Demjanjuk-Prozess: Tumulte um den stummen Angeklagten

München - Erster Prozesstag gegen John Demjanjuk. Nur sehr mühsam kommt das wohl letzte große deutsche NS-Verfahren vor dem Münchner Landgericht in Gang.

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„Oh“, stöhnt der Angeklagte laut, als sein Rollstuhl in der Tür hängen bleibt. Es ist das Einzige, was John Demjanjuk an diesem Gerichtstag sagen wird. Die Augen hält er fast geschlossen, der Mund schnappt ab und zu nach Luft. Blaue Schirmmütze, Lederjacke, Turnschuhe. John Demjanjuk sitzt fast unbeweglich in seinem gepolsterten Rollstuhl. Zehn Minuten prasselt ein Blitzlichtgewitter auf ihn ein. Als die Fotografen gegangen sind, rutscht seine blaue Wärmedecke runter, manchmal schlenkert die linke Hand etwas hin und her. Ansonsten: Starre, sture Nichtreaktion bei allem, was über ihn gesagt wird.

Der wohl letzte große NS-Prozess in Deutschland begann mit Warten. Mehr als 200 Journalisten drängten sich vor dem einzigen Gerichtseingang, den ein unsensibler Gerichtsbediensteter offiziell als „Demjanjuk-Sammelzone“ deklariert hatte. Stundenlanges Warten, Gedränge, Geschubse, mitten drin ein Überlebender von Auschwitz, der Verzweiflung nahe. Das Münchner Landgericht blamierte sich vor der internationalen Medienöffentlichkeit. „It’s very strange“, sehr seltsam, sagte mit vornehmem britischen Understatement auch der Kollege von der BBC.

Die Abschiebung des NS-Verbrechers Demjanjuk

Die Abschiebung des NS-Verbrechers Demjanjuk

Viele KZ-Überlebende sind nach München gekommen, darunter auch der 84-jährige Noah Klieger, der bereits den ersten Prozess gegen Demjanjuk in Israel verfolgt hat. „Es ist unwichtig, ob er einen Monat bekommt oder 15 Jahre“. Wichtig sei die Verurteilung. Als es dann losgeht, zieht Demjanjuks Anwalt Ulrich Busch vom Leder. Nicht die schier unfassbare Anklage gegen seinen Mandaten ist sein Thema – Demjanjuk wird der Beihilfe zur Ermordung von mindestens 27 900 Juden beschuldigt. Sondern die Frage, warum Demjanjuk als sogenannter Trawniki, als „ausländischer angeblicher Helfer“ bei der Vernichtung von Juden im Lager Sobibor angeklagt werde, andere NS-Täter aber nicht. Er frage sich, warum deutsche SS-Täter von Sobibor freigesprochen worden seien, jetzt aber einer ihrer Untergebenen vor Gericht stehe. Busch bemüht mehrmals den Begriff „Befehlsnotstand“ und zitiert aus Zeugenaussagen, in denen zwei ehemalige Trawnikis beschuldigt werden. Samuel K. und Alex N., beide fast gleichalt wie Demjanjuk, sollen in diesem mindestens bis Mai dauernden Verfahren als Zeugen befragt werden. Es handele sich aber, sagt Anwalt Busch, um „mutmaßliche deutsche Mörder“. Er frage sich, warum nicht diese Leute vor Gericht stehen. So weit lassen sich Buschs Einlassungen noch nachvollziehen – gegen K. läuft in der Tat ein Ermittlungsverfahren wegen der eigenhändigen Erschießung von Juden. Dann aber vergreift sich Busch im Ton. Sein Mandant sei „von Amerika nach Deutschland zwangsdeportiert“ worden, behauptet er. Der Anwalt spricht von einem „Akt objektiver Sachwillkür“. Als er dann sagt, Demjanjuk stehe „auf gleicher Stufe mit Thomas Blatt“, entsteht kurzzeitig Unruhe im Gerichtssaal. Anwesende KZ-Überlebende und Angehörige sind entsetzt. Blatt ist im Saal als Nebenkläger anwesend. „Ich suche nicht Rache“, hatte der 82-Jährige vor Prozessbeginn gesagt. Er wolle „die Wahrheit“. Blatt hat den Horror des Vernichtungslager Sobibor überlebt, auch er musste natürlich Frondienste verrichten, um zu überleben.

Aber den definitiven Unterschied benennt der Anwalt der niederländischen Nebenkläger, Cornelius Nestler, kurz und präzise: Trawnikis hatten zu essen und trinken, die jüdischen Arbeitssklaven nicht, Trawnikis hatten Ausgang und Urlaub, die Juden nicht. Und die Trawnikis wurden nicht ermordet, die Juden schon. Die Entscheidung über den Antrag Buschs, Richter und Staatsanwälte wegen Befangenheit abzulehnen, wird vertagt – alles andere als eine Ablehnung wäre eine Sensation.

Demjanjuk ist verhandlungsfähig, wie die medizinischen Sachverständigen danach darlegen. Bei allen Untersuchungen, sagt einer der Ärzte, war der Angeklagte „sehr höflich“ und „sehr kooperativ“. Freilich hat er altersbedingte Krankheiten – Bluthochdruck, Herzschwäche, Gicht, eine Knochenmarkserkrankung. Aber zwei je 90-minütige Verhandlungsblöcke am Tag seien zumutbar. Die „Wahrheit“, auf die Blatt und all die anderen KZ-Überlebenden hoffen, wird in diesem langwierigen Verfahren nur scheibchenweise herauskommen.

Dirk Walter

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