König Ludwig II. trägt eine Pickelhaube auf dem Kopf.
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König Ludwig II. brachte Bayern unter die Pickelhaube - unsere Montage.

Vor 150 Jahren: Verlust der Eigenständigkeit

König Ludwig II: Wie Bayern unter die Pickelhaube kam

  • Dirk Walter
    vonDirk Walter
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Vor 150 Jahren verlor Bayern seine Eigenständigkeit – kein anderer als König Ludwig II. trug dem preußischen König die Kaiserkrone an. War der Beitritt wirklich unabwendbar?

  • Am 1. Januar 1871 entstand das deutsche Kaiserreich - Bayern wurde ein Teil des deutschen Reiches.
  • Ausgerechnet König Ludwig II. diente dem preußischen König Wilhelm die Kaiserkrone an.
  • Bayern blieben „nur“ noch bestimmte Hoheits- und Reservatsrechte.

München – Ludwig II. – das ist für die meisten Zeitgenossen der Märchenkönig. Der etwas gspinnerte Erbauer von Neuschwanstein, Linderhof und Herrenchiemsee. Der Kini, der im See ertrank (oder ertrunken wurde). Wohl eher wenige verbinden mit ihm den Zwangsbeitritt Bayerns zum Deutschen Reich. Ja, es ist schon eine bittere Ironie, dass ausgerechnet unser aller Lieblingskönig „Bayern unter die Pickelhaube“ brachte, wie es der längst verstorbene Bestseller-Autor und Journalist Bernhard Uecker spöttisch formulierte.

Blicken wir kurz zurück: Bayern im Jahr 1870 stand vor einer unbequemen Entscheidung, dem Kriegseintritt an der Seite Preußens gegen Frankreich. Bismarcks Drängen, seine Trickserei mit der „Emser Depesche“ und den dann folgenden deutsch-französischen Krieg mit der vorentscheidenden Schlacht bei Sedan im September kennen wir vielleicht noch vom Schulunterricht. Wichtig ist hier: Bayern war im Krieg schon mit dabei. Viele Dokumente dazu liegen heute im Hausarchiv der Wittelsbacher.

In einer langen Unterredung mit seinem Außenminister Bray und dem Kriegsminister von Pranckh hatte sich König Ludwig II. überzeugen lassen. Doch die Beteiligung Bayerns am großen Gemetzel war keine Alleinentscheidung eines vermeintlich absolutistischen Herrschers. Sie wäre ohne Zustimmung des Landtags, der die Kriegskredite bewilligte, nicht denkbar gewesen. Am deutsch-französischen Krieg nahmen circa 100 000 bayerische Soldaten teil, und ja, auch sie marschierten im Januar 1871 begeistert in Paris ein.

Nach dem Sieg über Preußen 1870 war die Gründung des Kaiserreichs fast folgerichtig

Der Friede von Versailles demütigte Frankreich, machte Elsaß-Lothringen zu deutschen Gebieten und lastete fortan wie ein Fluch auf dem Verhältnis der beiden Nachbarn – wer will, kann den Ersten Weltkrieg, die Niederlage Deutschlands und die dann folgenden schweren Friedensbedingungen (wieder eine „Schmach von Versailles“) als logische Folgen betrachten.

Wer A sagte, also beim Preußen-Krieg mitmachte, der musste auch B sagen, dem Drängen Preußens nach einem einigen Deutschland nachgeben. Es ging Schlag auf Schlag. Noch im September 1870 wurden die Vertreter süddeutscher Staaten ins Hauptquartier nach Versailles bestellt, wo Bismarck ihnen den Beitritt zum Norddeutschen Bund aufzwang. Am 23. November 1870 trat Bayern dem „ewigen Bund“ bei. Das war freilich nur ein Vorspiel, dem der berüchtigte Kaiserbrief Ludwigs folgte: Wilhelm nahm die dargebotene Kaiserkrone am 18. Januar 1871 offiziell an. Ludwig konnte am 30. Januar nur noch rückwirkend zum 1. Januar den Beitritt Bayerns zum Kaiserreich bestätigen.

Ludwig II. als „Vollzugsgehilfe“ Bismarcks

Sogar das Haus der Bayerischen Geschichte in Augsburg ernennt Ludwig II. „zum Vollzugsgehilfen“ für die deutsche Reichsgründung. Wahr ist: Es war – von seiner Gefangennahme durch die Häscher des sinistren Ministers Lutz und seines Erfüllungsgehilfen, des Psychiaters Gudden, einmal abgesehen – wahrscheinlich die dunkelste Stunde seiner Amtszeit.

