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„Die Kirche steht am Scheideweg“

München - XXL-Pfarreien, ausgebrannte Priester, der Missbrauchsskandal, resignierte Laien: Der Zustand der katholischen Kirche ist alles andere als segensreich. Der Ruf nach Reformen wird immer lauter.

Peter Neuner, katholischer Priester und emeritierter Professor für Dogmatik, ist wahrlich kein Revoluzzer. Der bald 70-Jährige, der in Vaterstetten (Kreis Ebersberg) lebt, gehört zu den 144 Unterzeichnern einer Erklärung, in der Theologen tiefgreifende Umwälzungen in der katholischen Kirche fordern.

„Wir wollen die Pfarrgemeinden stärken“, erläuterte er gegenüber unserer Zeitung die Motivation zu dieser Erklärung. Es würden immer mehr Pfarreien zusammengefasst mit der Folge, dass die persönliche Nähe in der Seelsorge verloren gehe. „In dieser Situation sollen die Gemeinden wissen, dass die Theologen mitleiden, dass wir die Sorgen kennen. Wir wollen das, was in unserer Macht steht, tun, um dazu beizutragen, dass neue Wege eingeschlagen werden.“

Neue Wege, das sind auch nach Überzeugung des Dogmatikers unter anderem die Zulassung verheirateter Männer zur Priesterweihe, auch die Weihe von Frauen kann sich der Priester vorstellen. Natürlich weiß er, dass die Theologen keine Vollmacht haben, nicht entscheiden können - „aber wir haben doch die Kraft der Argumente“. Und er will mit seinen zahlreichen Mitstreitern zeigen, dass Stimmen wie die von Kardinal Brandmüller nicht die einzigen seien und „nicht repräsentativ für die Theologie“. Die Wissenschaft müsse auch Themen in den Blick nehmen, die derzeit noch unrealistisch erschienen, aber dennoch im Bereich des Denkbaren lägen.

Gefordert werden in dem Theologen-Aufruf neben der Diskussion über den Zölibat auch mehr synodale Strukturen in der Kirche. „Was alle angehe, soll auch von allen entschieden werden“, heißt es in dem Papier. Die Gläubigen sollten an der Bestellung wichtiger Amtsträger wie Bischof oder Pfarrer beteiligt werden. Zudem sollten wiederverheiratete Geschiedene und in festen Verbindungen lebende gleichgeschlechtliche Partner nicht ausgeschlossen werden.

Für Neuner steht die Kirche an einem Scheideweg. Wenn sie in der jetzigen Umbruchsituation das Wort der Gläubigen nicht höre und ernsthaft in Erwägung ziehe, „befürchte ich eine sehr große Abwanderungsbewegung von denen, die von der Kirche enttäuscht sind“. Mit Traurigkeit und Enttäuschung blicke er auf den Zustand seiner Kirche. Es gebe kein anderes Rezept als Dialog. So heißt es in dem Papier: „Es gilt, im freien und fairen Austausch von Argumenten nach Lösungen zu suchen, die die Kirche aus ihrer lähmenden Selbstbeschäftigung herausführen.“ Die Laienbewegung „Wir sind Kirche“ appelliert an die Bischöfe, die Reformrufe aufzugreifen. „Es muss Schluss sein mit der Basta-Theologie“, sagte Christian Weisner vom Bundesteam. Der Deutschlandbesuch des Papstes müsse dazu genutzt werden, auch kritische Fragen offen anzusprechen. Das Zentralkomitee der Katholiken begrüßte den Aufruf der Theologen als einen „Impuls zu dem in Gang kommenden Dialogprozess“.

von Claudia Möllers

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