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Dorothee Bär steht unter der Kuppel im Reichtstagsgebäude in Berlin - in Tracht. Und das, ein Dirndl im Bundestag, geht gar nicht. Findet eine Grünen-Politikerin.

Der Trachten-Streit im Bundestag

Bär: "Dirndl ist weder Folklore noch rückständig"

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München - Ein Dirndl sorgt für Ärger: CSU-Politikerin Dorothee Bär hat im Bundestag eines getragen, als sie auf der Regierungsbank sitzt. Eine Grünen-Politikerin findet das „rückständig“. Bühne frei für den verrücktesten Trachten-Streit des Jahres. Darf eine Staatssekretärin etwa kein Dirndl tragen?

Am Mittwoch sitzt Dorothee Bär, 36, im Bundestag. Keine Angst, das darf sie: Die gebürtige Bambergerin ist CSU-Staatssekretärin für Verkehr und digitale Infrastruktur. Neben ihr sitzen Bundestagsabgeordnete in Anzügen, nur ein paar Sitze weiter fläzt Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) auf seinem blauen Drehstuhl. Auch das – kein Problem. Das Problem ist: Dorothee Bär trägt ein Dirndl. Ein pink-dunkelblaues. Sehr fesch, sehr stilvoll, keine Frage. Jedenfalls aus bayerischer Sicht.

Aber das finden nicht alle. Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Sylvia Kotting-Uhl, Jahrgang 1952, Spezialgebiete Endlager und Elektrosmog, greift während der Sitzung zu ihrem Handy und tippt bei Twitter: „Bayern bleibt Bayern. @DoroBaer im Dirndl auf der Regierungsbank.“ So beginnt der Dirndlkrach. Später lässt die Grünen-Politikerin aus Karlsruhe die Welt noch wissen, was sie so im Großen und Ganzen von Frauen im Dirndl hält: nun ja, wenig. „Die Bayern finden’s passend“, schreibt sie, „der Rest der Welt rückständig.“

Hoppala, ein Frontalangriff auf die bayerische Trachtenseele. Wer den Bayern kennt, weiß, dass er so was ungefähr so gut leiden kann wie ein Eisbär einen Karibikurlaub. Dorothee Bär fragt auf Twitter vorsichtshalber nach, ob die Grünen jetzt „etwa ein Dirndltrageverbot“ planen? Zudem twittert sie ein Foto der grünen Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth – im Dirndl und mit einer Wiesn-Mass in der Hand. Schlagfertig, aber natürlich geht es um mehr. Um ein Weltbild, ein Frauenbild. Der Stachel sitzt jedenfalls tief. „Die Grünen sind anscheinend immer noch eine Verbotspartei“, sagt Dorothee Bär dem Münchner Merkur. „Ein Dirndl ist keine Folklore und erst recht nicht rückständig. Die Grünen müssen aufhören, sich auf der einen Seite als selbsternannte Partei der Freiheit und Toleranz zu proklamieren und auf der anderen Seite die Menschen nach ihrem Äußeren zu bewerten.“

Sogar die SPD eilt Bär zu Hilfe: „Finde es verblüffend“, twittert der SPD-Abgeordnete Thomas Hitschler, „dass die Grünen der CSU vorschreiben wollen, was im Bundestag angezogen werden darf. Verrückte Welt.“ Aus einem Twitter-Scharmützel wird plötzlich ein handfester Knatsch. Aber wie ist das eigentlich, Hand aufs Herz, darf man im Deutschen Bundestag Tracht tragen? Gehört sich das?

Alexander Wandinger, der Leiter des Trachteninformationszentrums Oberbayern in Benediktbeuern, kann die Aufregung jedenfalls nicht verstehen. Gegen ein bayerisches Dirndl im Plenarsaal spricht für ihn rein gar nichts. „Wenn es Stil hat, sage ich nur: wow!“ Natürlich gebe es Dresscodes, aber „ein Dirndl im Bundestag ist nicht rückständig, sondern Ausdruck eines Modehypes“. Seit den 1980er-Jahren, erklärt er, erlebt dieses Kleidungsstück einen Boom. Jetzt ist er sogar im Bundestag angekommen, der Trachten-Boom. Warum auch nicht.

Eines wundert den Trachten-Experten aber doch: Dass ausgerechnet die Grünen über Kleidung und Mode schimpfen. „Die saßen früher mit Stricknadeln im Bundestag.“ Joschka Fischer legte vor fast 30 Jahren als erster grüner Minister den Amtseid in weißen Turnschuhen ab. Heute stehen die Schuhe im Museum – als bundesdeutsches Erinnerungsstück.

Soweit wird es mit Bärs Dirndl nicht kommen, da braucht man kein Prophet sein. Aber Dirndl sind im Bundestag protokollarisch anerkannt, sagt die CSU-Politikerin. Auch als Papst Benedikt 2011 im Bundestag zu Gast war, hat sie eines getragen. „Als Gruß aus seiner bayerischen Heimat.“ Das ist die eine Seite. Aber es gibt natürlich noch eine andere: So ein Dirndl schmückt. Weiß jede Frau – und weiß natürlich jeder Mann. „Sigmar Gabriel“, sagt Dorothee Bär, „hat sich jedenfalls nicht an meinem Dirndl gestoßen. Im Gegenteil.“

Stefan Sessler

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