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Festliche Kulisse: Der Freie Seelsorger Thomas Multhaup vor Susanne und Martin, dem Brautpaar, bei der Trauung in Niederpöcking am Starnberger See. Im Hintergrund zu sehen ist die berühmte Votivkapelle in Leoni, in Höhe der Todesstelle von Ludwig II.

Dieser Seelsorger kommt, wo die Kirche fehlt

Niederpöcking - Thomas Multhaup, 48, ist Freier Seelsorger. Er springt dort ein, wo die Kirche nicht weiterhilft - bei Trauungen von Geschiedenen oder auch Zeremonien für Atheisten. Ein Berufs-Porträt.

Das Sonnenlicht gleißt im Starnberger See, als der Seelsorger Thomas Multhaup die Arme zum Segensspruch ausbreitet. Der Tisch vor ihm ist festlich geschmückt, Freunde und Bekannte des Brautpaars sitzen auf Bänken im Rasen. Multhaup wünscht allen Versammelten einen Menschen, dem sie vertrauen können. Der ihnen vergibt und sich entschuldigen kann. Und der „das Leben liebt und Dich“. Vor ihm stehen Martin und Susanne, gerade haben sie sich das Ja-Wort gegeben, unter freiem Himmel. Ohne Kirche. Ohne kirchlichen Segen. Ohne Orgel. Ohne Kommunion. Gott kommt hier nicht vor. Die Liebe aber ist greifbar.

Multhaup, 48, ist freier Seelsorger. Er hat Susanne, 37, und Martin, 40, vermählt, zwei Katholiken, die nicht mehr vor den Traualtar treten durften. Susanne war schon einmal verheiratet. Eine zweite kirchliche Heirat bleibt ihr verwehrt. Denn die Kirche hält an der Unauflöslichkeit der Ehe fest.

Laut Kirche ist jeder neue Partner nach der Scheidung Ehebruch

Schon das Zusammenleben mit einem neuen Partner nach einer Scheidung ist nach Kirchenlehre Ehebruch. Ein Verstoß gegen das sechste Gebot: Du sollst nicht ehebrechen.

„Mein Mann wollte aber unbedingt kirchlich heiraten“, erzählt die blonde Frau. Beide, Susanne und Martin, sind gläubig, aber kirchlich nicht aktiv. Ihnen war klar, dass sie nicht unter Orgelmusik in eine Kirche würden einziehen können. Der Bräutigam wollte aber mehr als eine relativ nüchterne Zeremonie am Mittag im Pöckinger Standesamt. „Der festliche Rahmen in einer besonderen Umgebung soll der schönste Moment sein“ – romantisch und feierlich wollte er es schon haben. Ein unvergesslicher Moment in seinem, in ihrem Leben. Aber was tun?

Freunde erzählten ihnen von Thomas Multhaup, einem 48-jährigen ehemaligen katholischen Priester. Er sorgt sich jetzt als Freier Seelsorger um die Seelen derer, die Ersatz suchen für etwas, das ihnen die Kirche nicht geben kann.

Der redegewandte Mann kennt die Nöte derer, die eine neue Ehe nicht mit dem Segen von oben beginnen dürfen. Er weiß, dass viele die Zeremonie nur wegen der romantischen Atmosphäre wünschen, die ihnen die Kirche nicht bieten kann oder will. Aber er zweifelt auch nicht an der Aufrichtigkeit der Partner, die in einer festlichen Zeremonie ihre Zuneigung und Verantwortung füreinander öffentlich bekunden wollen – vor sich, ihren Freunden und Angehörigen.

