Technische Störung! Auf dieser S-Bahn-Strecke ist derzeit kein Verkehr möglich

Technische Störung! Auf dieser S-Bahn-Strecke ist derzeit kein Verkehr möglich
+
Eine demente Altenheimbewohnerin: Bei Krankenhausaufenthalten braucht sie besondere Zuwendung.

Sozialverband fordert

Demenzkranke brauchen mehr Betreuung

München - Eine Betreuungsoffensive für Demenz-Patienten fordert der Sozialkverband VdK von der Staatsregierung. Verbandsvorsitzende Ulrike Mascher wirft den Politikern weitgehend Untätigkeit vor.

Albtraum Demenz – die Volkskrankheit trifft immer mehr ältere Menschen. Nach neuesten Erkenntnissen von Experten nimmt die Zahl der Patienten dramatisch zu: Allein in Bayern leiden bereits 217 000 ältere Frauen und Männer unter dem Verlust ihrer geistigen Fähigkeiten, und in 20 Jahren werden bis zu 350 000 betroffen sein. In der gesamten Bundesrepublik sind etwa 1,5 Millionen Bürger dement.

„Wenn man alle Patienten zusammenrechnet, dann kommt man also schon heute auf die Einwohnerzahl einer Metropole wie München“, erläuterte gestern Dr. Winfried Teschauer von der Deutschen Alzheimer Gesellschaft bei einer Pressekonferenz des Sozialverbandes VdK in München. „Bayern ist für diese Entwicklung nicht gerüstet“, warnte VdK-Landesvorsitzende Ulrike Mascher und forderte von der Staatsregierung eine „Demenz-Offensive“ – mit konkreten Zeit- und Zielvorgaben für die nächsten fünf bis 15 Jahre. Dabei müsse auch die Betreuung von dementen Menschen in Krankenhäusern dringend verbessert werden. Denn dort kristallisierten sich immer öfter grobe Mängel heraus. „Inzwischen leiden elf Prozent aller Klinikpatienten auch an Demenz“, weiß Dr. Teschauer.

Ärzte und Pflegekräfte oft ohne Demenz-Fachwissen

Gegenüber der tz erklärte der Experte die Probleme im Krankenhaus-Alltag und was Angehörige dagegen tun können. „Zwei Drittel der Ärzte und Pflegekräfte in deutschen Krankenhäusern haben sich noch nie mit dem Thema Demenz in ihrem Arbeitsumfeld auseinandergesetzt“, analysierte der Alzheimer-Experte. Dabei sei ein gesundes Maß an Fachwissen auf den Stationen enorm wichtig – denn für demente Menschen bedeute ein Klinikaufenthalt eine Ausnahmesituation mit zusätzlichem psychischen Stress. „Für sie ist es das Schlimmste, aus ihrem gewohnten Umfeld herausgerissen zu werden.“

Welche Folgen diese vorübergehende Zwangsverpflanzung haben kann, weiß Dr. Teschauer auch aus persönlicher Erfahrung. Seine demente Mutter kam nach einem Sturz von der Rolltreppe ins Krankenhaus. „Die im häuslichen Umfeld gut orientierte alte Dame wurde über Nacht zur verwirrten Patientin. Sie benutzte beispielsweise den ihr zugewiesenen Kleiderschrank als Toilette“, erinnert sich der Sohn.

Solche Probleme gibt es im Klinikalltag immer wieder. Der Alzheimer-Experte kennt jede Menge weiterer Beispiele: Demente Patienten werden von einer Abteilung in die nächste verlegt, obwohl sie sich in der fremden Umgebung ohnehin schon kaum orientieren können. Dann irren sie hilflos im Krankenhaus umher. Manchmal stellen Pfleger die Patienten einfach in Wartebereichen ab – zum Beispiel beim Röntgen, Kernspin oder CT. Häufig vergessen die Dementen bereits nach wenigen Minuten, warum sie überhaupt an diesem fremden Ort sind, und laufen weg.

