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Warum sprechen eigentlich nur wenige Kinder bairisch? Mit diesem Thema hat sich auch die Kinder-Uni in München beschäftigt.

Dialektpflege: Ein Rettungsplan für das Bairische

München - Er ist weder Germanist noch bairischer Muttersprachler - und doch ist ihm die Pflege des Dialekts wichtig. Der emeritierte Professor für Romanische Sprachwissenschaft Helmut Berschin hat sich für uns mit der Frage auseinandergesetzt: Lebt oder stirbt Bairisch?

Wie steht es um das Bairische? Für die einen ist Bairisch eine sterbende Sprache, die im Raum München kaum mehr jüngere Sprecher hat; für andere erlebt Bairisch in Öffentlichkeit und Medien derzeit eine Renaissance. Aus sprachwissenschaftlicher Sicht empfiehlt es sich, zunächst klarzustellen, was Bairisch nicht ist. Bairisch ist nicht gleich bairischer Akzent. Horst Seehofer spricht öffentlich mit hörbarer bairischer Sprachfärbung, aber das ist nicht Bairisch. Standard- oder Hochdeutsch kann man in vielen regionalen Varianten aussprechen: alemannisch, bairisch, berlinerisch, rheinisch, sächsisch - es bleibt in Grammatik und Lexikon Hochdeutsch.

Unser Autor Helmut Berschin ist emeritierter Professor für Romanistik

Akustisch hat ein bairischer Akzent für das Hörverständnis durchaus Vorteile: Einmal wegen des Zungenspitzen-r, das deutlicher ist als andere Aussprachevarianten dieses Lautes. Zum anderen wegen der klaren Aussprache der unbetonten Silben: Gerade weil im bairischen Dialekt diese Silben häufig ausfallen - griassn, wissn, Breissn, gsunga, gwuna - werden sie im bairischen Hochdeutsch voll ausgesprochen; grüß-e-n, wiss-e-n, Preuß-e-n, g-e-sung-e-n g-e-wonn-e-n. Bairisch ist nicht gleich bairisches Deutsch. Die hochdeutsche Sprache entstand im 16. Jahrhundert als „Schriftsprache“. Sie bildete ein gemeinsames Dach über den gesprochenen Dialekten und wurde durch den Buchdruck als „Schriftdeutsch“ standardisiert und verbreitet. In der mündlichen Kommunikation, der Umgangssprache, wirkte diese Standardisierung weniger, das gesprochene Hochdeutsch hat deshalb meistens eine landschaftliche Prägung. Dies erklärt, warum Gegebenheiten des alltäglichen Lebens im Deutschen regional verschieden, je nach dem dialektalen Hintergrund, bezeichnet werden: Junge/Bub - Pferd/Gaul/Ross - Blaukraut/Rotkraut/Rotkohl.

Bairischer Dialekt und bairisches Deutsch

Es gibt Hunderte solcher regionalen Varianten, und die Frage, welche „richtig“ ist, stellt sich nur für die überregionale Schriftsprache. Wer im bairischen Sprachgebiet aufwächst oder länger lebt, wird mit dem regionalen Hochdeutsch, dem bairischen Deutsch, vertraut. Auch der Nicht-Dialektsprecher kann Grüß Gott!, Schmarrn oder Nix für ungut! sagen oder zumindest verstehen. Das bairische Deutsch ist mehr oder minder dialektnah - zwischen dem Schriftdeutsch ausgesprochenen Grüß Gott! und einem bairischen Griaßgood! gibt es lautlich viele Übergänge - , und der bairische Muttersprachler kann die Dialektdosis der Sprechsituation anpassen. Weder bei der Kapuzinerpredigt auf dem Nockherberg noch in „Ottis Schlachthof“ wird bairischer Dialekt gesprochen, sondern ein bairisches Deutsch, das auch Nichtbayern verstehen.

Dass dabei auch bairische Redensarten eingeflochten werden, ein Basst scho!, Mia san mia! oder Hasd mi!, macht aus einem bairischen Deutsch kein Bairisch - auch Anglizismen wie Public Viewing oder cool machen aus einem deutschen Text keinen englischen. Der Unterschied zwischen Bairisch und bairischem Deutsch wird häufig nicht gemacht. Auch die Bayerische Staatskanzlei scheint ihn nicht zu kennen, sonst hätte sie nicht der Sendung „Dahoam is dahoam“ den Fernsehpreis 2010 für die beste Produktion verliehen mit der Begründung, sie sei „die einzige deutsche tägliche Serie, in der bayerischer (gemeint ist: bairischer) Dialekt gesprochen wird.“ Tatsächlich wird aber in „Dahoam is dahoam“ nicht bairischer Dialekt gesprochen, sondern bairisches Deutsch, genauer: es wird versucht, denn die meisten der jüngeren Darsteller können es nicht richtig

