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Skitourengeher Markus K. – bereits ausgegraben – an der Stelle, an der er bis zur Brust verschüttet wurde.

„Die Lawine gleitet fast lautlos dahin“

Kreuth - Martin Becker ist Redakteur dieser Zeitung und begeisterter Wintersportler. Der 42-jährige Münchner ist Mitglied des Deutschen Alpenvereins Sektion Otterfing (Kreis Miesbach) und erfahrener Tourengeher. Der Familienvater berichtet davon, wie ein Schneebrett seinen Begleiter verschüttete.

In der Praxis ist alles anders. Natürlich haben wir Lawinenkurse absolviert, Fachliteratur studiert, immer wieder mit dem „Piepser“ die Verschüttetensuche geübt. Graue Theorie, denn Lawinen sind unberechenbar. Das haben wir am Donnerstag bei einer Skitour in den bayerischen Voralpen hautnah erlebt. Vorweg: Der Lawinenunfall ging glimpflich aus – kein Personenschaden, nur Materialverlust. Der lässt sich verschmerzen. Was tiefer sitzt, sind die unmittelbaren Eindrücke. Die wirken nach.

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Schon am Vorabend hatte ich ein Bauchgefühl. Es sollte die 18. Skitour in diesem Winter werden – und erstmals packe ich statt des normalen Rucksacks den mit ABS-Lawinenairbag. Eine Vorsichtsmaßnahme nach der Mischung aus Sturm und Neuschnee in der Nacht zum Mittwoch. Kurz vor der Abfahrt klicke ich mich im Internet auf die Seite des Lawinenwarndiensts Bayern, verinnerliche potenzielle Gefahrenstellen wie „eingewehte Hangzonen und kammnahe Steilhänge der Hangrichtungen Nord über Ost bis Süd“.

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Davon ist beim Start am Parkplatz Winterstube bei Kreuth (Kreis Miesbach) nichts zu spüren, und auch im Winterwald hinter der Schwarzentennalm suggerieren Hasenspuren Idylle pur. Erstes skifahrerisch lohnende Ziel: das Zwieseleck (1460 Meter). Der Südhang ist unberührt, die Schneedecke stabil. Steilstufen umkurven wir in Aufstieg und Abfahrt. Wie im Lehrbuch.

Nun peilen wir die Hochplatte (1592 Meter) an, von der aus wir zur bewirtschafteten Buchsteinhütte abfahren wollen. Doch so weit kommen wir nicht. Es passiert um 12.54 Uhr. Ich habe im etwas über 30 Grad steilen Nordwesthang eine Aufstiegsspur gelegt, postiere mich oberhalb eines Baums, um ein Foto zu machen. Plötzlich ertönt ein Schrei – und ich sehe, wie ein Schneebrett oberhalb der Spur abgeht.

Mittendrin mein Tourenkamerad Markus K. (40) aus Lenggries. Fast lautlos gleitet die Lawine dahin, kommt nach etwa 70 Metern zum Stillstand. Ich kann den Kopf meines Tourenpartners sehen, rufe ihm zu – er reagiert nach scheinbar endlos langen zehn Sekunden und signalisiert, dass ihm nichts passiert ist. Bis zur Brust war er verschüttet, konnte sich aber selbst aus den eher lockeren Schneebollern befreien. Panik habe er gespürt, als plötzlich sein Rücken von den weißen Massen überspült wurde – automatisch machte er Schwimmbewegungen, um oben zu bleiben. Das klappte. Piepser, Sonde und Schaufel kommen nicht zum Einsatz.

Aber: Ein Ski und beide Stöcke bleiben in der Lawine stecken. Und trotz halbstündiger Suche unauffindbar. Damit nicht andere Skitourengeher – eine Gruppe war gegenüber am Seekarkreuz unterwegs – die Bergwacht alarmieren, geben wir per Handy kurz der Notrufzentrale Bescheid, dass alles okay ist.

Bei 1,70 Meter Tiefschnee wird der Rückweg mit einem Ski trotzdem zur Tortur. Not macht erfinderisch, wir kleben die Lawinenschaufel als Schneeschuhersatz mit Tape unter Markus’ Schuh. Später reflektieren wir die Ereignisse. „Nie und nimmer“, sagt Markus, hätte er gedacht, dass er just an dieser gar nicht so steilen Stelle ein Schneebrett auslösen würde. Ein „einschneidendes Erlebnis“ sei das gewesen, das die Sinne schärft. Lawinen sind unberechenbar.

Martin Becker

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