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Mit Schirm, Charme und Regenzone: Diese Frau steht mal wieder im Regen.

Dauerregen, Hagel, Naturkatastrophen

Ja ist denn das Wetter narrisch?

München – Frühlingsgefühle unterm Christbaum, Winter-Tief im April: Das Wetter scheint in letzter Zeit verrückt zu spielen. War das schon immer so? Oder ist der Klimawandel schuld? Ein Wetterlagebericht.

Sabine hat auf sich warten lassen. Deshalb hat Frederik am ersten Juni-Wochenende mächtig Wirbel gemacht. Er zog von Tschechien über das Erzgebirge bis vor die Alpen. Im Gepäck hatte er Wasser. Unmengen Wasser. Er verschüttete es, ließ Flüsse über die Ufer treten, Straßen und ganze Landstriche überfluten. Frederik heißt das Tief, das Dauerregen, Hochwasser und Katastophen über Teile Deutschlands gebracht hat. Besser wurde es erst, als Sabine ihn ablöste, das Hoch. Sie brachte warmes Wetter.

Die Zahgl der Naturkatastrophen nimmt in Deutschland seit 1980 zu.

Oft kommen solche Kapriolen ja nicht vor. Oder doch? So viel steht fest: Wer sich in diesem Frühling auf warme Temperaturen verlassen hat, war verlassen. Dem Gefühl nach macht das Wetter ohnehin schon seit Ende letzten Jahres, was es will. Erst sorgten frühlingshafte Temperaturen an Weihnachten für Tauwetter unterm Christbaum. Dann fiel Schnee im April. Und jetzt kämpfen die Menschen mit dem Hochwasser. Gab’s so etwas schon früher? Ist das alles natürlich? Oder hängt es mit dem Klimawandel zusammen?

Fakt ist: Der Start ins Jahr 2013 ist einer der drei trübsten, seitdem es dazu Aufzeichnungen gibt – und das sind mehr als 60 Jahre. In Zahlen sind das 450 Sonnenstunden, die die Meteorologen vom Deutschen Wetterdienst (DWD) von Januar bis Mai notierten. Kürzer schien die Sonne nur 1970, nämlich 444 Stunden. Doch auch heuer schlugen die dunkleren Frühlingstage auf die Temperaturen durch. Ein Grad kälter als sonst war der meteorologische Frühling im Durchschnitt von März bis Mai.

Hochwasser

Der Grund dafür hat einen Namen, der fast so qualvoll erscheint wie das Dauergrau: „Kaltluftadvektion“. Diplom-Meteorologe Guido Wolz, 52, vom DWD in München erklärt: Kalte Luft von Nord-Osten hat unseren Frühling zurückgehalten – und dafür den Winter in die Länge gezogen. Wir hatten keine Sonne, dafür aber umso mehr Regen – und das vor allem im Mai: Da fielen 127 Liter pro Quadratmeter, und der Monat ging als zweitnassester in die Statistik ein. Und die reicht in diesem Fall sogar 130 Jahre zurück. Nur im Jahr 2007 regnete es noch mehr: im Durchschnitt 131 Liter.

Auch dafür hat Wolz eine Erklärung. Schuld war die sogenannte „Fünf-B-Wetterlage“. Das heißt: Ein Tief lädt sich über dem Mittelmeer mit viel Feuchtigkeit auf, zieht östlich an den Alpen vorbei und regnet in Mitteleuropa ab. Fünf-B-Wetterlagen heißen immer: Dauerregen. Dasselbe Phänomen war im Jahr 2002 der Auslöser für die Elbe-Flut – und für die Überschwemmungen in der Alpenregion 2005.