Klar, aus heutiger Sicht trägt der Kaiserbrief, in dem Ludwig dem „allerdurchlauchtigstem großmächtigsten“ Wilhelm „mit Führung des Titels eines deutschen Kaisers“ beauftragte, Züge von Unterwürfigkeit. „Jedes Wort bereitete ihm psychische und physische Schmerzen“, schreibt der Historiker Alfons Schweiggert, der für das neue „Münchner Merkur Magazin“ einen Beitrag zur Reichsgründungszeit verfasst hat. Zur Kaiserproklamation nach Frankreich reiste Ludwig nicht – sondern schickte seinen Bruder, dem es beim obligatorischen Festmahl schlecht geworden sein soll.

Die Annahme, der König habe sich um ein Linsengericht – 5,2 Millionen Mark aus Bismarcks Welfenfonds für seine Schlösser – Bayern quasi abkaufen lassen, trägt in dieser Schlichtheit nicht. Bayerns Anschluss war, um ein Wort unserer Tage zu nehmen, alternativlos. Wer anderes behauptet, der unterschlägt die Massenmobilisierung jener Zeit. Auch im Bayerischen Landtag gab es eine mächtige Nationalliberale Fraktion, die nach einem Deutschen Reich lechzte.

Die Kaiserkrönung im Schloss Versailles. In der Mitte Bismarck (weiße Uniform).

Sicher, der Anschluss Bayerns war heiß umstritten, im Landtag wurde im Januar 1871 nicht weniger als zehn Tage lang diskutiert. Die Patriotenpartei unter dem Hitzkopf Josef Edmund Jörg wäre fast an der Gründungsfrage zerbrochen. Aber am Ende stimmte am 21. Januar 1871 eine Zwei-Drittel-Mehrheit für den Beitritt.

Wenn auch alternativlos, kostenlos war der Anschluss nicht: Das Kaiserreich war ein Bundesstaat mit einem Bundesrat, der viele Kompetenzen hatte, Bayern blieben etliche Hoheitsrechte sowie die viel zitierten Reservatsrechte: Eisenbahn, Post, Bierbesteuerung. Außenpolitisch war man nun weitgehend von Bismarck abhängig – was Bayern wie auch die anderen Einzelstaaten nicht daran hinderte, eigene Gesandtschaften (Botschaften) einzurichten, unter anderem in Rom.

Was aber war das für ein Kaiserreich, das da im Schloss von Versailles proklamiert und vom Hofmaler Anton von Werner gleich in mehreren Versionen verewigt wurde? Die dieser Tage viel zitierte Historikerin Hedwig Richter, Professorin an der Münchner Bundeswehr-Uni, findet es Zeit für eine Trendumkehr. Wer das deutsche Kaiserreich für militaristisch und antidemokratisch hält, liegt verkehrt, sagt Richter, die für ein differenziertes und „positiveres“ Bild wirbt. Der Aufstieg der Frauen in moderne Berufe, die Wahlerfolge der Sozialdemokratie (die freilich nie Regierungsämter erhielten), überhaupt die Modernität des Kaiserreichs – das sind ihre Argumente.

Dunkle Seiten werden eher beiseitegeschoben: Das Kaiserreich blieb ein Unrechtsstaat, vor allem in seinen preußischen Kerngebieten, wo sich hochnäsige Großagrarier tummelten und die unterdrückte Landbevölkerung dank des preußischen Drei-Klassen-Wahlrechts nicht einmal vor der Wahlurne Gleichberechtigung errang.

Massenverbände wie der Flottenverein und der antisemitische Bund der Landwirte schworen die Nation auf einen aggressiven Nationalismus ein. Modern war das Kaiserreich primär nicht gesellschaftlich, sondern vor allem technologisch-wirtschaftlich, wie zuvorderst der Militarismus zeigt: Die Nation fieberte beim Wettrüsten zur See mit, da wurden deutsche Schlachtschiffe gegen britische Dreadnoughts aufgerechnet.

Der unselige Wilhelm II., Enkel Wilhelms I., sah sich eh am liebsten in Admiralsuniform. Auch eine „Bayern“ kreuzte bald zur See – aber nicht lange. Nach dem Ersten Weltkrieg versank das Schiff auf dem Grund der Nordsee bei Scapa Flow – wie ein Symbol für den Untergang Bayerns an der Seite Preußens.

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