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Thomas Blatt (82).

"Demjanjuk muss die Wahrheit sagen"

München - Das NS-Vernichtungslager Sobibor in Ostpolen, wo Wachmann John Demjanjuk Dienst tat, haben nur 47 Häftlinge überlebt. 47 von etwa 250 000. Thomas Blatt (82) ist einer von ihnen.

Im Gespräch: Thomas Blatt und Merkur-Redakteur Dirk Walter.

Was für eine Biographie: Thomas Blatt (82) lebt heute im sonnigen St. Barbara in Kalifornien. Aber er ist kein normaler Rentner. Eigentlich ist er polnischer Jude. Als 15-Jähriger kam er 1943 in das Vernichtungslager Sobibor. Er beteiligte sich an einem Aufstand, konnte fliehen und hielt sich versteckt. Eineinhalb Jahre lang. Dann kam die Rote Armee. Blatt ging nach Deutschland, er lebte in Camps für Displaced Persons. Später ging er zurück nach Polen, dann nach Israel, von dort schließlich in die USA. Doch sein Leben steht im Schatten von Sobibor. Thomas Blatt ist Historiker in eigener Sache. Er schrieb Bücher über Sobibor, er lieferte die Blaupause zu dem preisgekrönten Film „Flucht aus Sobibor“ (1987, mit Rutger Hauer), er sagte in Prozessen als Zeuge aus, er betreibt unter www.sobibor.com eine eigene Homepage. Sogar ein Modell des Lagers Sobibor hat Blatt gefertigt, es steht im kalifornischen Memorial Museum. Im Prozess gegen den aus den USA ausgebürgerten John Demjanjuk, der vergangene Woche nach München ausgeliefert wurde, ist Blatt ein wichtiger Zeuge.

Herr Blatt, Demjanjuk ist in München. Sind Sie zufrieden? Zufrieden ist das falsche Wort. Ich bin aber sehr froh, dass jetzt die Wahrheit herauskommen kann über das Todeslager in Sobibor.

Haben Sie überhaupt noch damit gerechnet, dass Demjanjuk ausgeliefert wird?

Nein, das habe ich selbst dann nicht glauben können, als man mir gesagt hat, dass er schon im Flugzeug sitzt. Aber Gerechtigkeit siegt. Ich hoffe, dass er seine Strafe erhält, und ich hoffe, dass er erzählt. Vielleicht haben ihn seine Kinder, sein Sohn, zum Schweigen verpflichtet. Vielleicht hat er zeitlebens gegenüber seinen Kindern über seine Zeit in Sobibor gelogen, und das hindert ihn auch jetzt daran, die Wahrheit zu berichten. Ich hoffe das nicht.

Sie sind am Dienstag von einem Richter als Zeuge vernommen worden. Was haben Sie gesagt?

Dass Demjanjuk letztlich nur ein kleiner Wachmann war. Aber ein Wachmann in einem Vernichtungslager ist nicht zu vergleichen mit einem Wachmann im Konzentrationslager. Er war ein Mörder, ganz einfach. Seine Arbeit war, die Juden in die Gaskammer zu treiben und sicherzustellen, dass sie nicht fliehen. Ich habe nie gesehen, dass Demjanjuk zuschlug. Ich erinnere mich nicht an ihn persönlich. Aber ich kann sagen: Die ukrainischen Wachleute, die sogenannten Trawnikis, waren Mörder. Sie hielten die Todesmaschine am Laufen, und zwar ohne Unterbrechung. Sie trieben die Juden in die Gaskammer. Und sie waren Sadisten, die uns zusätzlich schlugen, die uns ausgemergelte Juden zum Beispiel dazu zwangen, Turnübungen zu machen. Zu morden, das war ihre Aufgabe.

War Demjanjuk ebenso ein Sadist , oder war er vielleicht doch jemand, der sich da zurückgehalten hat?

Nein. Es gibt eine Zeugenaussage eines ehemaligen Kameraden von Demjanjuk aus einem früheren Gerichtsverfahren, eines heute schon verstorbenen Mannes namens Danilschenko. Er hat gesagt, dass er sah, wie Demjanjuk Juden schlug. Abgesehen davon: Demjanjuk hätte fliehen können. Andere taten das – er nicht. Nach dem Ende von Sobibor im Oktober 1943 hat ihn die SS als eine Art Leibwächter nach Italien mitgenommen. Er war – aus Sicht der SS – einer der besten. Die SS hat ihm vertraut bis zur letzten Minute.

Können Sie mir über Ihre Zeit in Sobibor erzählen?

Ich kam nach Sobibor im April 1943, mit meiner Mutter, meinem Vater und meinem zehn Jahre alten Bruder. Ich war 15 Jahre alt. Wir waren etwa 200 Leute aus Izbica, meinem Heimatort. 160, unter ihnen meine Familie, wurden sofort vergast. Die übrigen 40 Personen aus unserer Gruppe kamen in Arbeitskommandos. Ich war darunter, der SS-Kommandant Karl Frenzel hat mich ausgewählt.

Was war Ihre Aufgabe?

