseinandersetzung und erklärte, dass die Demonstrationen von „dunklen Elementen“ zu Ausschreitungen benutzt wurden, die den Tatbestand des Landfriedensbruchs erfüllen. Unter Beifall und Bravorufen schloss er: Derartige Ausschreitungen würden vom Staatsministerium des Innern „aufs schärfste verurteilt und auch in Zukunft mit den stärksten Mitteln unterbunden werden“.

70 Jahre ist das alles her. Offensichtlich ändert sich die Menschheit wenig. Vor allem in dem, was spontane Aufregung, allgemeine Entrüstung und die Neigung zu Randale anbelangt. Aber ein klein wenig gelassen stimmt es einen schon. Denn die vernünftigen Politiker und Politikerinnen verlieren weder ihr demokratisches Bewusstsein noch ihren Humor. Und die Welt geht von all den Emotionen anscheinend auch nicht unter.

*Die frühere evangelische Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler ist Vorsitzende des Ethik-Rates.

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