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"Die Alpen sind keine Idylle" - das sagt Geograph Werner Bätzing.

Deutscher Alpenpreis für Geograph

Werner Bätzing: "Die Alpen sind keine Idylle"

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München – Der Mensch gehört in die Alpen – davon ist der Geograph Werner Bätzing (65) überzeugt. Entscheidend ist, wie er mit ihnen umgeht. Seit über 30 Jahren beschäftigt Bätzing diese Frage – vielen gilt er als bedeutendster Alpenforscher Europas. Heute verleiht ihm die Alpenschutz-Kommission CIPRA den 4. Deutschen Alpenpreis für sein Lebenswerk. Ein Gespräch.

Ein typischer Geograph beschreibt bloß – Sie aber kämpfen leidenschaftlich für die Kulturlandschaft Alpen. Woher kommt das?

Ich habe erst Theologie und Philosophie studiert, war dann Buchhändler und habe Gewerkschaftsarbeit gemacht. Mit der Beziehung Mensch und Natur habe ich mich also ebenso beschäftigt wie mit sozialen Fragen. In den Alpen konnte ich beides verbinden. Die Grundfrage vom Mensch-Natur-Verhältnis hat sich beim Wandern automatisch gestellt. Im Piemont, wo ich meine Doktorarbeit geschrieben habe, sind mir soziale Gegensätze aufgefallen: Da hat man völlig entsiedelte Alpen-Regionen in Sichtweite der Metropole Turin. Ich fing an, alles zusammenzudenken und mit der Frage zu verbinden: Wie ist es gelungen, in diesem schwierigen Lebensraum über Jahrtausende zu leben und zu wirtschaften? Und warum geht das heute kaputt?

Das klingt, als hätten sich die Alpen seither negativ entwickelt.

Objektiv gesehen ja. Täler verstädtern, Tourismuszentren wachsen rapide. Anderenorts passiert das Gegenteil: Die Alpen entsiedeln sich, die Menschen ziehen sich zurück.

Verstädterung und Entsiedelung sind Kernbegriffe für Sie. Sehen Sie beides auch in den bayerischen Alpen?

Noch nicht. Die bayerischen Alpen sind derjenige nationale Alpenraum, dessen Wirtschaft und Bevölkerung am stärksten gewachsen ist. Aber in den letzten zehn Jahren fängt dieses einheitliche Bild an zu zersplittern. Gemeinden gehen vor allem im Raum Berchtesgaden und im Allgäu zurück, also außerhalb der Tourismuszentren. Das wäre zu verkraften, wenn neue dezentrale Arbeitsplätze geschaffen würden. Ich befürchte das Gegenteil. Dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis Leute ganz abwandern.

Sie wollen die Alpen als Lebensraum der Menschen erhalten. Wie sähe eine positive Vision aus?

Dass wir keine touristischen Monostrukturen wie die großen Skigebiete haben, sondern eine Mischung aus Landwirtschaft, Handwerk und Gewerbe. Dazu Firmen von außen, die Arbeitsplätze schaffen, auch Internet-Arbeitsplätze. Winter- und Sommertourismus gehören sicher auch dazu. Ich möchte nicht zurück zu musealen Verhältnissen. Das Ganze muss einen lebenswerten Mix ergeben.

Eine Alpenidylle wäre Ihre Sache also nicht.

Nein. Sowas ist auch immer ein Zerrbild von Städtern, die den ländlichen Raum überhaupt nicht kennen. Die Alpen sind keine Idylle, sie haben immer etwas Bedrohliches. Das wird immer da sein.

Skizirkus oder gemäßigter Tourismus – Bayerns Alpen sind auf der Suche nach ihrer Rolle. Wo ist die?

Im Winter haben die bayerischen Alpen den Anschluss an große Skigebiete längst verpasst. Deswegen ist künstliche Beschneiung wie am Sudelfeld der falsche Weg. Die bayerischen Alpen sollten ihre Stärke ausspielen, dass sie technisch noch wenig erschlossen sind. Es braucht einen naturnahen Tourismus, inklusive Kulinarik und Brauchtum.

Damit lässt sich nicht so viel Geld verdienen wie mit einem Skigebiet.

Das hat aber sowieso keine Aussicht auf Erfolg. Ich glaube, die Wertschöpfung kann schon erhöht werden, wenn man nicht von großen Massen her denkt, sondern von Einzelprodukten her. Man kann zum Beispiel regionale Qualitätsprodukte anbieten, Positivbeispiele gibt es längst. So können auch wenige Menschen einen großen Umsatz machen. Beim neoliberalen Denken geht’s immer um die großen Mengen. Das macht viele Möglichkeiten kaputt.

Sie fordern, das Erschließen neuer Skigebiete zu untersagen. Wie könnte das funktionieren?

Das muss man alpenweit gemeinsam machen, zum Beispiel mit Hilfe der Alpenkonvention. Dazu müssten die Touristiker des ganzen Alpenraums mitstimmen. Es gibt unter ihnen schon erste Ansätze, sich zusammenzuschließen, weil sie merken, dass man die Alpen weltweit nur zusammen vermarkten kann. Von einem aggressiven Wettbewerb profitieren nur wenige.

Ihre Vision sind „Orte guten Lebens“ in den Alpen. Gibt es diese Orte?

Die gibt es, und zwar mehr, als man auf den ersten Blick glaubt. Diese Orte zeichnen sich durch eine Gesamtsituation aus, die in sich stimmig ist. Die wirtschaftliche Entwicklung, das Verhältnis zur Umwelt, die kulturelle Identität müssen eine Balance haben. Man muss vor Ort wirtschaften können, ohne dass Wirtschaft zum Selbstzweck wird. Man muss die Umwelt nutzen, aber zugleich auch pflegen. Verantwortung spielt da eine wichtige Rolle. Bad Hindelang mit seinem Ökomodell ist ein gutes Beispiel.

Sie werden heute für Ihr Lebenswerk geehrt. Das klingt ein bisschen so, als komme da nichts mehr...

Im Gegenteil. Es kommen im Frühjahr vier Bücher von mir auf den Markt. Außerdem will ich eine globale Geschichte der Mensch-Umwelt-Beziehung schreiben. Da kommt noch einiges.

Interview: Marcus Mäckler

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