Auf lange Sicht sieht der Meteorologe jedoch keinen Grund zur Beunruhigung. Im Gegenteil: „Wechselhaftes Wetter gehört nun mal zu einem typischen Sommer in Südbayern dazu.“ Wolz geht sogar noch weiter: „Was den Frühling betrifft, war es heuer zum ersten Mal nicht so ungewöhnlich warm wie in den Jahren zuvor.“ Und noch ein Argument gegen die These von den immer extremeren Wetterlagen: „Wir hatten noch nie so wenig schwere Gewitter wie in diesem Frühling.“

Andere dagegen sehen bei der Zahl der Naturkatastrophen einen Trend nach oben. Der weltweit tätige Versicherer Münchener Rück, der auch meteorologische Extremfälle im Auge behält, hat 1980 in Deutschland 15 solcher Katastrophen registriert, 2012 bereits 27. Ein Jahr zuvor waren es sogar 44 (siehe Grafik). „Grundsätzlich beobachten wir eine steigende Anzahl von Schadenereignissen aus Naturkatastrophen“, sagt Pressesprecher Stefan Straub, zuständig für Fragen zum Klimawandel.

Hagelkörner

Dazu tragen zum einen sozio-ökonomische Gründe bei. Regionen werden dichter besiedelt, durch den steigenden Wohlstand steigt auch der Wert der Besitztümer. Meteorologe Wolz drückt es so aus: „Heute kostet ein BMW 50 000 oder 60 000 Euro, früher hat man dafür fünf oder sechs Autos bekommen.“ Werden also heute Autos durch Hochwasser oder Hagelschauer zerstört, ist der Schaden ungleich größer.

Und was ist mit dem Klimawandel? Straub von der Münchener Rück erklärt: „Bei wetterbedingten Katastrophen spielt mit sehr großer Wahrscheinlichkeit auch der Klimawandel eine gewisse Rolle, da sich vielerorts Häufigkeiten und Intensitäten von Wetterextremen ändern.“ Das trifft weltweit zu, aber auch auf Deutschland.

Hier richten Stürme die größten Schäden an. Sie sind für zwei Drittel davon verantwortlich – und ihre Zahl nimmt zu. Hochwasser werden nicht mehr, aber in einigen Regionen Deutschlands intensiver. Die Schäden durch Hitze- oder Kälteperioden sind zwar geringer, aber mehr Menschen – vor allem ältere – sterben. Die drei Katastrophen, die die deutsche Wirtschaft bis dato am teuersten kamen, waren 2002 das große Elbe-Hochwasser (11,6 Milliarden Euro). Und fünf Jahre später die Winterstürme Kyrill (4,2 Milliarden) sowie Jeanette (2 Milliarden).

Woher kommen die Wetterkapriolen? Eine eindeutige Erklärung hat Volker Wünsche, 62, nicht, er ist Kollege von Wolz beim DWD. Aber Wünsche hat eine Theorie: Durch den Klimawandel und die globale Erwärmung erhitzen sich die Nordpolgebiete schneller als Bereiche in unseren Breiten. Die Folge: Der Temperaturkontrast zwischen Nordpol und Mitteleuropa verringert sich, westliche Strömungen verändern sich. Es kann deshalb passieren, dass häufiger polare oder warme Luftmassen zu uns kommen – und das Wetter beeinflussen.

Unstrittig ist: Die Eisfläche am Nordpol schrumpft. Mit 4,10 Millionen Quadratkilometern – das ist mehr als elfmal die Fläche Deutschlands – lag sie im August 2012 auf einem neuen Minus-Rekord. Der bisherige Rekord lag bei 4,17 Millionen Quadratkilometern (2007). Seit 1979 messen US-Forscher das Eis der Arktis. Und seitdem sei die Größe der Gesamtfläche „dramatisch zurückgegangen“, heißt es. Der extreme Rückgang ist laut den Wissenschaftlern vor allem dem globalen Klimawandel zuzuschreiben. Das Eis schmilzt aber auch aufgrund einer natürlichen periodischen Entwicklung, sagt Rüdiger Gerdes, Meereis-Physiker vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. Diese Perioden dauern 60 bis 70 Jahre. „Jetzt sind wir in einer warmen Phase.“

