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John Demjanjuk schweigt weiter

Demjanjuk schweigt im Prozess um zehntausende Juden-Morde

München - Er schweigt weiter. Ohne Regung, die Augen geschlossen, ruht der mutmaßliche NS-Verbrecher John Demjanjuk auf einer Trage im Schwurgerichtssaal.

Die Chance, sich nach Verlesung der Anklage vor dem Landgericht München II zu den schweren Vorwürfen zu äußern, nutzt er am Dienstag nicht. Der 89-jährige gebürtige Ukrainer soll von Ende März bis Mitte September 1943 als Wachmann im Vernichtungslager Sobibor im besetzten Polen bei der Ermordung von mindestens 27 900 Juden in den Gaskammern geholfen haben. Er soll als Kriegsgefangener der Deutschen kollaboriert und die SS bei ihrem Mordwerk unterstützt haben.

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Demjanjuks Verteidiger Ulrich Busch überzog das Gericht vor der Anklage-Verlesung mit einer regelrechten Flut von Anträgen auf Einstellung und mindestens Aussetzung des Verfahrens. Eine Dreiviertelstunde liest er sein Manuskript vor, bis ihn der Vorsitzende Richter Ralph Alt ermahnt: “Die Frau Dolmetscherin kommt kaum noch mit, wenn Sie so schnell reden.“ Der Prozess wird für Demjanjuk ins Ukrainische übersetzt - und für die teils betagten 23 Nebenkläger im Gericht ins Niederländische und Englische. Eine Phalanx aus sieben Anwälten nur für die Opferangehörigen, die ihre Verwandten in Sobibor verloren haben, sitzt dem Gericht gegenüber.

Busch argumentiert, Demjanjuk habe wegen der Sobibor-Vorwürfe schon in Israel vor Gericht gestanden, nach rechtsstaatlichen Grundsätzen dürfe niemand wegen der gleichen Sache zweimal angeklagt werden. Außerdem sei ein deutsches Gericht gar nicht zuständig - denn Demjanjuk sei kein deutscher Amtsträger gewesen. Die Deutschen hätten auch ein Tötungsprogramm gegen die Gefangenen der Roten Armee praktiziert. Am Vortag hatte er von einem “gigantischen Holocaust“ an den Kriegsgefangenen gesprochen und die Opfervertreter brüskiert, als er Demjanjuk als Opfer bezeichnete und ihn auf die gleiche Stufe stellte wie jüdische Arbeitshäftlinge.

Das Vernichtungslager Sobibor war Teil der Aktion Reinhardt, wie Treblinka und Belzec eigens gebaut, um Menschen in Massen zu vernichten. Millionen Juden und Zehntausende Sinti und Roma wurden in den Lagern 1942 und 1943 ermordet. Wer hier arbeitete, hatte keine andere Aufgabe, als bei der Vernichtung der in Transporten eintreffenden Männer, Frauen und Kinder zu helfen - so nach Ansicht der Staatsanwaltschaft auch John Demjanjuk. “Wenn ein Judentransport ankam, wurde die regelmäßige Beschäftigung eingestellt und jeder Angehörige des Stammpersonals war an dem routinemäßigen Vernichtungsvorgang beteiligt“, argumentieren die Staatsanwälte Thomas Steinkraus-Koch und Hans-Joachim Lutz.

Auf sieben Seiten der verlesenen Anklage schildert Lutz die Grausamkeiten in Sobibor, bis er auf Seite acht und neun zu Demjanjuk kommt. Dieser habe alle Tätigkeiten eines Wachmannes ausgeübt und bereitwillig an der Tötung der Juden teilgenommen, heißt es da. “Er und die anderen Täter und Teilnehmer im Vernichtungslager Sobibor handelten in gefühlloser und unbarmherziger Gesinnung.“ Die Ankläger werfen ihm auch vor, den Gedanken der Rassenvernichtung von den Nazis übernommen zu haben.

Demjanjuk selbst, in Decken gehüllt und die Augen geschlossen, lässt mit keiner Reaktion erkennen, ob er das Geschehen um sich herum wahrnimmt. Dass er folgen kann, davon sind die Ärzte aber überzeugt. Zwischendrin bewegt er einmal heftig den Mund und scheint sich zu bekreuzigen. “Der Herr Demjanjuk sagt etwas“, unterbricht Richter Alt sofort den Redefluss von Anwalt Busch - doch schon ruht Demjanjuk wieder still.

“Es wäre ein gute Chance für ihn, sein Gewissen zu erleichtern“, meint der niederländische Nebenkläger Paul Hellmann, dessen Vater in Sobibor starb. “Wenn ich an seiner Stelle wäre, ich würde diese letzte Chance nutzen.“ Er stelle es sich schwer vor, sterben zu müssen und nie über das Schreckliche gesprochen zu haben, was ihn doch belasten müsse. Hellmann erhofft sich von dem Prozess, dass die Menschen mehr über Sobibor und die Gräueltaten erfahren. Wahrheit und Gerechtigkeit, nicht eine harte Strafe ist es, was die Opferangehörigen wollen. Der Sobibor-Überlebende Thomas Blatt hofft, dass Demjanjuk doch noch selbst sprechen wird. “Er war in der Mitte der Hölle - er soll erzählen!“

dpa

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