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„Wia red’st denn du daher?“ – „Ja ned so wie du!“ Dialekt bereichert die Sprache und Ausdrucksfähigkeit von Kindern.

Der Dialekt - Bekenntnis zur Heimat

Bayern - Anthony Rowley hat unter anderem einen sprechenden Sprach-Atlas im Internet erstellt. Wir befragten ihn über die Dialekt-Vielfalt in Oberbayern.

Zusammen mit dem Bayerischen Rundfunk veranstaltet unsere Zeitung einen Schülerwettbewerb - es geht um Dialekt, Mundart, regionale Sprachbesonderheiten (siehe Kasten). Mit diesem Thema beschäftigt sich der britische Sprach-Professor Anthony Rowley seit Jahren. Der 57-Jährige hat unter anderem einen sprechenden Sprach-Atlas im Internet erstellt. Wir befragten ihn über die Dialekt-Vielfalt in Oberbayern.

Herr Rowley, das Mädchen ist in Miesbach das „Diandl“, in Mittenwald das „Maala“ und in Andechs das „Madl“. Eigentlich sind wir doch alle Oberbayern. Woher kommt diese Vielfalt?

Die Orte, in denen die Leute zusammen kommen, prägen den Dialekt. Großen Einfluss haben zum Beispiel die Pfarrei-Grenzen. Früher, auf dem Land, war es nicht so einfach, in einen anderen Ort zu ziehen. Da brauchte man eine Genehmigung von der Obrigkeit. Mit dem Dorf, in dem man lebt, identifiziert man sich - und das überträgt sich auf die Sprache.

Ist die Dialekt-Vielfalt in Oberbayern eine deutsche Besonderheit?

Nein, im Gegenteil. Unter den Wittelsbachern war Bayern immer ein zusammenhängender Bereich. Schon in Franken ist es anders, da war jeder kleine Ort gleich eine Stadt. Für das Begatten der Henne gibt es im Fränkischen in jedem Dorf einen anderen Ausdruck. In Hessen ist es ähnlich. Übrigens: Gerade im bäuerlichen Umfeld, also im Nahbereich der Menschen, gab es früher eine besonders große Vielfalt an Begriffen. Erst als es dann etwa Landwirtschaftsschulen gab, sind einige verschwunden.

Bairisch gschimpft

Bairisch gschimpft

Heute sind die Menschen mobiler als früher, wir haben nicht mehr nur Kontakt zu den anderen Dorfbewohnern. Trotzdem halten sich Dialekte. Woran liegt das?

Anthony Rowley promovierte über bairische Mundart im Fersental.

Das hält sich, solange die Dörfer, die Orte noch wichtig sind. Solange es dort die Freiwillige Feuerwehr, die Vereine, die Tradition, Feste, ein Wirtshaus, die Frotzeleien zwischen den verschiedenen Gemeinden gibt, ist es den Menschen wert, ihre Herkunft über den Dialekt deutlich zu machen. Ich glaube, es hatte katastrophale Auswirkungen auf den Dialekt, als die Dorfschulen zusammengelegt wurden. Das zerstört das Gemeinschaftsgefühl im Dorf. Am Ende hat man Orte, in denen jeder in die S-Bahn steigt, in die Arbeit fährt und nichts mit seiner Heimat zu tun hat. Da spricht dann keiner mehr Dialekt. Typisch für Bayern ist zum Glück der andere Fall. Der Freistaat hat eine gewachsene Struktur.

Diese Frotzeleien zwischen Sprechern verschiedener Dialekte - warum machen die so viel Spaß?

Sprache ist eben Teil der Identität. Durch die Art des Redens bekenne ich mich zu meinem Geburtsort, zu meiner Familie. Es mag Leute geben, denen es wichtiger ist, zu zeigen, wie viel Geld sie haben. Aber die Standardsprache bringt die Emotion nicht rüber.

Viele Kinder sprechen im Kindergarten oder in der Schule hochdeutsch - obwohl sie aus bairischem Elternhaus kommen. Helfen Projekte wie „Earsinn“?

Auf jeden Fall. Die Beschäftigung mit Bairisch ist Teil des Lehrplans, die Verfassung ruft zur Liebe der bayerischen Heimat auf - aber vielen Lehrern fehlt der Anlass, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Wir wissen: Diese Mehrsprachigkeit ist sehr vorteilhaft. Es gibt die Gefahr, dass Kinder gestelztes Beamtendeutsch sprechen, weil sie fälschlicherweise denken, das ist korrekt. Aber eine richtige und gute Ausdrucksweise schöpft aus allen Bereichen - dem Schriftdeutsch und dem Dialekt.

Das sehen nicht alle so, darunter auch Lehrer.

Einige stecken noch in der Zeit fest, in der der Dialekt nicht so hoch angesehen wurde. Durch solche Wettbewerbe wird das Bewusstsein für den Dialekt gefördert.

Interview: Carina Lechner

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