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Extremsportler mit 63: Achim Heukemes.

Großes Merkur-Interview

Dieser Extremsportler (63) radelt 4600 Kilometer durch Amerika

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Rottendorf - Achim Heukemes (63) startet am Dienstag beim härtesten Radrennen der Welt - um seine Grenzen auszuloten. Darüber sprach er mit dem Münchner Merkur im Interview.

„Glauben Sie nicht, dass ich 5000 Kilometer lächelnd durch Amerika radle.“ Achim Heukemes ist ehrlich, und wäre er es nicht, würde das mittlerweile auffallen. Wenn der Extremsportler, der heute in Rottendorf bei Würzburg wohnt, etwas leistet, verfolgen das viele Fans. Mehrere Weltrekorde hat er schon aufgestellt, in Bestzeiten drei Kontinente durchquert. Inzwischen ist er 63, genug hat er noch nicht. Am Dienstag startet er beim härtesten und längsten Radrennen der Welt, dem „Race Across America“. „Die Tour de France ist eine Kaffeefahrt dagegen“, sagt er und erzählt, wie er zu diesen Leistungen fähig ist. Und wie er sich immer wieder motiviert.

Herr Heukemes, früher waren Sie unsportlich.

Ja, absolut. Was den Ausdauersport angeht – damit hatte ich noch vor 30 Jahren gar nichts am Hut. Da bin ich zwei Kilometer gelaufen und konnte nicht mehr. Ich musste aufhören.

Kaum vorstellbar, dass Sie 4600 Kilometer quer durch Amerika in gut zehn Tagen strampeln wollen – und bis jetzt schon beeindruckende Rekorde geschafft haben. Zum Beispiel, als Sie 1100 Kilometer von Flensburg nach Garmisch in 51 Stunden geradelt sind. Wie sind Sie zum Sport, vor allem aber zu dieser Art von Extremsport gekommen?

Naja. Ich war immer ein Motorradfreak, bis ich einen schlimmen Unfall hatte und gemerkt hab, das ist nix mehr für mich. Das war vor etwa 30 Jahren, ich hab mich gefühlt, als würde ich in einem luftleeren Raum stehen. Ich wollte einen kompletten Neuanfang, bin recht spontan umgezogen von Wuppertal nach Mittenwald und hab dort zufällig Kurt König getroffen, den Bergläufer. Sein erster Satz zu mir war: „Du hast die perfekte Lauffigur.“ Er schlug mir vor, bei einem zehn Kilometer Silvester-Lauf in München mitzumachen. Ich dachte ja, der verarscht mich. „Ich lauf doch keine zehn Kilometer“, hab ich gesagt.

Aber es dann doch gemacht?

Klar, ich bin ja irgendwie für alles zu haben. Ein paar Mal hab ich vor dem Lauf noch trainiert, da bin ich aber nie weit gekommen. Die zehn Kilometer hab ich dann geschafft, von 800 Läufern lag ich irgendwo in der Mitte. Kurt König hat daraufhin zu mir gesagt: „Siehst du, du bist überhaupt nicht trainiert, aber trotzdem sind ungefähr 400 Läufer schlechter als du.“ Und was er dann gesagt hat, hat mein Leben zu dem gemacht, was es heute ist. Er meinte: „Wenn du was machst, kann aus dir was werden.“

Sie haben was gemacht, mit Erfolg. Es ist wahrscheinlich mehr aus Ihnen geworden, als Sie jemals erwartet hätten. Wie ist es also nach dem Lauf in München weitergegangen?

Aus zehn Kilometern sind 20 geworden, dann ein Halbmarathon und neun Monate später bin ich meinen ersten Marathon in Berlin gelaufen. 42 Kilometer in guten drei Stunden. Dann habe ich gelesen, dass die Guten es in zwei Stunden 30 schaffen. Das wollte ich knacken, da hab ich hingearbeitet. Immer wieder war ich zehn oder zwölf Sekunden zu langsam. Zwei Stunden, 30 Minuten und zwölf Sekunden. Bei mir ist das so: Wenn ich mir ein Ziel in den Kopf gesetzt hab, geh ich keine Kompromisse ein. Ich versuche es so lange, bis ich es schaffe. Sieben Jahre nach Berlin ist es mir in Zürich gelungen. Zwei Stunden, 29 Minuten.

