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Neue Ausstellungsstücke warten auf die Besucher: Das Dokumentationszentrum Obersalzberg wird vom Institut für Zeitgeschichte getragen.

Im Dokumentationszentrum Obersalzberg

Hakenkreuz-Kissen oder Kindergasbettchen: Fundstücke aus Hitlers Machtzentrum

Ein Aufruf des Münchner Instituts für Zeitgeschichte erbrachte kurios-schaurige Resultate. Auf den Dachböden alteingesessener Berchtesgadener Familien schlummern NS-belastete Erbstücke.

Berchtesgaden -Wenn Franz Stangassinger über seine Fotoalben spricht, kommt er aus dem Reden gar nicht mehr heraus. Seine Familie hatte einen Hof auf dem Obersalzberg, der zwangsverkauft werden musste. Seine Großeltern wohnten direkt „gegenüber vom Hitler-Haus“, sagt er. Drei Tage Zeit hatte die Familie damals, um auszuziehen, alle Kühe zu verkaufen - und schließlich enteignet zu werden.

Danach entstand Hitlers „zweiter Regierungssitz“ am Obersalzberg. Geblieben sind Franz Stangassinger, Jahrgang 1943, noch einige Fotoalben aus dieser Zeit, die etwa seine Mutter Johanna zeigen, die Großeltern, das Haus von innen.

Franz Stangassinger mit den Fotos.

Aufruf in der Region für Erweiterung der Ausstellung

Viele weitere Objekte erhielten die Kuratoren der „Dokumentation Obersalzberg“, das vom Institut für Zeitgeschichte (IfZ) getragen wird, nach einem Aufruf in der Region. „Für uns sind das sehr wichtige Stücke für unsere geplante Ausstellungserweiterung“, sagt der Historiker Albert Feiber vom IfZ.

Dominik Baumüller ist zwar kein Zeitzeuge. Dennoch hat er für das Institut für Zeitgeschichte (IfZ) etwas zuhause entdeckt: ein Schulheft mit zeitgeschichtlich relevantem Inhalt. Baumüllers Großvater, Dr. Richard Seitz, war der Besitzer des Kindersanatoriums am Obersalzberg. Fünf Jahre lang, von 1931 bis 1936, wurden die Seitz-Kinder, darunter auch Baumüllers Mutter Eleonore, im Kindersanatorium von einer Hauslehrerin unterrichtet.

Heft über Bau von Görings Haus führen

„Sie bekamen die Aufgabe, ein Schulheft über den Bau von Görings Haus zu führen“, sagt Baumüller. Das kleine Heft ist außen bunt beschriftet, innen finden sich mit Kinderhand dokumentierte Erlebnisse der Mutter in jungen Jahren, die eine Art Tagebuch über die Baugeschichte des Göring-Hauses am Obersalzberg führte. Ein ganz besonderes Fundstück kommt von Georg Renoth aus Berchtesgaden. „Als ich unseren Dachboden durchstöbert habe, bin ich auf eine große Kiste gestoßen.“

Darin: drei originalverpackte Kindergasbettchen, gedacht für Renoths Vater und dessen drei Geschwister, die im Fall eines Giftgasangriffs in die Bettchen gelegt werden sollten. Diese sind jeweils mit Filtern und einem Blasebalg ausgestattet, um den darin liegenden Kindern Frischluft zuführen zu können.

Nazi-Gruß: Historikerin Sylvia Necker zeigt ein Kissen mit Hakenkreuz.

Kissen mit Hakenkreuz aufbewahrt

Natürlich erhielt das IfZ auch einige der in der NS-Zeit massenhaft verbreiteten Postkarten mit „vielen Grüßen“ von „unseres Führers Landhaus Wachenfeld“. Ein Kissen mit Hakenkreuz und „Gruss von Berchtesgaden“ ist ein ebenfalls gut erhaltenes Erinnerungsstück, das zu damaliger Zeit zwar keine Seltenheit war. Allerdings sind nur wenige Exemplare überliefert.

Die IfZ-Leute kamen auch in den Besitz eines Bierkruges, der eigens für das Richtfest des Platterhofes gestaltet worden war und ein grünes Ross zeigt. Der Platterhof war ein Hotel unweit von Hitlers „Berghof“, nach 1945 nutzte es die US-Armee als „Hotel General Walker“, ehe er abgerissen wurde.

Leben eines Soldaten aus Berchtesgaden in gebundenem Band

Auch Fotoalben wurden abgegeben, eines wurde damals angelegt von einem Mitglied der SS-Standarte. Ein weiteres enthält Todesanzeigen gefallener Berchtesgadener Soldaten, ein in Leder eingebundener Band mit der Aufschrift „Meine Dienstzeit“ bildet das Leben eines Soldaten aus Berchtesgaden ab.

Die Fundstücke sollen im 21 Millionen Euro teuren Erweiterungsbau der „Dokumentation Obersalzberg“ gezeigt werden, dessen Eröffnung spätestens 2021 geplant ist. Das Sammeln von privaten NS-Relikten soll bis dahin fortgesetzt werden – wer eines hat, kann sich melden (Tel. 089/12688-253). „Auf unseren Dachböden schlummert so viel, von dem wir bislang noch gar nichts ahnen“, sagt Historiker Feiber.

Das Bett sollte Kinder vor Giftgasangriffen schützen. Georg Renoth hat es gefunden.

Kilian Pfeiffer

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