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Nach Taliban-Anschlag am Nanga Parbat

„Der Bergtourismus wird leiden“

München - Der Anschlag der Taliban auf eine Expeditionsgruppe am Nanga Parbat in Pakistan hat Auswirkungen auf den Bergtourismus. Warum das so ist, erklärt der Allgäuer Bergführer Luis Stitzinger im Interview.

Nach dem Angriff von pakistanischen Taliban auf das Basislager des Nanga Parbat, bei dem in der Nacht zum Sonntag elf Bergsteiger getötet wurden, hat die dortige Regierung alle Expeditionen auf den 8125 Meter hohen Berg für unbestimmte Zeit gestoppt. Der Allgäuer Bergführer und Extrembergsteiger Luis Stitzinger (44) kennt die Situation in Pakistan, er hat 2008 für den DAV Summit Club eine Nanga-Parbat-Expedition geleitet. Er weiß: Auch die Landbevölkerung in Pakistan wird unter dem Anschlag leiden.

Sie waren mit Ihrer Frau Alix von Melle in den vergangenen Jahren dreimal zum Bergsteigen in Pakistan: 2006 am Gasherbrum II, 2008 am Nanga Parbat und 2011 am Broad Peak und K 2. Gab es da schon Probleme mit der einheimischen Bevölkerung?

Nein, wir haben uns immer wohl gefühlt. Vielleicht mit Ausnahme von Islamabad und der Anreise ins Zielgebiet, wo es ein paar Brennpunkte gab, die gefährlich werden konnten. Gerade am Nanga Parbat hatten wir sehr freundschaftlichen Kontakt zu den einheimischen Begleitern dort. Der Nanga Parbat ist nicht so stark frequentiert wie das Baltoro-Gebiet, das viel mehr Tourismus sieht. Insofern ist die Region noch ursprünglicher, und die Einheimischen freuten sich, ihre wenigen Worte Englisch anzuwenden und fragten uns immer wieder dieselben Fragen. Das ging einem nach einiger Zeit schon fast auf die Nerven, war aber nur lieb gemeint und zeugt von der Neugier und Aufgeschlossenheit gegenüber den Besuchern.

Friedliche Völkerverständigung also?

Absolut. Bei der Expedition hatten wir einen Arzt dabei. Als die Einheimischen das mitbekamen, machten sich zum Teil alte Frauen über viele Tage hinweg auf den Fußmarsch ins Basislager, um sich dort von ihm behandeln zu lassen. Sie waren für die Hilfe wirklich dankbar, vor allem natürlich auch, weil wir finanziell nichts von ihnen haben wollten, das hätten sie sich auch gar nicht leisten können. Ich war davon überzeugt, dass dies die beste Art von Völkerverständigung und Kennenlernen ist, die man sich vorstellen kann.

Hat es Sie überrascht, dass nun ausgerechnet Bergsteiger Opfer eines Attentats wurden?

Bislang beschränkte sich die Bedrohung für Bergsteiger darauf, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, zum Beispiel bei einem Bombenattentat zufällig im betroffenen Hotel in Islamabad. Die Taliban-Kämpfer hatten ihre Aggression nie gezielt auf Touristen oder gar Bergsteiger gerichtet. Einmal im Zielgebiet angekommen, konnte man sich eigentlich sicher sein, dass einem dort nichts mehr passieren würde. Denn: Die einheimische Bevölkerung profitiert sehr vom Tourismus, viele Jobs sind mit ihm verbunden.

Also haben die Taliban mit dem Attentat der eigenen Bevölkerung geschadet?