Später sind Sie gut 5700 Kilometer vom Nordkap nach Sizilien gejoggt. Was für eine Steigerung! Wie können Sie sich selbst zu solchen Leistungen motivieren?

Ich will meine eigenen Grenzen immer ausloten. Wenn ich einen Lauf schaffe, will ich das nächste Mal noch schneller sein, oder immer weiter und noch weiter. Man glaubt gar nicht, zu was der eigene Körper fähig ist. Ich sage immer: „Wenn du nicht mehr kannst, bist du erst bei 50 Prozent.“ Durchhänger hat jeder, aber meistens ist es dann der Kopf, der nicht mehr mag. Man hat keine Lust mehr, die Beine werden schwer, und irgendwann wird man von einer Rolle Selbstmitleid überholt – außer, man hat seinen Kopf im Griff. Der Kopf ist die Zentrale des Körpers und in den meisten Fällen bestimmt er, wie es uns geht und was wir leisten können. Wir müssen unseren Kopf nur selbst steuern können.

Was sind Ihre Tricks?

Ganz klassisch: Ich setze mir kleine Ziele, auf die ich mich freuen kann. Das fing schon bei einem Marathon an: Etwa nach 30 Kilometern stellt der Körper seinen Verbrennungsmechanismus um und die Beine fangen an, so richtig schwer zu werden. Früher ging’s mir dann immer so: Wenn ich überlegt habe, dass ich noch zwölf Kilometer laufen muss, dachte ich, das kann ich unmöglich schaffen. Dann habe ich mich nicht an der Ziellinie orientiert, sondern am nächsten Checkpunkt oder der Getränkeausgabe. Bis dorthin waren es oft nur noch zwei Kilometer und ich dachte: „Das lauf ich ja mit links.“ Mittlerweile zumindest (lacht).

Was passiert aber, wenn tatsächlich körperliche Strapazen dazukommen. Schlafmangel zum Beispiel. Rechnet man die Zeit runter, die Sie sich für das „Race Across America“ vorgenommen haben, kommt man auf etwa 460 Kilometer pro Tag. Für Schlaf bleibt da kaum Zeit.

Wenn überhaupt! Die ersten Tage will ich sogar durchradeln, um anschließend ein paar Kilometer gut zu haben, wenn ich über die Rocky Mountains muss. Ansonsten hoffe ich, dass ich bestenfalls eineinhalb Stunden Schlaf pro Nacht bekomme. Im schlechtesten Fall ist es nur eine halbe, wenn ich wieder Kilometer aufholen muss. Bei solchen Strapazen hängt es natürlich davon ab, wie gut man damit umgehen kann. Und vor allem, das hat wieder mit dem Kopf und den eigenen Zielen zu tun: Wie weit will man gehen? Wer so eine Art von Extremsport betreibt, muss sich fragen: Was bin ich bereit, dafür zu geben? Und: Wie kann ich Probleme lösen, wenn mir auf dem Rad die Augen zufallen und mein Ziel keine zwei Kilometer mehr weg ist, sondern vielleicht 200?

Wie können Sie das?

Mit Wassereis (lacht). Das gönne ich mir als Belohnung, wenn ich angekommen bin – das sage ich mir dann. Und wenn mir immer wieder die Augen zufallen, drehe ich laut Musik auf. AC/DC und Rammstein zum Beispiel, das macht schnell wieder wach.

Sie merken sicher trotzdem, dass Sie 20 oder 30 Jahre älter sind als andere Teilnehmer. Schließlich sind Sie 63.

Wenn es um Kraftangelegenheiten geht, merke ich das. Meine Ausdauer ist nach wie vor ungebremst. Woran ich es am meisten spüre, dass ich älter werde: Alle, die mit mir vor ein paar Jahren noch um die Weltspitze gerungen haben, sind mittlerweile aus dem Rennen. Und ich stehe jetzt vor meiner wohl größten Herausforderung überhaupt. Dem härtesten und längsten Radrennen der Welt. Mit meiner Zeit, zehn Tage, zehn Stunden, will ich übrigens einen neuen Rekord aufstellen.

Franziska Bär

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