Multhaup war selber zwölf Jahre lang katholischer Priester im Bistum Augsburg. Ein aufgeschlossener Typ, der sich und anderen nichts vormacht. Der irgendwann ehrlich mit der Kirche und sich selber sein musste, als er merkte: „Es geht nicht mehr.“ Es fing an mit Eifersüchteleien von Pfarrern, weil die Gläubigen lieber ihn, den Kaplan, predigen hörten. Dann kam der Streit um den Ausstieg der katholischen Kirche aus dem staatlichen System der Schwangerenkonfliktberatung. Und die Anweisung des Papstes an die Bischöfe, dass die katholischen Beratungsstellen dabei nicht mehr mitmachen dürften. Dreh- und Angelpunkt war der Schein, den die katholischen Stellen nach einer Beratung ausfüllten. Er ermöglicht eine straffreie Abtreibung. Johannes Paul II. ließ sich nicht davon überzeugen, dass jedes einzelne Kind, das durch die kirchliche Beratung gerettet werden kann, es sinnvoll erscheinen lässt, im staatlichen System zu bleiben. Im November 1999 erfolgt der Ausstieg. „Scheinheilig“ fand das damals der junge Priester.

„Nach einer Fußwallfahrt einige Zeit später haben alle Teilnehmer geschwärmt, sie hätten sich Gott noch nie so nah gefühlt. Und ich fühlte mich der Institution noch nie so fern“, erzählt der gebürtige Essener. In dieser Situation verliebt er sich in eine Frau, die in seiner Pfarrgemeinde angestellt ist. Multhaup wollte seine Liebe nicht verstecken. „Entweder ganz oder gar nicht“, entscheidet er sich, er ist damals 41. Am 30. September 2004 ist sein letzter Tag als Priester.

„Der Sprung raus ist gigantisch“, sagt er. „Da stürzt alles ein.“ Vorher war er rundherum versorgt. Plötzlich steht er vor der existenziellen Frage: Wovon sollen er, seine Frau und deren Kind jetzt leben? Multhaup hätte Arbeitsvermittler werden können, sogar mit Hilfe der Kirche. Ein Mitglied aus dem Domkapitel hat gute Kontakte zur Bundesagentur für Arbeit. Mancher frühere Seelsorger berät heute nach Multhaups Informationen arbeitslose Akademiker. „Nein, danke, nicht wieder in eine Institution“, denkt er und winkt ab. Nach einem kurzen Abstecher ins Gastgewerbe kehrt Multhaup zu dem zurück, was er gelernt hat und was er liebt: die Seelsorge.

„Thomas, Du musst weitermachen“

Der Anstoß ist eine traurige Geschichte. Ein befreundetes Paar erleidet ein schweres Schicksal: Beide Söhne sterben an einer Erbkrankheit. Multhaup steht den Eltern wochenlang zur Seite, hält die Ansprache am Grab ihrer Kinder. Nach seinem wochenlangen seelischen Beistand ermuntern ihn ausgerechnet die trauernden Eltern: „Thomas, Du musst weitermachen.“

Und dann ist es der frühere evangelische „Fernsehpfarrer“ Jürgen Fliege, der ihn bestärkt, ihm einen Kontakt zu einem Bestattungsinstitut vermittelt. Dort fragen immer wieder Hinterbliebene nach freien Rednern, weil der Verstorbene aus der Kirche ausgetreten war oder nie einer angehört hatte. Und die trotzdem einen würdigen Abschied von ihrem Verwandten wünschen. War es anfangs vor allem der Tod, mit dem sich der Freie Seelsorger Multhaup befasste, kamen mit der Zeit auch Hochzeiten hinzu. Inzwischen bietet er auch „Begrüßungsfeiern“ für Neugeborene an. Ersatz für die Taufe. „Der Markt wird bunter“, erzählt Multhaup.

Rund 130 Trauerfeiern und 50 Trauungen stehen in diesem Jahr in seinem Jahresplaner. Für den Dienst als Seelsorger berechnet er bei einer Hochzeit rund 850 Euro mit 12 bis 15 vorbereitenden Stunden, Gesprächen mit dem Brautpaar, in denen die gesamte Zeremonie samt Eheversprechen und Ansprache besprochen werden. Gemeinsam mit dem Paar stellt er eine Feier zusammen – aus einem riesigen Fundus an philosophischen Texten, Märchen und Legenden, aus chinesischen Weisheiten, Koran-Suren, jüdischen Gedanken, indianischen Überlieferungen, hinduistischen Zeremonien – aber auch aus christlichen Texten. Exakt nach Wunsch.

