+
Verschworene Gemeinschaft: Peter Köglsperger (v. li.), Rudolf Franz und Franziska Loinger im kleinen Supermarkt in Großdingharting.

Eine bedrohte Idylle

So kämpfen Dörfer gegen das Dorfladen-Sterben

München – David gegen Goliath: Kleine Läden kämpfen oft gegen Supermarkt-Riesen ums Überleben, vor allem auf dem Land. Schließen solche Geschäfte, fehlt die Nahversorgung – und ein Treffpunkt im Dorf. Doch viele Bürger wollen das nicht akzeptieren – und haben kreative Ideen.

Agathe Feldberg ist 87 – und hat sich noch im hohen Alter an eines dieser grässlichen Modewörter gewöhnen müssen: Shuttle-Bus. Der bringt sie jetzt immer in den Nachbarort, wenn sie Lebensmittel braucht. Auch heute steht Agathe Feldberg, Brille, weiße Haare, mit ihrer Einkaufstasche an der Hauptstraße in Denklingen – und wartet auf den VW-Bus. Wie jeden Donnerstag seit vier Monaten.

Während sie da steht, fällt ihr Blick auf das leere Ladenlokal auf der anderen Straßenseite. Dort, beim „Augustin“, hat sie früher eingekauft. Doch im Juni schloss das einzige Lebensmittelgeschäft im 2500-Einwohner-Dorf. „Ich bin sehr traurig, das kam überraschend“, sagt die Seniorin, die alleine lebt. „Ohne den Laden ist Denklingen ausgestorben.“

Das Problem hat nicht nur Denklingen bei Landsberg am Lech. Viele bayerische Orte haben ihren „Laden um die Ecke“ verloren. In den vergangenen neun Jahren machten 550 Läden in Bayern meist aus wirtschaftlichen Gründen dicht – das ergab eine Anfrage der Landtags-SPD an die Staatsregierung. 489 Kommunen stehen inzwischen ohne Lebensmittelgeschäft da. In 147 dieser Gemeinden gibt es nicht mal mehr einen Metzger oder Bäcker – etwa in Marzling im Kreis Freising und Neuching im Kreis Erding.

Weil es Oberbayern wirtschaftlich gutgeht, ist die Lage dort zwar besser: Es gibt 1968 Lebensmittelgeschäfte – acht mehr als vor neun Jahren. 51 neue Geschäfte entstanden allerdings in und um München. Vor allem auf dem Land geraten die kleinen Supermärkte im Kampf mit den Großen unter Druck – und damit die Nahversorgung. Oft müssen die Menschen in den Orten sich etwas einfallen lassen, um ihren Kramerladen zu erhalten.

In Bad Heilbrunn (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen) haben sie einen Wochenmarkt auf die Beine gestellt – und so aus der Not eine Tugend gemacht. Im Mai räumte Tengelmann die Regale, der Umsatz stimmte nicht. Die Gemeinde bemühte sich um Nachfolger – vergeblich. „Wir haben überlegt, wie wir die Nahversorgung sichern können“, sagt Apotheker Christopher Hummel. Die Lösung: sechs regionale Stände mit Käse, Wurst, Obst und Gemüse – auf einem ohnehin leerstehenden Platz. Die Gemeinde stellte Stromaggregat und Bänke bereit. „Jetzt ist da ganz schön was los“, berichtet Hummel.

Nicht überall gelingt so eine kreative Lösung. Die Folge: „Die Versorgungslücken werden immer größer“, sagt Wolfgang Gröll, Dorfladenberater aus Starnberg. Ein Problem: „Bei vielen Ladenbesitzern haben die Kinder einen anderen Beruf ergriffen. Ohne Nachfolger investieren viele Besitzer nicht mehr.“ Und dann ist da noch die Sache mit den Verkaufsflächen. „Märkte wie Rewe oder Edeka wollen immer größere Flächen und ziehen dafür an zentralere Orte.“ Die durchschnittliche Verkaufsfläche sei seit den 1970ern von 250 auf 800 Quadratmeter gewachsen. Die kleinen Geschäfte haben noch die kleine Ladenfläche von früher, die Räume sind auf Konserven statt auf Tiefkühlware ausgerichtet. Gegen die Discount-Riesen im Grünen kommt man nicht an.

