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Eine Jüdin aus Amsterdam hat während ihrer Zeit im KZ Tagebuch geführt. Nun gibt es ihre Erlebnisse auch auf Deutsch.

Nun auch auf Deutsch

"Ein lebendiges und emotionales Zeugnis": Tagebuch aus dem KZ

München - Vor wenigen Jahren wurde ein Tagebuch einer niederländischen Jüdin entdeckt, die von Nationalsozialisten ermordert wurde. Nun gibt es das Buch auf Deutsch. In München wurde es vorgestellt.

„Am Nachmittag des obengenannten Datums wollte ich mich gerade auf den Balkon setzen, um ein wenig zu lesen, als es klingelte.“ Was banal klingt, ist der Moment, in dem der Tod von Klaartje de Zwarte-Walvisch unausweichlich wurde. Am 22. März 1943 holten die Nationalsozialisten die Näherin, die damals 32 Jahre alt war, und ihren Mann Joseph aus ihrem Haus in Amsterdam und brachten sie zur zentralen Sammelstelle in die Hollandsche Schouwburg. Von dort begann ihre Odyssee über die Konzentrationslager Herzogenbusch (niederländisch: Kamp Vught) und Westerbork in das Vernichtungslager Sobibór, wo sie am 16. Juli 1943 ermordet wurde. „Mein erster Eintritt in die Hölle“ schreibt sie über ihre Ankunft an der Sammelstelle.

Erst vor wenigen Jahren wurde das Tagebuch der jungen Jüdin entdeck. Jetzt ist es auf Deutsch erschienen. Am Donnerstagabend sollte es im NS-Dokuzentrum in München vorgestellt werden. In den Niederlanden machte die Entdeckung Schlagzeilen, weil dort viele Menschen Bezüge herstellten zu den berühmten Aufzeichnungen von Anne Frank. „Für viele Niederländer hatte das Tagebuch eine sehr große Bedeutung“, sagte der Lektor Ulrich Nolte vom Verlag C.H. Beck in München. „Man sagte: Wenn Anne Frank die Möglichkeit gehabt hätte, aus einem Lager zu schreiben, hätte sie wahrscheinlich ähnlich geschrieben.“

Anne Franks Tagebuch bricht mit ihrer Verhaftung durch die Nationalsozialisten ab, de Zwarte-Walvischs beginnt damit. „Hier hat man ein lebendiges und emotionales Zeugnis, wie man es bisher nicht hatte“, sagte Nolte. „Es hat eine schockierende Unmittelbarkeit.“

Das Buch umfasst Aufzeichnungen von März bis Juli 1943. Zwarte-Walvisch wurde im Juli 1943 in Sobibór ermordet. Vorher gelang es ihr, das Tagebuch einem Verwandten zu übergeben, in dessen Nachlass in Kanada es erst vor wenigen Jahren gefunden wurde. Eine Nachfahrin der Verfasserin schickte es an das Jüdische Historische Museum in Amsterdam, in dessen Archiv zwei Dokumentarfilmerinnen es zufällig entdeckten.

Ihr letzter Tagebucheintrag ist auf den 4. Juli datiert und mit „Ankunft in Westerbork“ überschrieben. Damals hatte sie noch zwei Wochen zu leben. Im Eintrag schildert sie ihre ersten Eindrücke in dem Lager - der letzten Station vor Sobibór, wo sie sterben sollte. Sie beschreibt, wie sie bei der Ankunft durchsucht wurde und schreckliche Ängste ausstand, ihr Tagebuch könnte entdeckt werden. Sie hatte es in das Futter ihrer großen Tasche eingenäht. „Aber ich hatte Glück“, schreibt sie - und dass ihre Bekannten sich mit ihr über dieses Glück freuten. Ihre letzten Sätze: „Sie wussten, was ich in meiner Tasche versteckt hatte, und warteten voll ängstlicher Anspannung auf mich. Sie freuten sich, dass alles so gut ausgegangen war.“

Das Tagebuch erscheint kurz vor einer Neuverfilmung der Tagebücher der Anne Frank: Der Film kommt am 3. März in die Kinos.

dpa

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