Bewertung des Dialekts als "rückständig"

Vor hundert Jahren war das Verhältnis Hochsprache - Dialekt in Deutschland noch grundsätzlich anders: Damals war Bairisch in Altbayern Volkssprache: Alle, von der Königsfamilie abwärts, sprachen bairisch - übrigens auch Albert Einstein, der in München aufwuchs und in folgendem Gstanzl einer Freundin mitteilte, dass seine Eltern gegen ihre Heirat seien: Moane Olden die denken/Dees is a dumme Sach /Ober sogen thans nix/Sonst kriegatens aufs Dach.

Heute ist Bairisch eine Minderheitensprache, die Mehrheit der Bevölkerung Altbayerns spricht nicht mehr Dialekt. Dieser massive Sprachwechsel vom Dialekt zur Hochsprache hatte im wesentlichen zwei Gründe: die Mobilität der Bevölkerung und die Massenmedien: Telefon, Radio, Tonfilm, Fernsehen, Internet haben die gesprochene Standardsprache verbreitet und die Dialekte in kommunikative Nischen abgedrängt. Hinzu kam eine - sachlich unbegründete - Bewertung des Dialektgebrauchs als Zeichen von „Rückständigkeit“, „mangelnder Bildung“.

Dialekt als Alltagskommunikation

Welche Zukunft hat nun das Bairische? Über das bairische Deutsch, das irrtümlich häufig für Bairisch gehalten wird, braucht man sich keine Sorge zu machen, außer dass es sich zunehmend entregionalisiert, wie man an der Entwicklung der Grußformeln beobachten kann: Vom Grüß Gott! über Hallo, Grüß Gott! zum Hallo! und vom Servus! zum Tschüss! Die bairischen Dialekte werden allerdings mit „Heimatgefühl“ und „Traditionsbewusstsein“ allein nicht überleben. Es dürfte für Eltern heute in München leichter sein, ein Kind auf Chinesisch aufzuziehen (hier gibt es Kindergärten und ein ethnisches Netzwerk) als auf Bairisch. Der kommunikative Nutzen des Dialekts hat sich durch die Verbreitung des Standarddeutschen erledigt, ähnlich wie die Verbreitung des Automobils das Reiten als normales Fortbewegungsmittel überflüssig gemacht hat. Trotzdem gibt es in Deutschland über eine Million Personen, die den Reitsport betreiben - mit steigender Tendenz.

Wer nicht will, dass Bairisch zum rein privaten Hobby wird, muss den Dialekt zurück in die Alltagskommunikation bringen. Das geht nur - wie die Erfahrung bei anderen europäischen Minderheitensprachen zeigt - über das Bildungswesen und die Massenmedien; der Stammtisch genügt nicht. Das Bairische als hauptsächlich mündliches Kommunikationsmittel müsste also eine hörbare Präsenz in zwei öffentlichen Bereichen erhalten: der vorschulischen Erziehung und dem Rundfunk.

Mit politischem Willen könnte das Bairische Zukunft haben

Es gibt in München mehr als 20 englischsprachige Kindergärten, warum sollte es nicht einen bairischen oder zweisprachig bairisch-englischen geben? (Hochdeutsch lernen die Kinder sowieso) Und der Bayerische Rundfunk könnte durchaus in seine Programme eine Dialektschiene einbauen und so seinem gesetzlichen Auftrag, der „Eigenart Bayerns gerecht zu werden“, auch sprachlich nachkommen.

Eine solche „Normalisierung“ des Dialektgebrauchs im öffentlichen Leben stößt sicher auf Widerstände. Weniger bei der nicht dialektsprachigen Bevölkerung (es würde ja niemand gezwungen, nun Bairisch, Schwäbisch oder Fränkisch zu lernen), als bei den Institutionen, konkret: dem Bayerischen Kultusministerium und dem Bayerischen Rundfunk, die beide in ihren Gewohnheiten ungern gestört werden wollen.

Das gilt besonders für den Bayerischen Rundfunk, dessen Chefredakteure ein Selbstbewusstsein zeigen wie vor einigen Jahren die Manager der Bayerischen Landesbank. Aber die Zeiten ändern sich, und mit politischem Willen (den der Wähler ja beeinflussen kann) könnte das Bairische durchaus eine Zukunft haben, die sich nicht auf die Hobby-Ecke beschränkt.

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