Ich musste die Papiere und Dokumente der Ermordeten verbrennen, die massenhaft anfielen. Aber ich wollte auch wissen, wie es begann. Eines Tages beschloss ich, zum Bahnhofskommando zu gehen, was streng verboten war. Unter einem Vorwand schlich ich Richtung Bahnhof, zur Rampe, dort wo die Opfer ankamen. Offiziell wollte ich zur nahegelegenen Werkstatt, neues Werkzeug holen. Tatsächlich aber traf ich Frenzel, der mich auch gleich ansprach: Was tust Du hier? Er schlug mich mit einem Holzstock. Ich flüchtete in Richtung meiner Schlafbaracke. Normalerweise schoss Frenzel gerne auf wegrennende Juden, er hat viele Juden persönlich erschossen. In diesem Fall nicht.

Frenzel, der 1966 unter anderem wegen ihrer Aussage zu einer langen Haftstrafe verurteilt worden war. An ihn können Sie sich erinnern?

Oh ja, ich habe 1984 ein Interview mit ihm geführt.

Wie schafft man das? Ein Interview mit dem Peiniger zu führen?

Diese Frage wird mir oft gestellt. Ich habe Schwierigkeit gehabt, dies zu machen. Aber es war meine Verpflichtung Frenzel war einer der Top- Leute in Sobibor, fast alles lief über ihn. Er konnte erzählen – und er tat es.

Wann haben Sie angefangen zu forschen?

Eigentlich von Anfang an. Zwei Tage nach der Befreiung von Sobibor bin ich wieder hin.

Zwei Tage danach?

Ja. Ich habe es mir wieder angesehen. Es ist der Friedhof Familie. Ich habe die Gebeine der Opfer gesehen, Haufen mit abgeschnittenen Haaren und anderes. Ich fahre jedes Jahr nach Sobibor. Immer am 14. Oktober, dem Jahrestag der Befreiung, können Sie mich dort finden.

Viele Holocaust-Überlebende haben ihre Vergangenheit verdrängt und sprechen erst jetzt, in hohem Alter, darüber. Sie sind da ganz anders.

Ja. Sobibor war eine Geheimsache. Ich muss darüber berichten. Lange Zeit hat fast niemand gewusst, dass wir in Sobibor den einzigen erfolgreichen Häftlingsaufstand in einem deutschen Vernichtungslager organisiert haben. Wir haben fast alle SS-Leute getötet, etwa sieben nur sind am Leben geblieben. Und die Welt hat es nicht erfahren. In der Sowjetunion war lange von 200 000 ermordeten Russen in Sobibor die Rede.

Russen – nicht Juden.

Eben. Das hat weh getan. Ich habe 1980 in Rostow in der damaligen Sowjetunion Aleksander „Sasha“ Peczersky, einen der damaligen Anführer des Aufstands, getroffen. Ich habe ihn gefragt: Hast Du eigentlich eine Auszeichnung dafür erhalten? Er rückte seinen Stuhl ganz nah zu mir – denn er hatte Angst, abgehört zu werden –, und flüsterte: Nein. Ich fragte: Warum nicht? Er flüsterte wieder: Weil ich Jude bin. Er saß nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sieben Jahre in einem Arbeitslager, weil ihn die Sowjets verdächtigt hatten, Kollaborateur mit den Nazis gewesen zu sein.

Was wurde aus ihm?

Ich habe ihn eingeladen, in die USA zu kommen. Aber er bekam kein Visum. Als er es doch bekam, war er schon zu krank. Er starb 1990.

Wie viele Zeitzeugen zu Sobibor gibt es denn überhaupt noch? Ich schätze sieben bis zehn. Sie leben in den USA, in Israel, eine überlebende Jüdin auch in Australien. Manche sind krank, haben Krebs. Manche wollen nicht sprechen. Ich weiß auch nicht, was sie alles mitbekommen haben. Die Frauen zum Beispiel waren häufig in der Wäscherei eingesetzt, und kamen aus ihrer Baracke kaum heraus. Man konnte wochenlang in Sobibor sein, ohne von der Vergasung einige hundert Meter entfernt zu erfahren.

Und Sie? Wie haben Sie überlebt?

Mit viel Glück. Es war Schicksal. Vermutlich auch, weil ich kräftig war, zumindest körperlich stark. Und ich habe eine starken Willen gehabt. Ich habe immer geglaubt, dass ich überlebe. Ich habe öfters an eine Flucht gedacht, aber erst beim Aufstand gab es eine Gelegenheit. Eineinhalb Jahre lang habe ich mich in Wäldern und Bauernhöfen nahe meiner Heimatstadt Izbica versteckt, bis die Rote Armee kam.

Wie halten Sie die Erinnerung aus?

Vielleicht bin ich meschugge. Aber im Ernst: Ich fühle heute stärker als früher den Verlust, den ich erlitten habe. Ich habe zwei Bücher geschrieben, eines über den Aufstand, eines über meine persönlichen Erinnerungen. Und ich arbeite an einem dritten Buch – über mein Leben nach 1945. Vielleicht hilft das.

Herr Blatt, haben Sie Familie?

Ja. Ich habe drei Kinder. Ich war verheiratet. Aber meine Frau wollte nicht mehr mit jemanden leben, der sich nur mit Sobibor beschäftigt. Sie war sehr sensibel. Sie hat mir gesagt, sie könne nicht mehr. Ich habe immer über Sobibor gesprochen. Jeden Oktober musste ich nach Polen, ich musste einfach. Und das ist bis heute so.

Das Gespräch führte Dirk Walter

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