Pfarrer Daniel Reichel leitet gleich zwei katholische Dekanate. 

Folgen des Priestermangels

Der doppelte Dekan

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Zehn Jahre soll der Pastoralplan fürs Erzbistum München und Freising halten. Doch schon nach sieben Jahren ist klar: Die Priesterzahlen gehen schneller zurück als gedacht. Statt noch größere Pfarrverbände zu gründen, sind jetzt die Gläubigen vor Ort gefragt. Damit die Gemeinden lebendig bleiben.

Von Claudia Möllers

München – „Dem Glauben Zukunft geben“ steht in bunten Farben über der Pastoralplanung des Erzbistums München und Freising. Im Juli 2010 wurde sie vorgelegt von Generalvikar Peter Beer und dem damaligen Personalreferenten Wolfgang Schwab. Der 112-seitige Orientierungsrahmen soll die Personalplanung sowie den Zuschnitt der Pfarreien und Pfarrverbände bis 2020 regeln. Beim Personal ging man damals von 567 Priestern aus, die im Jahr 2025 zur Verfügung stehen würden.

Sieben Jahre später holt die Realität die Planungen ein. Derzeit gibt es im Erzbistum gerade noch 570 Priester im aktiven Dienst. Dazu kommen 353 Ruhestandsgeistliche, von denen immerhin noch 185 in der Seelsorge mithelfen. „Es scheiden immer mehr Priester aus als nachkommen“, bestätigt der Generalvikar.

Die Stimmung in vielen Gemeinden ist nicht gerade himmelhochjauchzend. Von den 290 Seelsorgeeinheiten – das sind 221 Pfarrverbände und 69 Einzelpfarreien – sind 30 derzeit vakant. „Das heißt, die Leitungsstelle ist unbesetzt“, betont Bettina Göbner von der erzbischöflichen Pressestelle. Die Pfarreien seien aber nicht verwaist. Zwei Drittel würden von der Nachbarpfarrei oder dem Dekan mitbetreut. Zehn offene Stellen befänden sich im Ausschreibungsverfahren.

Aber es kann dauern, bis eine Pfarrei oder ein Pfarrverband wieder neu besetzt ist. Im Pfarrverband Miesbach-Parsberg ist die Stelle des Pfarrers seit August 2016 vakant, in Zorneding (Kreis Ebersberg) legte der gebürtige Kongolese Pfarrer Olivier Ndjimbi-Tshiende im März 2016 nach Morddrohungen und rassistischen Anfeindungen sein Amt nieder. Seither wartet man auch dort auf einen Nachfolger.

Ein Ende des Priestermangels ist nicht in Sicht. 2016 wurden immerhin noch acht neue Priester geweiht. 2017 werden es sechs sein. Im vergangenen Jahr ist nur ein Kandidat neu ins Priesterseminar eingetreten. Damit scheint klar: Die Kirche muss mit immer weniger Priestern planen. Generalvikar Peter Beer beschreibt es so: „Wir sind in einem tief greifenden Wandel. Die Frage darf nicht nur sein, wann schickt uns das Ordinariat jemanden? Sondern: Was tun wir jetzt für unser Glaubensleben?“

Also der unmissverständliche Appell an die Gläubigen vor Ort, ihr Schicksal auch selber in die Hand zu nehmen. Laientheologen und Ehrenamtliche können das Stundengebet anbieten, Gebetskreise gründen, Kindertage veranstalten, Wallfahrten unternehmen, gemeinsam den Rosenkranz beten oder sich im Pfarrheim für Flüchtlinge einsetzen. Es gibt auch die Möglichkeit, Wortgottesdienste mit Kommunion-Austeilung zu feiern – ohne Eucharistiefeier, ohne Priester. „Wenn es mir wirklich um Gott geht, habe ich die Möglichkeit, dass er mir begegnet“, sagt der Generalvikar. Wohlwissend, dass die Heilige Messe die zentrale Feier der katholischen Kirche ist.

Daneben müssen Pfarrer noch stärker von organisatorischen Aufgaben entlastet werden, damit sie mehr Zeit für die Seelsorge haben. Bekanntlich setzt das Erzbistum in Pfarrverbänden immer mehr Verwaltungsleiter ein, die sich um die Haushaltsplanung ebenso kümmern wie um die Personalführung im Kindergarten.

Daniel Reichel, Leiter der Rosenheimer Stadtteilkirche Am Wasen, hat da schon Erfahrung. Der 41-jährige Priester leitet nicht nur drei Pfarrgemeinden mit rund 10 000 Gläubigen, er ist auch der einzige „doppelte Dekan“ im Erzbistum. Notgedrungen steht er an der Spitze von zwei Dekanaten: Rosenheim mit 46 414 Katholiken und seit Kurzem auch Chiemsee mit 28 500 Gläubigen. Ein Dekan hält den Kontakt zur Bistumsebene, koordiniert die gemeinsame pastorale Tätigkeit, hat die Aufsicht über alle Kleriker in seinem Bereich, kontrolliert die Vermögens- und Gebäudeverwaltung aller Pfarreien. Es gibt viel zu organisieren: Daniel Reichel hält dafür jeden Freitagvormittag frei.

