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Erstrahlt in neuem Glanz: Der Pfarrhof der Gemeinde Kinsau. Zuletzt lebte hier die Pfarrhaushälterin Frieda Semmelroth. 2013 kaufte die Gemeinde das barocke Gebäude.

Zum Tag des offenen Denkmals 

Ein Dorf saniert seinen Pfarrhof

Kinsau - Sonntag ist Tag des offenen Denkmals – und in Kinsau (Kreis Landsberg) steht eine außergewöhnliche Einweihung an: Die Bürger haben einen herrschaftlichen Pfarrhof aus dem 18. Jahrhundert saniert.

Jetzt ist das Gebäude wieder ein Baujuwel des Pfaffenwinkels.

Die letzte Bewohnerin war hart im Nehmen. In dem Haus gab es nur zwei Räume, die beheizbar waren – mit Holz. Ein Zimmer hatte nicht mal elektrisches Licht. Zugige Fenster, feuchtes Mauerwerk, das Dach undicht. Der Pfarrer hatte längst im Nachbarort Apfeldorf eine zeitgemäße Wohnung bezogen. Nur die Pfarrhaushälterin Frieda Semmelroth hielt es bis kurz vor ihrem Tod 1986 im Kinsauer Pfarrhof aus.

„Eine gestandene Frau“, sagt Architekt Matthias Schamper. Musste sie auch sein für das Leben in einer Bruchbude. Schamper erinnert sich, dass die alte Dame kurzerhand ein paar Töpfe aufstellte, wenn es mal wieder rein regnete. Das Dach ist heute dicht. Mehr noch: Aus dem alten Pfarrhof ist ein echtes Schmuckstück geworden.

Sanierung unter den Augen des Ladesamtes für Denkmalschutz

Behutsam wurde unter den Augen des Landesamts für Denkmalpflege saniert: In knapp zwei Jahren hat das 1000-Einwohner-Dorf das Gebäude aus dem 18. Jahrhundert wieder zum Glänzen gebracht. Neben den Handwerkern hat jeder Kinsauer, der zwei gesunden Hände hat, mit angepackt. Oder etwas in den Spendentopf geworfen. Für das „Rathaus im Historischen Pfarrhof“, wie es heute heißt, mit Sitzungssaal, Trauungszimmer, Pfarrbüro, Vereinszimmer und „Pfarrhofcafé“. Ein Haus für alle.

Erbaut wurde es 1739 von Joseph Schmuzer. Er gehörte wie Dominikus Zimmermann, der Schöpfer der Wieskirche, zur Wessobrunner Schule. Für Landsbergs Kreisheimatpflegerin Heide Weißhaar-Kiem ist das Haus mit der Grundfläche von 17 mal 17 Metern und dem eleganten Flur „absolut bemerkenswert“. Architekt Schamper schwärmt: „Die Innenausstattung ist sehr vielfältig.“ Es gibt Barocktüren mit geschmiedeten Beschlägen, zwei originale Fenster aus der Bauzeit und sehr solide Dielenböden.

Und dann ist da noch der prachtvolle Stuck im Obergeschoss. 56 Gulden hatte, so belegt es eine Originalrechnung, ein gewisser Hieronymus Veichtmayer dafür erhalten. Vermutlich war er ein Mitglied der Kunsthandwerkerfamilie Feuchtmayer, ebenfalls von der Wessobrunner Schule. Bis auf einen Badeinbau wurde kaum etwas verändert. Das Gebäude lag in einem „Dornröschenschlaf“, sagt Alexander Resch, der als Zweiter Bürgermeister und Maurermeister involviert war wie kaum ein anderer.

Es dauerte bis 2013, bis die Diözese das Gebäude herausrückte   

Trotz drohenden Verfalls dauerte es bis 2013, bis die Diözese Augsburg den Pfarrhof herausrückte. Die Geistlichkeit zierte sich, da man für die Pfarrei Räume brauchte. Schließlich einigten sich die Gesprächspartner auf eine Erbpacht auf 66 Jahre. Der Preis: 50 000 Euro. Ein Schnäppchen, könnte man meinen. Aber nur, wenn man die 1,25 Millionen Euro Sanierungskosten nicht mitrechnet.