Dramatische Szenen in Kliniken

Gelenkersatz-Patienten stehen aus dem Bett auf, obwohl sie gerade eine neue Hüfte oder ein neues Knie bekommen haben. Patienten reißen sich die Kanüle aus dem Arm, schreien oder schlagen um sich. Weil das Personal wenig Zeit hat und kaum Erfahrung im Umgang mit Demenz besitzt, werden die hilflosen Patienten phasenweise ans Bett gefesselt oder mit Medikamenten ruhiggestellt – meist mit sogenannten Neuroleptika. „Diese Strategie halte ich für unverantwortlich“, erklärte der Experte. Er fordert Reformen bei der Betreuung von dementen Klinikpatienten. Notwendig seien unter anderem umfangreiche Schulungsprogramme für Pflegekräfte und Ärzte, eine Umstellung der Arbeitsabläufe im Klinikalltag, der Aufbau von ehrenamtlichen Helferkreisen sowie eine engere Einbindung der Angehörigen.

Die „Demenzoffensive“ des mitgliederstärksten bayerischen Sozialverbands VdK umfasst mehrere Punkte, darunter einige mit Konfliktpotenzial: So verlangt der Verband, die Altenhilfe zur Pflichtaufgabe der Kommunen zu erklären. Die Pflege in den Pflegeheimen soll verbessert werden, so dass demente Heimbewohner weniger häufig als bisher ans Bett gefesselt oder mit Medikamenten ruhig gestellt werden. Die Staatsregierung soll „durch offensives Anbieten von Fördergeldern“ die ambulante Betreuung und Beratung ausbauen. In den Gemeinden sollen „Pflegestützpunkte“ und Wohnraumberatungsstellen die Leistungen der verschiedenen Träger besser koordinieren. Zudem plant der Verband – wie berichtet – eine Verfassungsklage auf ein „würdiges Altern“ beim Bundesverfassungsgericht. Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) sieht die Lage zwar nicht so schwarz wie der VdK, wies aber die Kritik nicht rundweg zurück. Sie räumte ein, dass es Handlungsbedarf gebe.

Demenzpatienten im Krankenhaus – Tipps

  • Ist der Krankenhausaufenthalt zwingend notwendig? Viele Behandlungen können auch ambulant durchgeführt werden.
  • Der Krankenhausaufenthalt sollte so kurz wie möglich sein.
  • Neben der Versicherungskarte, dem Medikamentenplan, Waschzeug und Wechselwäsche sollten einige persönliche Dinge ins Krankenhaus mitgenommen werden, die dem Erkrankten etwas Sicherheit und Geborgenheit vermitteln können.
  • Füllen Sie einen Patientenbogen aus. Auf dem von der Deutschen Alzheimer Gesellschaft erarbeiteten Bogen lassen sich detaillierte Angaben zu den besonderen Vorlieben und dem Unterstützungsbedarf von Menschen mit Demenz machen.
  • Bietet das Krankenhaus die Möglichkeit zum Rooming-In? Wenn der Stationsarzt die Notwendigkeit bescheinigt, übernimmt die Krankenkasse die Kosten.
  • Auch wenn in den Krankenunterlagen die Demenz vermerkt ist, weisen Sie ausdrücklich darauf hin, ebenso auf Hilfebedarf beim Essen oder besondere Unruhe. Solche Hinweise sollten Pfleger möglichst direkt vorne auf der Krankenmappe notieren und markieren.

Von Andreas Beez.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Mann stellt sich vier Jahre nach Gewaltverbrechen
Vor vier Jahren fand die Polizei eine ermordete Frau. Der Täter konnte nicht ermittelt werden. Nun hat ein Mann das Verbrechen überraschend gestanden.
Mann stellt sich vier Jahre nach Gewaltverbrechen
Mann greift Einsatzkräfte an und randaliert im Rettungswagen
Ein 27-Jähriger ist auf Sanitäter losgegangen, die ihm helfen wollten. Im Rettungswagen randalierte der Mann und beschädigte einiges.
Mann greift Einsatzkräfte an und randaliert im Rettungswagen
Modellbahn, Briefmarke & Co: Deutsche Hobbys in der Alterskrise
Wo früher die neue Märklin durchs Zimmer fuhr, stehen heute Computer und Spielekonsolen. Die einst typisch deutschen Hobbys wie Modellbahn und Briefmarkensammeln stecken …
Modellbahn, Briefmarke & Co: Deutsche Hobbys in der Alterskrise
Knapp den Jackpot verpasst: Darum kann sich ein Bayer trotzdem freuen
Knapp daneben lag ein Lottospieler aus Bayern beim Eurojackpot. Den Gewinn von 90 Millionen Euro hat er zwar verpasst, trotzdem kann er sich freuen.
Knapp den Jackpot verpasst: Darum kann sich ein Bayer trotzdem freuen

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.