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Selbstbestimmt sterben: Das Bundesverfassungsgericht berät aktuell über das Verbot organisierter Sterbehilfe.

Debatte über Sterbehilfe

Der freie letzte Wille

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Günther N. weiß, dass er bald sterben wird. Er leidet an ALS, einer Krankheit, die schleichend zum Tod führt. Irgendwann wird er nicht mehr atmen können. In seiner Patientenverfügung hat er geregelt wie lange ihn die Ärzte behandeln sollen, wie er sterben will. Seitdem konzentriert er sich ganz auf das Leben – statt auf das Sterben.

München – Günther N. freut sich auf Ostern. Auf die ersten schönen Frühlingstage, auf die Zeit mit seiner Familie. Auf Tage, die von morgens bis abends mit Leben gefüllt sein werden. Das versucht er mit jedem Tag, der ihm bleibt. Er weiß, dass er sich auf dem letzten Abschnitt seines Lebens befindet. Und diesen Weg will er sich so schön wie möglich gestalten – er will leben bis zu seinem Tod.

Vor genau zwei Jahren hat der 73-Jährige erfahren, dass er an Amyotropher Lateralsklerose erkrankt ist. ALS – eine nicht heilbare degenerative Erkrankung des motorischen Nervensystems. Die Nervenzellen, die für Muskelbewegungen verantwortlich sind, sterben ab. Günther N. kann inzwischen nicht mehr sprechen, er verständigt sich über sein iPad. Wenn er den Stift eines Tages nicht mehr halten kann, wird auch das nicht mehr gehen. Irgendwann wird er nicht mehr atmen können und ersticken. Doch vor dem Tod hat er nicht mehr Angst als jeder andere Mensch auch, sagt seine Frau. Weil er weiß, dass es in seiner Hand liegt, wie er sterben wird.

N. hat sich damals, als er die Diagnose bekam, genau informiert. Dann hat er eine Patientenverfügung geschrieben. Darin ist festgelegt, dass er keinen Luftröhrenschnitt möchte, wenn er nicht mehr atmen kann. Wenn seine Atemmuskulatur zu schwach geworden ist, möchte er Medikamente, die die Symptome nehmen. Er möchte einfach das Bewusstsein verlieren, ohne zu leiden. „Seit das geregelt ist, beschäftigen wir uns nicht mehr mit dem Sterben“, sagt seine Frau.

Die Debatte über den Paragrafen 217 kann sie nicht verstehen. Vor dem Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe wurde gestern über eine Lockerung des Verbots organisierter Sterbehilfe verhandelt. Sterbehilfe-Vereine und Ärzte hatten geklagt, weil sie Grundrechte wie die Berufsfreiheit oder das Persönlichkeitsrecht verletzt sehen. Auch schwer Kranke, die ihr Leben mit Hilfe eines Sterbehilfe-Vereins beenden möchten, gehören zu den Klägern. Das Urteil wird erst in einigen Monaten fallen. Günther N. und seine Frau finden, dass diese Lockerung nicht nötig ist. „Jeder muss sich genau informieren und dann einen Weg für die jeweilige Situation finden“, sagt sie. „Das geht auch jetzt schon.“

Unterstützer auf dem letzten Wegabschnitt: Werner Rattensberger ist Palliative Care-Fachkraft.

Werner Rattensberger sieht das genauso. Er ist Palliative Care-Fachkraft beim Hospizdienst DaSein. Seit einem Monat begleitet er Günther N. „Er hat eine klare Vorstellung davon, wie lange er die Krankheit aushalten will“, sagt Rattensberger. „Und das hat er schriftlich festgehalten.“ Werner Rattensberger hat das Gefühl, dass Günther N. deshalb keine Angst davor hat, was noch auf ihn zukommt.

Er hat das auch anders erlebt. Seit 13 Jahren ist er Palliative Care-Fachkraft. „Es gab Patienten, die mich gebeten haben, ihnen beim Sterben zu helfen“, sagt er. In Momenten, in denen die Schmerzen oder die Qualen zu groß wurden. Jedesmal hat er dann versucht, alternative Wege aufzuzeigen. „Und jedes Mal wollten die Patienten weiterleben, als er sie das nächste Mal besuchte. „Unsere Palliativmedizin ist inzwischen so gut, dass man viele Ängste nehmen kann“, sagt er. „Und dass das Leben bis zuletzt schöne Seiten haben kann.“ Rattensberger versucht jedem dabei zu helfen, diese schönen Seiten zu sehen. Dafür reiche manchmal schon ein Spaziergang an einem schönen Frühlingstag.

Seit er Menschen auf ihrem letzten Weg begleitet, denkt er häufiger als früher über das Sterben nach. „Ich mache vieles bewusster“, sagt er. Und er hat die Angst vor dem Tod etwas verloren – obwohl er so viele Menschen sterben gesehen hat. „Weil ich weiß, dass jeder entscheiden kann, wie und wie lange er behandelt werden kann“, sagt er. Daran werde sich auch nichts ändern, wenn die Karlsruher Richter gegen eine Lockerung von Paragraf 217 entscheiden.

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