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Die dunklen Seiten des Star-Autors: Ludwig-Thoma-Kenner Franz-Josef Rigo zum 100. Todestag im Interview

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Von: Dirk Walter

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Ludwig Thoma und ein Haus sowie eine alte Zeitung.
Ludwig Thoma publizierte anonym im Miesbacher Anzeiger. Er wohnte damals in einem Haus auf der Tuften. © Collage: Hahmann, Fotos: Plettenberg, Archiv

Eine unkritische Jubelarie ist bei ihm nicht (mehr) möglich: Ludwig Thoma, der vor 100 Jahren, am 26. August 1921, starb, war ein begnadeter Satiriker – und ein wüster Antisemit. Ein Symposium leuchtet den Star-Autor in Miesbach in allen Facetten aus. Dazu ein Gespräch mit dem Organisator Franz-Josef Rigo.

Auf Betreiben des Münchner OB Hans-Jochen Vogel wurde 1970 eine Ludwig-Thoma-Büste in der Ruhmeshalle bei der Bavaria platziert. Gehört er da wirklich hin?

Das ist eine legitime Frage. Aber das läuft in radikaler Konsequenz darauf hinaus, Tabula Rasa zu machen bei den Lichtgestalten aus Literatur und Musik, Wissenschaft und Politik. Ich nenne mal Theodor Fontane oder Wilhelm Raabe, Karl Marx, den Philosophen Martin Heidegger. Richard Wagner, der ein wüster Antisemit war, ist in der Walhalla platziert – müsste seine Büste nicht zuallererst fallen? Ludwig Thoma ist als Autor ein Schwergewicht, daran ändert sein Antisemitismus nichts. Das sollte man beim Betrachten der Büste mitbedenken, dann kann sie an diesem exponierten Ort auch stehen bleiben.

Ist das Leben Thomas nicht längst erforscht?

Es existieren noch zig blinde Flecken, deren Erforschung sich lohnt – oder es kursieren Irrtümer, die endlich korrigiert werden müssen. Dazu zwei Beispiele, die mittlerweile der Vergangenheit angehören: Thoma wurde bis vor Kurzem immer der Gemeinde Rottach-Egern zugeschlagen – die Kommune hat sich aus verständlichen Gründen nie dagegen gesträubt. Sein Domizil auf der Tuften gehörte aber immer schon zur damaligen Gemeinde (seit 1954 Stadt) Tegernsee, dort hat Ludwig Thoma im November 1915 das Heimat- und Bürgerrecht erworben.

Das zweite Exempel?

Lange Zeit ging man in der Forschung davon aus, dass Thomas Ehe mit Marion zu Lasten der Gattin geschieden wurde. Bernhard Gajek hat dies nach Auffinden einschlägiger Dokumente zur zivilrechtlichen Trauung 1907 sowie zur gerichtlichen Scheidung 1911 korrigiert.

Eine historisch-kritische Ausgabe ist ein großes Desiderat

Franz-Josef Rigo

Wo erwarten Sie sich neue Erkenntnisse?

Neue Impulse kommen durch neue Fragestellungen und die detaillierte Auswertung existierender Bestände, etwa des umfangreichen Thoma-Nachlasses in der Monacensia. Dort liegt ein Schatz, der in vielerlei Hinsicht erst noch zu heben wäre. Leider sind die Arbeitsbedingungen dort wirklich miserabel, man darf pro Forschungsprojekt nur 25 Kopien anfertigen lassen. Es ist davon auszugehen, dass neue Aspekte zutage gefördert werden, wenn die Quellenbasis deutlich erweitert ist. Ein großes Desiderat ist eine komplette, am besten historisch-kritische Ausgabe sämtlicher Briefe, sie liegen als Publikation bislang nur sehr fragmentarisch vor.

Im Symposium wird auch der Thoma-Biograf Professor Bernhard Gajek, inzwischen 92, einen Vortrag halten. Wie konnten Sie ihn gewinnen?

Bernhard Gajek, die Koryphäe der Thoma-Forschung, habe ich im Zuge der Vorbereitung des Ludwig-Thoma-Symposiums in Tegernsee im Januar 2017 kennengelernt. Ich hatte seinerzeit von Thoma relativ wenig Ahnung, kannte nur das Thoma-Haus auf der Tuften und hatte mich mit Hilfe der Edition des Historikers Wilhelm Volkert mit Thomas Artikeln im Miesbacher Anzeiger beschäftigt. Ich hatte befürchtet, dass das Jubiläum am Tegernsee wohl auf eine unkritische Hommage hinauslaufen würde. Damit wollte ich mich nicht abfinden. Daher kam es zu einem ersten Symposium, dem nun ein zweites folgt.

Thomas Antisemitismus im Miesbacher Anzeiger ist bekannt. Weniger präsent hat man, dass Thoma 1917 Gründungsmitglied der nationalistischen Deutschen Vaterlandspartei war. Was haben Sie dazu herausgefunden?

In der Tat: Dass er als Propagandist der rechtsnationalen, um den ehemaligen Großadmiral Tirpitz gruppierten Sammlungsbewegung landauf und landab unterwegs war, um für deren Ziele Reklame zu machen, haben allenfalls wenige Insider registriert. In Berlin, München sowie in der bayerischen Provinz hat Thoma für einen annexionistischen Siegfrieden die Werbetrommel gerührt. Die Parole Deutschland, wach auf aus dem Wortschatz der Alldeutschen hat er gerne im Munde geführt – Hitlers Mentor Dietrich Eckart hat sie in seinem berüchtigten Sturmlied aufgegriffen und in die nationalsozialistische Bewegung importiert.

Sollte man Thoma heute noch lesen? Wenn ja, was empfehlen Sie?

Ich hätte da einen unorthodoxen Vorschlag: Man könnte die Lektüre von Thoma-Texten beispielsweise mit satirischen Gedichten beginnen, in der 1896 gegründeten avantgardistischen Zeitschrift Jugend oder dem Simplicissimus. Thomas Pseudonym Peter Schlemihl ist damals zum Markennamen geworden. Dieser Zugang wird durch die Online-Ausgaben der beiden Zeitschriften erleichtert – ganz simpel über www.simplicissimus.info – dort findet man jeden Text aus Thomas Feder im Handumdrehen. Wer einen wirklich guten Roman von Ludwig Thoma lesen und sich von dieser Tragödie gefangen nehmen lassen will, sollte Der Ruepp zur Hand nehmen. Dies ist unter Germanisten, soweit ich sehe, unumstritten.

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