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Spektakuläre Unterwerfungsgeste (Ausschnitt): Ein bayerischer Herold überreicht Germania die Kaiserkrone. Das im leicht beschädigten Zustand erhaltene Bild (Entwurf auf Karton) ist Teil eines Reliefs an der Siegessäule in Berlin (um 1871/73). Ob der Herold Ähnlichkeit mit König Ludwig II. aufweist, ist umstritten.

SERIE ÜBER LUDWIG II. - LETZTER TEIL (VIII.)

„Der Prototyp des Monarchen“

Welche neuen Erkenntnisse gibt es zu Ludwig II.? War er überhaupt Regent, oder nur Künstler? Und was bleibt nach dem Ludwig-Jahr? Zum Abschluss unserer Ludwig-Serie ein Gespräch mit dem Münchner Landeshistoriker Ferdinand Kramer.

Ludwig-Superstar, seit 125 Jahren: Sehnen sich die Menschen nach der Aura der Könige, weil die heutige Politik zu wenig Glanz ausstrahlt?

Prof. Dr. Ferdinand Kramer leitet das Institut für Bayerische Geschichte in München. Außerdem ist er vorsitzender der Konferenz bayerischer Landeshistoriker.

Die Komplexität und Pluralität moderner politischer Prozesse und Staatlichkeit macht es den Menschen schwer, sich zu orientieren. Deswegen finden solche Ankerpunkte repräsentativer Form große Aufmerksamkeit. Das funktioniert bis heute, viele westeuropäische Länder sind ja Monarchien, die Projektionsflächen bieten, Kontinuität im beschleunigten Wandel verkörpern und Sehnsüchte aufnehmen, wie man vor kurzem mit der Hochzeit im englischen Königshaus durch ein riesiges Medieninteresse beobachten konnte. Ludwig wurde in der Vorstellung vieler Menschen international ein Prototyp für das Monarchische. Die Realität ist ja meistens ganz anders.

Was war Ludwig für ein Mensch, was sticht hervor?

Bis zu gewissem Grad ist er jemand, mit dem man Bedauern haben kann. Er kommt in diese exponierte Position als 18-Jähriger, viel zu früh, er trifft auf eine extrem schwierige politische Gemengelage, also die Phase der Kriege im Vorfeld der Reichseinigung 1871. Er ist hochintelligent und sensibel, gleichzeitig überfordert von den Herausforderungen, die die Aufgabe mit sich bringt.

Man sieht: Monarchien bergen nicht selten ein tragisches Schicksal für die Menschen, die in diesem Korsett stecken. - Aber Historiker betonen, der frühere Vorwurf, Ludwig sei zum Regieren gar nicht in der Lage gewesen, treffe nicht zu. Man muss wirklich differenzieren. Wer glaubt, Ludwig sei konstant ein aktiver Gestalter in zentralen Feldern der Politik gewesen, der irrt. Es gibt schon früh Berichte von Gesandten anderer Staaten, denen der merkwürdige Ludwig auffällt. Aber wer glaubt, hier sei zeitlebens ein Träumer am Werk gewesen, der irrt ebenso.

Es bleibt die Frage, ob er sich inhaltlich ausreichend mit dem politischen Tagesgeschäft auseinandergesetzt hat.

Und? Hat er?

Bei Bischofsernennungen oder Begnadigungen wohl schon, wie eine neuere Studie von Christof Botzenhart gezeigt hat. Aber das sind Ausnahmesachverhalte. Im Bayerischen Hauptstaatsarchiv gibt es die sogenannten Signatenbücher, in denen systematisch die Verfügungen des Königs erfasst wurden.

Die Signatenbücher von König Ludwig I. sind voll mit Bemerkungen, an denen man sieht, dass sich der König mit den Inhalten des vorgelegten Aktes auseinandergesetzt hat. Bei Ludwig II. ist nur ein Signatenbuch zu den Vorgängen aus dem Innenministerium überliefert. Danach hat Ludwig II. meist nur abgezeichnet. Soweit man daraus Schlüsse ziehen kann, hat sich Ludwig II. weniger intensiv mit der Tagespolitik auseinandergesetzt wie sein Großvater Ludwig I. Man wird also sein Regierungshandeln nicht überschätzen dürfen.

Würden Sie diese Einschätzung auch für den sogenannten Kaiserbrief von 1871 treffen, der ja in der Ludwig-Ausstellung gezeigt wird und in dem Ludwig dem Preußen-König Wilhelm die Kaiserwürde anbietet?

Nun ja, es ist einerseits klar, dass Ludwig diese Form der deutschen Einheit mit der Reichsgründung unter preußischer Führung nicht wollte, weil er den Souveränitätsverlust für den König und das Land ablehnte. Andererseits sieht er in dieser zugespitzten Lage keinen anderen Ausweg.

Hätte er sich denn verweigern können?

Für Historiker sind „Was wäre wenn-Fragen“ immer schwierig. Vieles spricht dafür, dass Ludwig und Bayern ein striktes Nein innen- und außenpolitisch in große Schwierigkeiten gebracht hätte, auch weil nationale Kräfte in Bayern, vor allem in Franken und in der Pfalz, stark waren.

Häufig angeführt werden die Reservatsrechte. Waren das nicht Almosen?

Nein. Ludwig hat, wie in modifizierter Form übrigens andere deutsche Staaten auch, etwa Baden, Sachsen, Württemberg und die Hansestädte, wirklich viele bayerische Souveränitätsrechte in das neue Bismarckreich überführen können.