Peter Köglsperger, 53, ist ein Ladenbesitzer, der gegen die Großen am Ortsausgang kämpft, gegen Aldi und Edeka. Die beiden Filialen haben vor einem Jahr in Großdingharting (Kreis München) eröffnet. Dass sein Geschäft neben dem weiß-blauen Maibaum irgendwann leersteht, will Köglsberger verhindern.

Sein Laden hat Tradition, seit 1850 gibt es ihn. Köglsperger übernahm vor 14 Jahren, der alte „Kramer Sepp“ musste nach einem Infarkt kürzertreten. Köglsperger ist Bäckermeister, jede Semmel, Breze und Torte stellt er in seinem Stammhaus im Nachbarort Deining her. Bereits sein Urgroßvater stand dort am gusseisernen Ofen.

Köglsperger sagt: „Ich hänge hier mit dem Herzen dran.“ Es ist ein Laden, in dem der Pfarrer mittags auf dem Heimweg seinen Kopf reinsteckt, um „Pfia Gott“ zu sagen, in dem Verkäuferin Franziska Loinger, 60, jeden kennt und sie den Kunden die Einkäufe schon mal ins Auto tragen.

Das wissen die Leute zu schätzen. Rudolf Franz, 58, kommt seit 13 Jahren fast jeden Tag zu Köglsperger. „Hier gibt es einfach das beste Brot und Produkte aus dem Umland.“ Franz ist nicht der einzige Stammkunde, doch Köglsperger ist besorgt. Große Einkäufe erledigen viele Bürger inzwischen am Ortsrand. „Ich rechne mit 50 000 Euro Umsatzeinbußen zum Jahresende.“ Er deutet aus dem Fenster. „Aldi und Edeka sind vielleicht zwei Kilometer entfernt.“ Köglsperger atmet durch. „Wahnsinn ist das.“

So ein Dorfladen ist ja nicht nur zum Einkaufen da. „Der Kramer ist Kommunikationsbörse, ein sozialer Punkt im Ort“, sagt Wilfried Schober vom Bayerischen Gemeindetag. Die Leute ratschen und tratschen. Im Discounter gehe man schnell aneinander vorbei.

Agathe Feldberg aus Denklingen genießt jetzt immerhin die wöchentliche Shuttle-Fahrt. „Es ist ganz nett, wenn man sich da unterhalten kann.“ Schließlich fährt auch ihre Freundin Ursula Ott, 80, jeden Donnerstag mit. Martin Sporer, 70, ist die vier Kilometer in den Nachbarort Leeder diesen Sommer immer mit dem Fahrrad gefahren. Mit der Kiste Bier ging das nicht. Also stieg er in den Bus. Das hat ihm so gut gefallen, dass er heute wieder mitfährt, obwohl er keine Getränke braucht. „Ich bin allein“, sagt er.

Dennoch, beim „Augustin“ war früher immer was los. „Das Dorfleben ist nicht mehr das gleiche“, sagt eine 74-Jährige, die ihren Namen nicht nennen möchte. Silvia Stahl, 48, eine der fünf Ehrenamtlichen, die den Shuttle-Service organisieren, erinnert sich: „Beim ,Augustin‘ haben sich alle getroffen, und meine drei Buben sind dorthin, um sich Eis und Gummibärle zu kaufen.“ Deswegen soll der Bus eine Übergangslösung bleiben. „Wir brauchen die Nahversorgung, damit es wieder Leben im Dorfkern gibt“, sagt Bürgermeister Michael Kießling. Die Gemeinde bezahlt rund 300 Euro im Monat für den Fahrdienst.

