Kerstin Schreyer (CSU) im Gespräch über die S-Bahn-Nutzung in Corona-Zeiten.
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Kerstin Schreyer (CSU) im Gespräch über die S-Bahn-Nutzung in Corona-Zeiten.

Kerstin Schreyer (CSU) im Interview

Verkehrsministerin macht S-Bahnfahrern Mut: „Die Maske ersetzt den Abstand“

  • Georg Anastasiadis
    vonGeorg Anastasiadis
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  • Dirk Walter
    Dirk Walter
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„Als die Geduld verteilt wurde, war ich nicht mehr da, es hat mir zu lange gedauert“ – das ist die Maxime der bayerischen Verkehrsministerin Kerstin Schreyer (CSU), die nun lernen muss, dass es beim Bahnausbau doch etwas dauern kann. Im Interview spricht die 49-jährige Unterhachingerin, die erst spät, mit 29, ihren Führerschein gemacht hat, über geänderte Verkehrsströme und unbegründete Ängste beim S-Bahn-Fahren.

Wie voll sind die S-Bahnen jetzt?

Wir haben je nach Wochentag 60 bis 70 Prozent Auslastung im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit. Die Verkehrsunternehmen berichten uns in den wöchentlichen Schaltkonferenzen, dass sich die Pendlerströme verlagern, nicht mehr alle in der Früh zur Arbeit fahren und abends nach Hause. Auch einzelne Schulen haben ihren Beginn gestaffelt, leider sind es noch zu wenige. Ich habe mehrfach den Kultusminister aufgefordert, dass das stärker geschieht. Er unterstützt uns auch dabei.

Bahnfahren ist ungefährlich, sagen Sie. Viele Menschen haben trotzdem Angst.

Die Maske ersetzt den Abstand, die Maskenpflicht ist das Maß aller Dinge. Das ist die Botschaft. Zwischen 95 und 99 Prozent der Fahrgäste nehmen die Maskenpflicht ernst, mehr kann man nicht erwarten. Schwächer ist die Disziplin an den Haltestellen. Die Maskenpflicht gilt auch an der Bushaltestelle. Aber auch da sind es über 90 Prozent. Kurioserweise haben Züge anscheinend nur eine erste und letzte Tür, wo es sich dann drängt. Davor haben die Menschen Angst. Wir müssen lernen, auch mal in der Mitte einzusteigen.

In den S-Bahnen gibt es Vierersitzgruppen. Oft sitzen nur zwei Fahrgäste diagonal, die anderen stehen. Verständlich, oder?

Ich sehe kein Problem, wenn die Vierersitzgruppe komplett belegt ist. Die Maske ersetzt den Abstand. In den S-Bahnen werden drei Mal am Tag alle Haltegriffe und Kontaktflächen desinfiziert. Die Türen öffnen, wo technisch möglich, automatisch. Die S-Bahnen waren noch nie so sauber wie heute.

Verändert Corona die Verkehrsströme?

Das ist schwierig zu prognostizieren. Ich gehe davon aus, dass wir die Verkehrspolitik nach Corona ganz neu anschauen müssen. Corona hat Arbeitsprozesse verändert – und damit auch das Pendlerverhalten. Meine These ist, dass das so bleiben wird. Es gibt drei Faktoren.

Welche sind das?

Erstens einen Schub bei der Digitalisierung. Videoschalten waren früher doch die Ausnahme, heute überlegt man es sich sehr gut, ob man für zwei Stunden Konferenz nach Berlin fliegt. Corona hat zweitens mehr Sensibilität in der Frage Vereinbarkeit von Familie und Beruf gebracht. In Familien mit Kindern haben sich die Arbeitszeiten stark verschoben, ein Elternteil fängt zum Beispiel früher an und hört früher auf, damit es das Kind aus der Kita holen kann. S- und U-Bahnen sind montags und freitags leerer – das sind die neuen Homeoffice-Tage. Und es gibt ein neues Gesundheitsbewusstsein, viele fahren Rad und gehen zu Fuß.

Ist der S-Bahnausbau in diesem Maße überhaupt noch notwendig, wenn die Fahrgastzahlen vielleicht dauerhaft sinken?

Corona hin oder her – die S-Bahnen sind zu voll. Wenn ich weiß, dass die S-Bahn für 240 000 Fahrgäste täglich konzipiert war, heute aber bis zu 840 000 fahren, muss ich kein Mathegenie sein, um zu wissen, dass hier Handlungsbedarf besteht. Wir haben 28 Baumaßnahmen im Bahnknoten München geplant, bei 41 weiteren soll es Voruntersuchungen geben. Zur klugen Verkehrspolitik gehört, dass wir eine zweite Stammstrecke brauchen.

Was noch?

Wir dürfen nicht nur die Stadt München sehen. Wir haben acht Landkreise drumherum. Ein Baustein ist das Stellwerk am Ostbahnhof. Es gibt die klare Zusage, dass es bis 2023 steht. Das größte Problem sehe ich aber bei den S-Bahn-Außenästen. Wir haben das zu wenig im Blick gehabt. Die Strecken müssen endlich ertüchtigt werden, um Taktverdichtungen zu ermöglichen – zumindest bis Pasing und Ostbahnhof. Der Großraum München wird weiter wachsen. Bis 2030 sind 300 000 Neubürger prognostiziert. Die werden nicht alle zu Fuß oder mit dem Fahrrad kommen, sondern den ÖPNV nutzen.

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