Eine bayerische Armee und die Hoheit darüber in Friedenszeiten, Post, Eisenbahn, teilweise Steuern, Auswärtige Vertretung – das sind keine belanglosen staatlichen Kompetenzen. Post und Eisenbahn – das waren Zukunftstechnologien und die großen Projekte der Landesentwicklung. Als man 1918 diese staatlichen Rechte verliert, ist das Lamento groß und einer der Hauptgründe für die Ablehnung der unitaristischen Weimarer Verfassung in Bayern.

Ludwig war kein absolutistischer Herrscher, sondern durch Verfassung und Politik beschränkt. Wer waren damals die maßgeblichen Kräfte?

Ludwig regiert in einem Spannungsverhältnis. Einerseits gibt es ein wachsendes konservativ-patriotisches Lager im Landtag, andererseits hält der König gegen diese große Gruppe an einer liberalen Regierung fest.

Warum?

Das hat unter anderem mit kirchenpolitischen Überzeugungen zu tun. Ludwig war religiös, aber er fürchtete eine zu starke Stellung der Kirche im Staat und gegenüber dem Monarchen. Er hatte auch Vorbehalte gegenüber dem, was man bayerische Volksmeinung nennen könnte.

Was meinen Sie?

Einer der Knackpunkt scheint mir die Ablehnung Wagners und auch des Festspielhauses in München zu sein, das dann in Bayreuth realisiert wurde Ludwig fühlte sich nicht nur von München, sondern vom Volk generell, unverstanden. Das trägt dazu bei, dass er sich aus der Öffentlichkeit zurückzieht.

Der Hof versucht zwar, das über moderne Medien, Postkarten etwa, zu kompensieren. Doch der Rückzug aus der Öffentlichkeit zeigte Wirkung. Es fällt eben auf, wenn bei einer Parade bayerischer Soldaten in einer Bamberger Kaserne der eigene König fehlt, dafür aber der deutsche Kaiser erscheint. Da verschieben sich Loyalitäten.

Der Bau der Schlösser war früher Fluch, heute ist er touristischer Segen. Wurde das damals nicht erkennt?

Alle Teile der Serie im Überblick

Teil 1: "Er war der auffälligste Wittelsbacher"

Teil 2: Das Staatsverbrechen an Ludwig II.

Teil 3: "Eine König-Ludwig-Pizza wird's nicht geben"

Teil 4: "Ludwig II. hat Hausverbot"

Teil 5: Neuschwansteins Geheimnisse

Teil 6: "Ein großer Vertuschungsskandal"

Teil 7: Karl Valentin spielt Ludwig II. 

Nein, in dieser Dimension konnte man das nicht erkennen. Der Tourismus beginnt ja erst richtig mit dem Eisenbahnausbau. Außerdem sieht Ludwig die Schlösser ja als Privatbesitz an, als Inseln für sich selbst. Und so ungewöhnlich war der Schlossbau im 19. Jahrhundert ja nicht.

Es gab eine regelrechte Mittelaltereuphorie, denken Sie an die Burg Hohenzollern etwa, die ab 1850 wieder aufgebaut wurde oder an das neugotische Rathaus in München, das ein ausgesprochen großzügiger bürgerlicher Repräsentationsbau ist.

Die Attraktivität und der große Mythos Neuschwanstein ist ohne die Kombination aus dem Schicksal des Königs, der exponierten landschaftlichen Lage und der Architektur des Schlosses nicht verständlich.

Was wird vom Ludwigjahr bleiben?

Unverkennbar ist das Bemühen, etwa in der Konzeption der Landesausstellung oder in der neuen Biographie über den König von Hermann Rumschöttel, sich nicht nur auf die Person Ludwigs zu konzentrieren, sondern den König auch als Vehikel zu sehen, um ins 19. Jahrhundert mit seinen Umbrüchen und Innovationen zu führen. Mögilch sind auch Reflexionen über die Rolle und Staatlichkeit Bayerns in Deutschland und Europa damals und heute.

Interessantes Anschauungsmaterial bieten die Argumente in den tagelangen Debatten 1871 im Landtag zum Für und Wider eines Beitrittes Bayerns zum kleindeutschen Reich, wo auch diskutiert wurde, ob die neue Machtballung im Kaiserreich unter preußischer Führung nicht Europa zur Explosion bringen wird. Auf diese Debatten wurde bei der Erneuerung des Freistaates und Gründung der Bundesrepublik 1946 bis 1949 Bezug genommen.

Man lernte aus der Geschichte?

Durchaus. Die Wiederaufnahme föderaler Strukturen in Deutschland war ja auch ein Ergebnis der Überlegung, fehlgeleitete Machtstaatlichkeit zu überwinden, die Machtballung in der Mitte Europas neu zu verteilen, wenn man so will, für den Kontinent erträglicher zu machen. Vergleichbare Fragen stellten sich bei und nach der Wiedervereinigung, und zwar bis heute.

Welche Rolle wird die Staatlichkeit der Länder und der Föderalismus spielen? Welche Rolle nimmt die neue Zentrale in Berlin ein? Man kann hinterfragen, ob sich aus der seit der Wiedervereinigung verstärkten öffentlich-medialen Beschäftigung mit dem Nationalen kulturelle Vorboten weiterer Machtverschiebungen etwa im Verhältnis Länder-Bund oder bei der Rolle Deutschlands in Europa andeuten.

Das Interview führte Dirk Walter.

Die vorherige Folge

Kitsch anno dazumal – Ludwig II. auf alten Postkarten.

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