Sehr sogar! Ohne Bergsteiger und Trekker wird dort künftig viel weniger an Hilfsprojekten stattfinden. In dieser Hinsicht ist dieses Attentat nicht nur für die Todesopfer das Schlimmste, sondern es trifft auch die pakistanische Landbevölkerung in diesen Gebieten sehr hart. Ich bin überzeugt, dass der Bergtourismus nun zu einem nie dagewesenen Tiefpunkt absinken wird. Und der Bergtourismus war das letzte, was dem Land an Tourismus noch verblieben war – gerade, nachdem sich die Lage die vergangenen zwei, drei Jahre zunehmend zu stabilisieren schien. Alle renommierten Bergreiseveranstalter im deutschsprachigen Europa organisierten zuletzt wieder Reisen in Pakistan, und es gab keine Zwischenfälle. Diese Zeiten sind nun wohl vorbei.

Das Auswärtige Amt hat eine Reisewarnung erlassen, und die pakistanische Regierung hat die 51 Bergsteiger aus 18 Nationen, die sich auf Expedition am Nanga Parbat befanden, zum Abstieg aufgefordert. Andererseits heißt es, die Region werde jetzt vom Militär gesichert, sodass die momentan über 300 Bergsteiger dort andere Achttausender erklimmen könnten. Genügt das? Wie werden Anbieter von Expeditions- und Trekkingreisen reagieren?

Hauser Exkursionen hat bereits alle Pakistan-Reisen für dieses Jahr abgesagt, ich bin mir sicher, die allermeisten anderen Veranstalter werden in den nächsten Tagen nachziehen. Diesen Schritt kann man mehr als nachvollziehen, unter den gegebenen Umständen würde ich auch nicht auf Expedition nach Pakistan fahren wollen. Wenn so etwas im Basislager des Nanga Parbats passiert, kann dasselbe auch an den Gasherbrums, am Broad Peak oder am K 2 passieren.

Das Himalayagebirge scheint ein heißes Pflaster für westliche Bergsteiger zu werden. Ende April gab es ja in Nepal schon einen schlimmen Vorfall im Basislager des Mount Everest. Ein Mob wütender Sherpas ging mit großer Gewalt gegen die internationalen Spitzen-Alpinisten Ueli Steck, Simone Moro und Jonathan Griffith vor – beinahe hätte es Tote gegeben.

Was dort passiert ist, ist wirklich böse und nicht akzeptabel. Die Sherpas haben in den letzten Jahren zunehmend Selbstbewusstsein entwickelt, und es gibt sehr leistungsstarke Bergsteiger unter ihnen. Dennoch finden sie keine Sponsoren, die sie rein fürs Bergsteigen bezahlen wie die Stars aus dem Westen. Die Sherpas sind nach wie vor die Hilfskräfte, die die Fixseile aufbauen müssen und die Everest-Touristen sicher hinauf und wieder hinab bringen. Das kann schon für Frust und Verdruss sorgen. Selbstverständlich kennen auch sie bekannte Gesichter wie Steck oder Moro und wissen, dass sich diese rein über ihre Sponsoren, Vorträge und Bücher finanzieren. Da mag schon etwas Neid mitschwingen. Ich persönlich habe auch schon Sherpas sehr jähzornig erlebt, allerdings kam es in diesen Fällen zum Glück nie zu Gewalt. Wenn am Everest bei der Konfrontation im Hochlager später keine Dritten eingeschritten wären, hätte es wohl mit einem wahrhaftigen Lynch-Mob geendet. Wobei die Reaktion wohl nicht aus heiterem Himmel kam – vorher gab es offenbar schon einen verbalen Schlagabtausch, bei dem Moro den Lead Sherpa schwer beleidigt haben soll. Wie auch immer, dieser Vorfall hat das Verhältnis zwischen Sherpas und Bergtouristen nachhaltig getrübt, und es stimmt mich persönlich traurig, da ich viele freundschaftliche Kontakte mit Sherpas habe und diese Menschen auch schon als äußert hilfs- und aufopferungsbereit erlebt habe. Aber: Im Gegensatz zu den Stars der Branche hat der „No-Name-Bergsteiger“ sicherlich nichts zu befürchten, auch wenn er die Dienste der Sherpas nicht in Anspruch nimmt.

Martin Becker

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