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Mit den Fingern rechnet es sich nur am Anfang leichter. Wenn Kinder das Kopfrechnen partout nicht verstehen, kann die Lernschwäche Dyskalkulie.

Diagnostizierte Rechenstörung

Debatte um Dyskalkulie: Qualen mit Zahlen

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Zwischenzeugnisse für Bayerns Schüler - ein Fach, das vielen Laune und Noten verhagelt, ist Mathematik. Die Not mit den Zahlen ist manchmal sogar krankhaft. Betroffene ringen um Erleichterungen bei Dyskalkulie.

München – Neulich ist Ute Klenners Tochter, 15 Jahre alt, mit einer Sechs in Mathe heimgekommen. Wieder mal. Doch wo andere Mütter die Wut packt, wo es Handyverbot und Taschengeldkürzung setzt, schnauft Klenner, 48, die aus dem Raum Rosenheim kommt, tief durch und bleibt ruhig. Ihrer Tochter macht sie keinen Vorwurf. Denn die hat eine diagnostizierte Rechenstörung: Dyskalkulie.

Zahlen wirken auf das Mädchen, dessen Name nicht in der Zeitung stehen soll, wie chinesische Schriftzeichen, erzählt die Mutter. 200 Milliliter, 84 Zentimeter, 1,95 Euro – wann ist das viel, wann wenig? Menschen mit Dyskalkulie können sich nicht vorstellen, welche realen Mengen und Maße die abstrakten Ziffern verkörpern.

Zum echten Problem für Klenners Tochter wurde die Rechenschwäche in der Schule. Das Mädchen hangelte sich durch, indem es Rechenoperationen auswendig lernte: vier plus vier gleich acht, siebzehn minus acht gleich neun. Und so weiter. Diese Methode stieß bald an ihre Grenzen, es folgten Jahre intensiver Nachhilfe und Einzeltherapie. „Das ist das Einzige, was hilft“, sagt Klenner, Kreditanalystin, also zahlenerprobt von Berufs wegen. 11.000 Euro, schätzt sie, hat die Familie dafür bislang ausgegeben. Es gab kleine Siege: Seit der fünften Klasse beherrscht Klenners Tochter die Uhr, es klappt auch mit den Grundrechenarten. „Sie wird im Leben zurechtkommen“, sagt die Mutter.

„Wir zittern jeden Sommer um das Bestehen der Klasse“

Doch in der Schule scheitert sie, regelmäßig. „Wir zittern jeden Sommer um das Bestehen der Klasse“, sagt Klenner. Denn einen „Nachteilsausgleich“ wie bei Legasthenie, also ausgeprägter Lese- oder Rechtschreibschwäche, bekommen Kinder mit Dyskalkulie an Bayerns Schulen nicht. Ute Klenners Tochter hat ein Problem, das es laut Schulordnung nicht gibt.

Obwohl die Rechenstörung von der Weltgesundheitsorganisation anerkannt ist – als eine „Beeinträchtigung von Rechenfertigkeiten, die nicht allein durch eine allgemeine Intelligenzminderung oder eine unangemessene Beschulung erklärbar ist“. Klenners Tochter ist also nicht einfach zu doof für gute Noten. „In den anderen Fächern schreibt sie Zweier und Dreier, mal Einser, mal Vierer“, erzählt die Mutter. Ganz normal halt.

Doch wann immer Mathe auftaucht, sei es in Wirtschaft, Erdkunde oder in dem Angstfach selbst, ist nichts mehr normal. Von der Realschule über die Hauptschule wechselte Klenners Tochter schließlich an die Wirtschaftsschule. Was sich paradox anhört, schien zunächst wie ein Ausweg: Dort gab es einen Zweig, in dem Schüler Mathe nach der 7. Klasse abwählen konnten.

Aber seit 2016 ist Mathe auch an der Wirtschaftsschule durchgängig Pflicht. Für einen Schulabschluss kommt man in Bayern um das Fach nicht mehr herum. Für Ute Klenner eine Katastrophe. „Es ist ein dauerndes Taktieren und Bangen, ob mein Kind überhaupt einen Abschluss schafft“, sagt sie, und ihre Stimme wird für einen Moment brüchig. „Die wissen nicht, was das in den Familien anrichtet.“

Abschluss ohne Mathe – in Bayern unmöglich

Die, damit meint sie Bayerns Bildungspolitiker, vor allem bei der regierenden CSU. Seit Jahren trommelt Klenner mit anderen betroffenen Eltern im Landtag und im Kultusministerium für Erleichterungen wie mehr Arbeitszeit bei Proben, früherer Taschenrechner-Einsatz, Möglichkeit zum Notenausgleich, individuelle Förderung oder einen Weg zum Abschluss ohne Mathe.

Doch weil ein Nachteilsausgleich bei Dyskalkulie unter Experten umstritten ist, wird es damit vorerst nichts. 21 Förderstellen für „Kinder mit besonderen Schwierigkeiten zum Rechnenlernen“ gibt es in Bayern immerhin. „Wir haben vieles umgesetzt und einen Grad erreicht, wo sich alle einig sind“, sagt der CSU-Landtagsabgeordnete Norbert Dünkel, der sich im Bildungsausschuss mit dem Thema befasst. Das Thema Dyskalkulie sei in der Aus- und Fortbildung der Lehrer präsent.

Sollte sich noch mehr tun, dann wohl erst, wenn die Schullaufbahn von Ute Klenners Tochter vorbei ist – mit Abschluss oder ohne. „Sie beißt sich durch“, sagt die Mutter, die ebenfalls weiter kämpfen will. „Aber ich mache zehn Kreuze, wenn das Thema durch ist.“

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