Martin und Susanne etwa wollten, dass die neunjährige Tochter in die Zeremonie mit eingebunden wird. Und so hat Nina-Marie mit ihrer Cousine Sabrina Glückskekse gebastelt mit vielen guten Wünschen für Mama und ihren neuen Mann. Dazu gab es selbstgemalte Bilder und Papierfiguren. Dass es länger dauerte, bis alle Kekse geöffnet und Bilder überreicht wurden, störte niemanden. Bei einer Freien Trauung unter freiem Himmel hat man offenbar alle Zeit der Welt.

Viele Katholiken und Protestanten werden da den Kopf schütteln – allein über den Begriff „Markt“ im Zusammenhang mit einschneidenden Momenten im Leben wie Hochzeit oder Tod. Multhaup aber ist überzeugt, dass die katholische Kirche ihre Bräuche und Riten neu entdecken und zeitgemäß vermitteln muss. Dass sie sich mehr Zeit nehmen muss für die Menschen, die die Kirche in den großen Lebenssituationen brauchen. „Heute erklärt sich nichts mehr von allein.“

„Man darf niemandem eine christliche Mütze aufsetzen“

Gott kommt in den Abschieds- und Traureden von Multhaup kaum vor, obwohl er sich trotz Kirchenaustritts weiterhin als gläubiger Mensch bezeichnet. Aber auch „Seelsorge“ definiert er inzwischen umfassender. „Wir haben hier auf Erden das Bedürfnis, dass man im Hier und Jetzt für die Seele sorgen muss.“ Die Kritiker aus den Kirchen werfen den Freien Seelsorgern freilich vor, sich überall zu bedienen, etwas vorzuspielen, das keine Substanz hat. Konkurrenz zur Kirche sieht der frühere Priester aber nicht. „Ich versuche nichts zu machen, das Menschen von der Kirche abwirbt.“ Ihm geht es darum, da zu sein, wenn die Seele Trauer trägt oder zwei Menschen sich vor anderen versprechen wollen, füreinander da zu sein.

Als eine Art „Dienstleister“, der sich voll und ganz auf seine Klienten einlässt, nimmt sich Multhaup viel Zeit etwa für Trauernde. Zeit, die bezahlt wird. Zeit, die viele katholische Seelsorger angesichts der Arbeitsbelastung nicht haben oder nicht zu haben glauben, weil sie wegen des Priestermangels gleich eine Handvoll Pfarrgemeinden gleichzeitig zu versorgen haben.

Ein katholischer Großstadtpfarrer bekennt freimütig: „Ich finde es viel ehrlicher, wenn die Menschen einen Freien Prediger suchen, als dass ich einen Menschen zum Beispiel zur letzten Ruhe begleite, nur weil es sich so gehört.“ Und er erzählt, wie quälend es manchmal sei, wenn im Requiem keiner ein Kirchenlied kenne, geschweige denn ein Gebet.

Multhaup sieht im Abschied vom Verstorbenen auch eine therapeutische Aufgabe. „Man darf in Trauerfeiern auch über die Schwächen des Verstorbenen sprechen. Manchmal ist es die letzte Möglichkeit zur Aussöhnung“, weiß er. Und die Dimension über den Tod hinaus? Spricht er das an? „Ungefragt niemals“, betont er. „Man darf niemandem, der nicht gläubig war, am Ende eine christliche Mütze aufsetzen, nur weil 40 Angehörige das erwarten.“

Nach der einstündigen Zeremonie am Ufer des Starnberger Sees schreitet eine glückliche Braut am Arm ihres ebenso glücklichen Mannes durch das Spalier der Freunde und Angehörigen. Alles hat gepasst: das Wetter, die sehr persönliche Ansprache des Seelsorgers, die obligatorischen Tränen. Wie es wohl in der Kirche gewesen wäre?

Von Claudia Möllers

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