Rund zwei Jahre zogen sich die Planungen hin. Es gab zahlreiche Termine mit den Denkmalpflegern. Lösungen wurden ausgekartelt, manchmal sprang die Kreisheimatpflegerin Weißhaar-Kiem für die Kinsauer in die Bresche. Denn die wollten ein Haus für eine vernünftige Nutzung und kein Museum: warm, modern beleuchtet und behindertengerecht. Dann hieß es Förderanträge schreiben. Letztlich schaffte es die Gemeinde, 42 Prozent der Kosten durch Zuschüsse zu decken. Die Bayrische Landesstiftung, der Entschädigungsfond, der Bezirk Oberbayern, die Deutsche Stiftung Denkmalschutz und einige kleinere Unterstützer halfen mit.

Im November 2015 war dann Baubeginn. Nun waren die Kinsauer Bürger und Vereine gefragt – bei der Drecksarbeit. Dachboden und Keller ausräumen. Bauschutt und Aushub hinauskarren. Wände abwaschen. „Was unsere Leute da geschafft haben, ist unvorstellbar“, lobt Bürgermeister Marco Dollinger. 130 Helfer arbeiteten über 2000 unentgeltliche Stunden.

Drei Männer, ein Auftrag: (v.l.) Architekt Matthias Schamper, Bürgermeister Marco Dollinger und Baumeister Alexander Resch.

So wie Werner Bayerl. Für die gewünschten runden Ecken etwa baute der 66-jährige Rentner eine Schablone. Mit Ziegelrabitz und Putz zauberte er die Rundungen hin, in einem Tag, „ohne Ausschalen“. So perfekt, dass die Architekten nur staunten. „Ich hab gehört, da hätte einer 5000 Euro dafür gewollt“, sagt Bayerl und lacht. Bei ihm kostete es nichts. Warum? „Kinsau ist halt mein Dorf.“

20 Ordner mit der Aufschrift „Pfarrhof“ zeugen von viel Schreibarbeit: Ausschreibungen für Handwerkeraufträge versenden, besprechen, beschließen. Bürgermeister Dollinger und sein Gemeinderat legten einen heißen Ritt durch die Anbieterverfahren hin. Dollinger – im Zivilberuf Hauptfeldwebel bei der Bundeswehr – pflegt einen leicht autoritär-freundschaftlichen Stil, der nicht immer jedem gefällt. Beim Pfarrhof-Projekt aber konnte der 38-Jährige damit seinen Gemeinderat auf Konsens einschwören. „Es war praktisch jede Entscheidung einstimmig“, sagt Dollinger voller Stolz auf seine „Truppe“.

Und nun: Der Pfarrhof als Auftakt des Tags des offenen Denkmals – die Kinsauer haben es sich verdient. Ganz jungfräulich ist das Haus jedoch nicht mehr: Im Mai gab sich dort bereits das erste Paar das Ja-Wort. Katharina und Michael Resch, beide aus Kinsau, strahlten mit der frisch gekalkten Wand im Trauungszimmer um die Wette. Fräulein Semmelroth hätte das gefallen.

Klaus Mergel

800 Denkmäler in Bayern geöffnet

So viel zu sehen gab’s noch nie. Zum Tag des offenen Denkmals an diesem Sonntag stehen für Besucher deutschlandweit mehr als 8000 Denkmäler offen – in Bayern sind es rund 800. Darunter befinden sich historische Gebäude, viele Parks, aber auch archäologische Stätten. Bundesweiter Gastgeber in diesem Jahr ist die Stadt Augsburg, die knapp 60 Orte zu bieten hat. Hier findet auch die Eröffnungs-Veranstaltung mit Bundesbauministerin Barbara Hendricks (SPD) statt.

Natürlich gibt es auch in Oberbayern jede Menge zu sehen. So ist unter anderem die Staffelalm unterhalb des Rabenkopfs in der Jachenau (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen) geöffnet. Der berühmte Maler Franz Marc hinterließ hier expressionistische Wandmalereien. Das Lichtspielhaus in Fürstenfeldbruck lohnt auch einen Besuch. Es ist das älteste noch bespielte Tonfilmkino Bayerns. Auch ein Geheimtipp: Die Ruckteschell-Villa in Dachau, ein Künstlerhaus aus den 1920er-Jahren. Einen Überblick über alle Denkmäler finden Sie unter www.tag-des-offenen-denkmals.de.

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