Der Nordpol ist nun in einem Teufelskreis gefangen. Warme Temperaturen lassen das Eis schmelzen. Dadurch scheint die Sonne direkt auf das Wasser, erwärmt den Ozean. „Der absorbiert praktisch die Sonneneinstrahlung, erwärmt sich, und wenn das Eis mit diesem aufgeheizten Ozean in Kontakt kommt, dann schmilzt es natürlich sehr stark“, sagt Gerdes. Langfristig, befürchtet er, wird wohl der Treibhauseffekt gewinnen – und das Wetter bestimmen.

Sturmschäden

Deshalb müssen Menschen wohl künftig mit immer extremeren Wetterlagen rechnen. Mit Stürmen, wie dem Hurrikan „Sandy“, der im Oktober 2012 Teile der US-Ostküste samt New York verwüstet hat. Mit Hochwassern und Überschwemmungen, mit denen Menschen in vielen deutschen Gebieten momentan kämpfen. Mit Hitzewellen wie der von 2003 in Südeuropa, bei der Temperaturrekorde gemessen wurden wie die 47,3 Grad, die am 1. August im portugiesischen Alentejo gemessen wurden. Auch die sehr labilen Monsunsysteme in Asien kommen durcheinander.

Die Münchener Rück hat weltweite Wetterkatastrophen aus den Jahren 1980 bis 2012 protokolliert. Insgesamt haben mehr als 18 000 Stürme, Überschwemmungen, Dürren oder Waldbrände die Erde in den letzten 30 Jahren heimgesucht – Tendenz steigend. Von knapp einem Drittel davon (rund 5500) war der asiatische Raum betroffen. Erst im Februar sind bei schweren Regen- und Schneefällen in Pakistan mindestens 25 Menschen getötet und mehr als 50 verletzt worden.

Mehr als 1,4 Milliarden Menschen fielen den weltweiten Wetterkatastrophen in diesem Zeitraum zum Opfer, die meisten davon in ärmeren Ländern in Asien (41 Prozent) und Afrika (43 Prozent). Über zehn Millionen Menschen waren im Sommer 2011 in Somalia, Kenia und Äthiopien von der schwersten Dürre seit fünfzig Jahren betroffen – Zehntausende sind verhungert.

Fast die Hälfte der Gesamtschäden von 2,8 Billionen US-Dollar weltweit ist in den vergangenen 30 Jahren in Amerika entstanden (1,4 Billionen Dollar). Man denke an Hurrikan „Katrina“, der August 2005 in den südöstlichen Teilen der USA wie in Louisiana wütete, vor allem im Großraum New Orleans. Er allein richtete Schäden in Höhe von 125 Milliarden US-Dollar an. Auch die Münchener Rück hat Teile davon übernommen.

„Die versicherten Schäden nehmen in einigen Regionen im Verhältnis zur wirtschaftlichen Aktivität überproportional zu“, sagt Straub. Er nennt als Grund dafür unter anderem, dass in gefährdeten Gebieten immer mehr Versicherungen gegen Naturkatastrophen abgeschlossen werden.

Deutschland bringt gerade eine hinter sich. Ob das Wetter in diesem Sommer noch besser wird, diese Prognose will Volker Wünsche vom DWD nicht wagen. „Das kann ich nicht sagen.“ Er erklärt, dass das Wetter bis zu maximal einer Woche vorhersehbar ist. Einen Temperaturtrend kann er zwar bis zum 15. Tag ableiten. Wie es jedoch um Juli und August bestellt ist, weiß auch der Wetterexperte nicht. Für den heutigen Freitag prophezeit Wünsche jedenfalls Schauer. Aber schon am Wochenende soll der Sommer mit über 25 Grad zurück sein. Dann hat wieder ein Hoch das Sagen.

Von Teresa Pancritius und Alessandro Capasso (mit Material von dpa)

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