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Junge, Bub, Bua, Bou? In jedem Sprachraum wird dieser süße Lederhosen-Träger anders bezeichnet.

Debatte um Sprachpflege

"Ein Südhochdeutsch bringt nichts"

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München - Sprache, Dialekt, Bairisch – darüber diskutieren unsere Leser eifrig, seit Sprachwissenschaftler Otto Kronsteiner im Münchner Merkur ein Plädoyer für ein „Südhochdeutsch“ gehalten hat.

Andere Experten sehen einen „Duden-Süd“ aber kritisch. Der Münchner Dialektforscher Bernhard Stör (65) zum Beispiel.

Herr Stör, Ihr Kollege fordert ein Südhochdeutsch. Braucht´s das?

Ja mei. Was soll Südhochdeutsch sein? Was ist Süddeutschland? Wären Sie Fußballfan, wüssten Sie, dass der TSV 1860 vor 30 Jahren regelmäßig in Kassel Prügel bezogen hat – das war damals Regionalliga Süd, obwohl die Gegend zum niederdeutschen Sprachgebiet gehört. Wo will Herr Kronsteiner seine Grenze ziehen? Es gibt keine Definition.

Aber was ist denn gegen ein Nebeneinander von Süd- und Nordhochdeutsch einzuwenden?

Wenn ich nur das Beispiel „Semmel“ anschaue: Es gibt in der Pfalz, in Hessen, Franken oder Württemberg zig verschiedene Begriffe – warum muss „Semmel“ den Ton angeben? Das ist genau das Sprachdiktat, das Kronsteiner eigentlich nicht will.

Abgesehen von der Schwierigkeit der Definition – welche Gefahren sehen Sie?

Die Forderung nach einem Südhochdeutsch ist nichts anderes als der letzte Tintenklecks auf der Kapitulationsurkunde vor dem reichsdeutschen-preußischen Sprachimperialismus.

Das müssen Sie erklären!

Die Dialekte werden völlig vernachlässigt. Wer eine überdachende Sprache für Süddeutschland fordert, überspringt die Rettung der Dialekte – die sind die Basis. Es wäre viel wichtiger, dass zumindest die großen Regionalvarianten der süddeutschen Dialekte schriftlich dargestellt werden.

Was ist genau der Unterschied zwischen Dialekt und Südhochdeutsch?

Dialekte sind in unzähligen Monografien und in Sprachatlanten dargestellt worden, es gibt überregionale und kleinräumige Varianten. Wo stammen Sie her? Sie klingen nach Dachauer Land, Ecke Altomünster.

Stimmt ungefähr.

In Altomünster gibt es eine spezielle Endung, so sagt man zu „Gabel“ „Gowa“ oder zur „Schaufel“ „Schaufa“. Schon in Indersdorf spricht man nicht mehr so. Bairisch ist nicht Bairisch, dasselbe gilt für Schwäbisch oder Fränkisch. Wenn Kronsteiner „Topfen“ statt „Quark“ fordert, gilt das doch auch nur für Altbayern. Was sagen dann die Franken? Die sind eh nicht gut auf die Oberbayern zu sprechen und werden sagen: Von euch Imperialisten aus dem Süden lassen wir uns gar nichts sagen!

Sie sagen also, ein „Duden-Süd“ schadet der Dialektpflege?

Auf alle Fälle. Zu fordern, bittschön lasst uns zumindest weiter „Semmel“ sagen, während die Dialekte schon hin sind, ist eine Kapitulationserklärung.

Aber würde es bairische Begriffe nicht aufwerten, wenn sie in einem extra Duden stehen?

Schon, aber es stehen im Duden ohnehin schon viele süddeutsche Ausdrücke drin.

Sie als Phonetiker haben natürlich einen sehr speziellen Blick...

Dialekte haben auch in erster Linie etwas mit Phonetik, mit Lauten zu tun. Die lautliche Differenzierung von Dialekten ist viel kleinräumiger als die syntaktische. Wortgrenzen sind so gut wie nie identisch mit Lautgrenzen. Nehmen Sie im Raum Dachau den Begriff für Heidelbeeren: Die Leute sagen je nach Ecke „Schworzbür“, „Blobür“ oder „Aiglbür“ – Schwarzbeeren, Blaubeeren oder Äugleinbeeren.

Aber warum ist es so wichtig, diese feinen Unterschiede in Lauten und Begriffen zu erhalten?

Letztlich muss es die Gesellschaft entscheiden, ob sie die Dialekte pflegen möchte. Die Einführung von Südhochdeutsch bringt auf jeden Fall nichts. Das ist der Rückzug auf die letzte Bastion, der vergebliche Versuch zu retten, was längst kaputt ist.

Ist es wirklich so schlecht um Dialekte bestellt?

Haben Sie sich in München schon mal umgehört, wie die unter 35-Jährigen reden? Und München geht in diesem Fall nicht nur bis nach Pasing, sondern von Odelzhausen bis Ebersberg und von Pfaffenhofen bis Bad Tölz. Der Dialekt ist kaputt. Die Jungen rennen vielleicht in Dirndl und Lederhosen auf die Wiesn und sagen „Servus“ – aber das war’s.

Sie sind lange im Geschäft. Ist der Dialekt-Verfall rasanter geworden?

Auf jeden Fall. Keiner möchte sich die Blöße geben, provinziell zu klingen. Und Dialekt hat das Image, eine Depperlsprache zu sein. Ein 21-jähriger Kirchdorfer hat mir mal gesagt, wenn er in München ein Deandl auf Bairisch anspricht, kann er gleich wieder abzischen.

Interview: Carina Lechner

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