Von den Pfarrern vor Ort konnte keiner das Amt des Dekans zusätzlich stemmen. „Einer leitet schon zwei Pfarrverbände, ein Mitbruder hat gerade die erste Pfarrstelle, bei der nächsten Pfarrei war gerade ein Stellenwechsel. Nach einer Bedenkzeit habe ich für mich festgestellt, dass ich manches gut zusammenführen kann.“ Nach einem guten halben Jahr im Doppelamt weiß er: „Es ist machbar.“

Reichel, der auch Domkapitular ist, will sich keinesfalls hervortun gegenüber anderen Pfarrern. „Ich bin kein Übermensch, aber wenn wir wirklich als Team auftreten, dann ist die zusätzliche Aufgabe zu bewältigen.“ Er sehe die Not – und möchte es einfach mal ausprobieren. Das Jammern bringe nichts – „man muss es einfach anpacken“.

Der gebürtige Augsburger ist prädestiniert für ein solches Projekt. Bevor er Priester wurde, war Reichel Kaufmann, danach Erzieher. Er weiß, wie man plant und organisiert. Und wie der Mensch so funktioniert. „Ich habe ein gutes Team“, lobt der Priester. Einen guten Verwaltungsleiter, eine tolle Sekretärin, den Kaplan, den Diakon, eine Pastoralreferentin. Und Ehrenamtliche, die Aufgaben übernehmen. Natürlich muss er Abstriche machen, seit er die zusätzliche Verwaltungsaufgabe übernommen hat. Kindergottesdienste etwa kann er selber nicht mehr vorbereiten. Er muss zwangsläufig delegieren – „aber ich weiß, das können die anderen sehr gut und da darf ich mich auch rausnehmen“. Der Grundfehler sei, dass man neue Aufgaben übernimmt und weiter alles andere auch noch macht. „Wir müssen lernen als Pfarrer und Dekane, dass man seinem Team etwas zutraut. Man muss Aufgaben abgeben – und damit leben, wie es dann gemacht wird.“

Verwaltungsaufgaben abzugeben, das ist die eine Seite. Doch für Generalvikar Peter Beer ist ganz entscheidend, wie die gewonnene Zeit genutzt wird. „Zu glauben, wir hätten das Problem gelöst, weil wir Verwaltungsleiter haben, ist leichtfertig. Es kommt darauf an, dass die frei werdenden Kapazitäten für die Seelsorge eingesetzt werden.“ Die Menschen dürften Priester nicht als demotiviert, ängstlich, verunsichert oder frustriert erleben, mahnt der Verwaltungschef des Erzbistums. Statt Wehklagen erhofft er sich, dass die Priester brennen für ihre Aufgabe. „Wir müssten eigentlich die Experten für die Begleitung von Wandlungsprozessen sein.“ Die Erzdiözese ist weiter auf der Suche nach Konzepten, wie Gemeinden trotz des Priestermangels lebendig bleiben können. Klar ist für Beer: noch größere Pfarrverbände wird es nicht geben. Deswegen will das Erzbistum einen bis zu fünf Jahre dauernden Versuch starten, in dem mehrere Leitungsmodelle für Pfarrgemeinden untersucht werden:

-der Pfarrer als Leiter wie bisher

-der Pfarrer mit einem Team

-Pastoralreferenten als Leiter der Pfarrei (gab es schon mal unter Kardinal Wetter)

-Laien und Ehrenamtliche unter der Leitung des Dekans. Es wird ein Dekanat gesucht, in dem die Leitungsmodelle erprobt werden können.

Daniel Reichel erlebt, dass er durch gute Teamarbeit plötzlich Zeit hat für ganz neue Veranstaltungen. Wo er Menschen vor Ort trifft. Wie kürzlich, als er bei der Bettelhochzeit in Pang den Faschingszug auf einem Wagen begleitet hat. Im narrisch zu kleinen Anzug, mit Zylinder und bunter Krawatte. „Ich hätte mir nie gedacht, wie wichtig so etwas ist. Ich meinte bisher, wieso muss ich als Pfarrer dabei sein?“ Doch er habe in ihren Gesichtern gesehen, dass sich die Menschen gefreut haben. „Die Identitätsfigur des Pfarrers ist wichtig in den Orten.“ Reichel will den Menschen helfen, das Leben in den Gemeinden aufrechtzuerhalten. Mithilfe des Pfarrers, aber nicht nur von ihm allein ausgehend.

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