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Die Uhr läuft: Hebamme Swantje Vogt bei einem Wochenbett-Besuch.

Dienst am Baby – nur nach Vorschrift

München - Die Hebammen in Bayern liegen in den letzten Zügen, sagt der Verband. Sozialabgaben und Betriebskosten steigen, die Vergütung für einen Besuch am Wochenbett ist viel zu niedrig. Jetzt starten die Hebammen eine Aktion, die junge Mütter schmerzen könnte.

Wie badet man ein Neugeborenes richtig? Klappt das Stillen? Geht’s dem Baby-Bäuchlein schon besser? Für viele frischgebackene Mütter sind die Wochenbett-Besuche der Hebamme wichtige Stützen in der ersten Zeit nach der Geburt ihres Kindes. Ab sofort betreuen freiberufliche bayerische Hebammen die Wöchnerinnen nur noch mit der Stoppuhr in der Hand – nach 20 Minuten ist Schluss. So will der Berufsstand die Öffentlichkeit auf die schlechte Bezahlung aufmerksam machen.

Maria Weiß ist seit über 30 Jahren Hebamme in Schongau, seit 14 Jahren ist sie freiberuflich – sie hat sich bewusst für die Selbstständigkeit entschieden, so kann sie die Geburtshilfe nach ihrem Geschmack gestalten. Doch vor allem die Wochenbettbetreuung ist ein finanzielles Fiasko. Pro Besuch kann sie 27 Euro abrechnen – egal, wie lange er dauert. Abzüglich aller Sozialabgaben und Versicherungen bleiben netto 7,50 Euro übrig. „Wenn eine Mutter Probleme beim Stillen hat, das Kind einfach nicht trinken will, dann dauert es, bis man eine Lösung findet“, sagt Weiß. „Da ist eine Stunde schnell vorbei.“

7,50 Euro Lohn für mehr als eine Stunde qualifizierte Arbeit? „Viel zu wenig“, sagt auch Astrid Gießen, Chefin der Bayerischen Hebammen Landesverbands. Deshalb wurde für die Monate Oktober und November die Aktion „Dienst nach Vorschrift“ gestartet. Nach 20 Minuten brechen die Hebammen die Wochenbettberatung ab und übergeben der Mutter stattdessen eine vorgefertigte, knallrote Postkarte. In schwarzen Lettern stehen darauf Sätze wie: „Hebammen liegen in den letzten Zügen.“ Auf der Rückseite sollen die Frauen ankreuzen, welche Behandlung nicht erfolgen konnte – und bei welchen Themen sie sich alleine gelassen fühlen. Tagesrhythmusbetreuung, Geschwisterproblematik, Mutter-/Vaterrolle. Denn die Wochenbettbetreuung, das weiß Hebamme Swantje Vogt aus Warngau (Kreis Miesbach), ist neben der technischen Hilfestellung vor allem auch seelische Betreuung: „Die Frauen sind dankbar, dass wir uns Zeit für sie nehmen.“

Die Zahl der Wöchnerinnen können die Hebammen nicht erhöhen. Zum einen frisst die Fahrt zu den Frauen gerade auf dem Land viel Zeit: Die Schongauerin Maria Weiß ist täglich bis zu 180 Kilometer unterwegs. Die Fahrt wird den Hebammen zwar extra bezahlt, mit etwa 53 Cent pro Kilometer sei das aber auch nicht ausreichend. Zum anderen wird eine Mutter bis zur achten Woche nach der Geburt des Kindes zum Teil mehr als 20 Mal besucht – die Krankenkasse zahlt das.

Die Karten will der Landesverband sammeln und an den Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) schicken. Ob die Aktion fruchtet, bleibt abzuwarten – erst 2010 haben die Hebammen eine Petition im Internet gestartet. Dabei ging es vor allem um die Haftpflichtversicherung, die immer teurer wird. 300 000 Menschen unterschrieben die Petition, auch eine Demonstration wurde organisiert. Bislang aber vergeblich. „Viele Versprechungen sind von Seiten der Politik und der Krankenkassen gemacht werden“, sagt Gießen vom Landesverband. „Aber bislang gibt es keine erkennbaren Verbesserungen.“

Carina Lechner

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