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Marlene Märkert mit einem Foto des französischen Kriegsgefangenen Jean Percheron. Wer kennt seinen Sohn?

Marlene Märkert forscht nach

Deutsch-französische Spurensuche: Wo ist der unbekannte Bruder?

Dies ist eine Geschichte mit vielen Unbekannten: Eine Französin sucht ihren Halbbruder, der um 1943 oder 1944 geboren und in Oberbayern aufgewachsen ist. Gibt es ein Happy End? Vielleicht, vielleicht auch nicht.

HörbachJean Percheron war ein französischer Kriegsgefangener, der von Oktober 1940 bis April 1945 in Oberdill bei Grünwald (Kreis München) im Forst bei Baumfällarbeiten eingesetzt wurde. Er stellte sich gut an, war auch willig und hatte bald die Stellung als eine Art Vorarbeiter. Es gibt Fotos, die Percheron inmitten einer Gruppe von Waldarbeitern zeigen. Er war ein hoch aufgeschossener junger Mann, auf den Fotos lächelt er. Er scheint glücklich zu sein – trotz der Gefangenschaft.

Und das hatte wohl einen Grund: Irgendwann hat Jean Percheron eine junge Frau kennengelernt, irgendwann in den Jahren 1943 oder 1944 wurde mehr daraus. Die junge Frau wurde schwanger, sie soll dann einen Sohn geboren haben – heimlich vielleicht, denn dass sich deutsche Frauen mit Franzosen einließen, war in der NS-Zeit streng verboten.

Zeit des  Abschiednehmens

Es kam das Kriegsende, es kam die Zeit des Abschiednehmens. Jean Percheron war wieder frei, er kehrte zurück in seine Heimat, in ein Dorf namens Talmontiers in der Region Oise. Dort wurde er drei Jahre nach Kriegsende wieder Vater: Claude Jacquelet, so heißt die Tochter, lebt heute in Savoyen am Fuße der französischen Alpen. Jetzt sucht sie ihren Bruder. Es ist eine schmerzvolle Suche nach den eigenen Wurzeln. „Man hat mir zwar seine Existenz verschwiegen, aber sein Fehlen hat mein Leben geprägt“, schreibt sie in einem „Brief an meinen Bruder oder an seine Familie“. Und: „Ich möchte Dir mit meinem ganzen Herzen sagen, dass ich auf der Suche nach Dir bin.“

Die Kontaktperson von Claude wohnt in Hörbach im Landkreis Fürstenfeldbruck: Marlene Märkert sitzt am Esstisch, um sich herum Fotos und Briefe. Sie klappt den Laptop auf, zeigt Fotos von Lucien Dupard. Das war ihr Vater, ein französischer Besatzungssoldat im Schwarzwald der Nachkriegszeit. Marlene Märkert hat Lucien nie kennengelernt, er starb 2011, drei Jahre bevor sie seine neue Familie in einem Dorf in den Pyrenäen aufspürte.

Seit zwei Jahren weiß Marlene Märkert nun, dass sie drei Halbbrüder und eine Halbschwester hat. Und dass Lucien „ein ganz toller Papa“ war. Jetzt will sie im Fall Jean Percheron helfen.

Marlene Märkert ist Mitglied im Verein „Coeurs sans frontières“, auf Deutsch heißt das: Herzen ohne Grenzen. Gut 200 Mitglieder hat der Verein, und Suchanfragen gibt es zuhauf.

Suchanzeige Nummer 248

Unter der Suchanzeige mit der Nummer 248 ist der Fall von Jean Percheron gelistet, unter der Nummer 300 die Suchanzeige zu Marlene Märkerts Vater Lucien – mit dem Zusatz: „gelöst“. Zwangsarbeiter aus ganz Europa gab es während der Nazi-Zeit praktisch in jedem Dorf – dass es da zu Liebschaften kam, leuchtet ein. Die Zahl der europäischen Kriegskinder wurde nie geschätzt, es dürften tausende sein. Um die Kinder der verbotenen Liebe kümmert sich der Verein. „Allein im letzten Jahr konnten wir 20 Suchaktionen erfolgreich beenden“, sagt Märkert. Doch der Fall von Jean Percheron ist noch nicht entschlüsselt – trotz vieler Bemühungen.

Marlene Märkert fragte in Pfarrarchiven nach, in Einwohnermeldeämtern, im Staatsarchiv. Sie fand heraus, dass Jean Percheron, der damals Anfang 30 war, in Oberdill im Haus des Oberförsters Alfons Karpf wohnte.

Der war verheiratet und hatte zwei Söhne sowie eine Tochter. Gertraud war knapp drei Jahre jünger als Jean – fingen die beiden ein Techtelmechtel an? Das vermutete Marlene Märkert eine Zeit-lang. Sie erfuhr, dass Gertraud 1944 in Tschechien lebte. Abmeldung im Einwohnermeldeamt am 1. April 1944, Rückkehr aus Beneschau bei Prag am 2. Dezember 1944. Acht Monate also – hat sie eine Schwangerschaft dort abgewartet? In Beneschau gab es, so heißt es, ein Umerziehungslager für Frauen – brachte sie dort einen Sohn zur Welt?

Das sind Theorien, die Marlene Märkert umtreiben. Sie verfolgt noch eine zweite Spur, sie führt zu Hilde. So hieß eine junge Frau, die der Frau des Oberförsters im Haushalt half. Jeden Tag kam sie mit dem Fahrrad zur Arbeit – und fuhr abends wieder heim. Wohin, weiß man nicht, wie überhaupt vieles unklar ist mit Hilde. Wie hieß sie mit Nachnamen? Wo wohnte sie? Was wurde aus ihr? Marlene Märkert fand einen Sohn von Gertraud, der sich erinnerte. Ja klar, die Hilde, sagte der Mann. Die war auf einmal weg. Als elfjähriger Bub habe er nachgefragt. Und da hieß es: „Sie kommt nicht mehr, sie ist schwanger.“ Schwanger mit dem Bruder von Claude?

Nachforschungen im Staatsarchiv

Im Staatsarchiv München wollte man Marlene Märkert gerne helfen. Doch Listen von Kindern französischer Kriegsgefangener gibt es nicht. Und Hilde konnte ohne Nachnamen und Wohnort nicht gefunden werden. Allein für den Sprengel des Amtsgerichts München, teilte das Archiv mit, liegen für die Geburtsjahrgänge 1943 und 1944 „insgesamt 37 Akten zu Müttern mit den Vornamen Hilde, Hildegard, Brunhilde, Krimhilde o.ä. vor“.

Krimhilde, Brunhilde, oder einfach nur Hilde? Wer auch immer die unbekannte Frau war, Tatsache ist, dass Jean ihr nach dem Krieg lange nachtrauerte, wie es in dem Brief von Claude an ihren unbekannten Bruder heißt. Es wanderten wohl Briefe zwischen Frankreich und Deutschland hin und her, und 1958 soll es in Talmontiers sogar zu einer kurzen Begegnung zwischen Jean, dem Vater, und seinem Sohn gekommen sein.

Weitere Begegnungen unterband Claudes Mutter, der die Liaison mit der Deutschen nicht entgangen war. So riss der Kontakt ab. „Mein Vater hat ein starkes Schuldgefühl entwickelt, das seine Gesundheit angegriffen hat, und er hat diese Last sein ganzes Leben mit sich herumgetragen“, schrieb Claude.

Jean Percheron ist im Februar 1978 verstorben. Das Geheimnis um seinen Sohn nahm er mit ins Grab.

Wer Hinweise zu der gesuchten Person hat, kann sich an unsere Redaktion wenden.

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