In Wolfratshausen haben sie eine andere Lösung: Sie planen einen Laden von Bürgern für Bürger. Einen Stadt-Laden nach dem Genossenschaftsmodell. Dabei steht nicht der Gewinn im Vordergrund, sondern der Nutzen fürs Dorf. Getragen werden die Läden von den Bürgern. Sie kaufen Anteile am Geschäft. Das erste seiner Art wurde Mitte der 80er-Jahre im oberpfälzischen Utzenhofen gegründet. Inzwischen gibt es etwa 150 Läden in Bayern – auch viele in der Region. „In den letzten Jahren hat es einen richtigen Schub gegeben“, so Gröll.

Die Genossenschaftsläden erzeugen ein Wir-Gefühl – wie früher. Oft gibt es regionale Produkte im Laden, anders als in Discountern. Wenn das Sortiment, die Preise und die Verkäufer passen, „kann ein Dorfladen eigentlich nicht pleite gehen“, sagt Gröll.

In Schöngeising (Kreis Fürstenfeldbruck) könnte es aber schon noch besser laufen. „Wir können die schwarze Null in den meisten Jahren halten, aber es ist ein Ritt auf der Rasierklinge“, sagt Mitinitiator Sigurd Höppner. Die Konkurrenz im Umkreis ist groß. Viele Einwohner kaufen dort auf dem Weg von der Arbeit ein. Immerhin: Der Dorfladen hält sich seit sechs Jahren.

Fünf Genossenschaftsläden in Bayern mussten laut Gröll inzwischen aber schließen – einer in Gmund, am Ludwig-Erhard-Platz. Die Einlagen der Bürger sind verloren, um dieses Risiko wussten alle. „Da gab es keine Vorwürfe“, sagt Mitinitator Johann Schmid, 57. „Wir haben viel Zeit und Arbeit reingesteckt.“

Davon können sie in Mettenheim nahe Mühldorf ein Lied singen. Harry Mayer hat das neue Geschäft in der Siedlung umgekrempelt. Als er erster Laden-Vorstand wurde, gestaltete er die Inneneinrichtung um. „Die hat mir als Kunde einfach nicht gefallen.“ Sechs Stunden an einem Samstag arbeiteten Ehrenamtliche daran, das Gemüseregal kam vom örtlichen Schreiner. Die Optik zählt.

„Wer einen Dorfladen betreut, muss ein Gespür dafür haben“, sagt Wirtschaftskaufmann Klaus Waltner, 48, blaues Edeka-Polo-Shirt, verschmitztes Lachen. Er betreibt zwei kleine Lebensmittelgeschäfte in Fischbachau und in dessen Ortsteil Elbach (Kreis Miesbach) – moderne, helle Märkte. Sein Rezept: längere Öffnungszeiten, auch samstags, eine heiße Theke, über die 300 Pizzen im Monat und drei Leberkäs-Stangen am Tag gehen. Der Umsatz hat sich gegenüber früher verdoppelt.

„Lebensmittel sind einfach meine Passion“, sagt Waltner. Früher, als Rewe-Marktleiter in Bad Tölz, belegte er den dritten Platz im Wettbewerb um den schönsten Supermarkt Deutschlands. Doch das Wichtigste für den Geschäftsmann, Waltners Augen strahlen: „Meine tollen Verkäuferinnen. Wir sind wie eine Familie.“ Und die sind auch zufrieden. „Die Leute sind alle furchtbar nett“, sagt Waltraut Bonleitner, 52. Ihre Kollegin Irmi Reichenberger, 53, genießt die heimische Atmosphäre im Dorf. „Mit allen Kunden ist man per Du. Und wenn jemand die eine Sorte Kekse will, dann besorgen wird die.“

In Denklingen wird das wohl nicht funktionieren. Ein großer Supermarkt würde gerne am Ortsrand bauen. Doch das will Bürgermeister Kießling nicht. „Dann haben wir wieder keine Anbindung zum Ort.“ Ein Dorfladen, „mit dem sich die Bürger identifizieren“, wäre die Lösung. Der Plan steht, zur ersten Infoveranstaltung kamen 250 Leute, 90 würden sich am Dorfladen beteiligen. Agathe Feldberg ist „gespannt, was aus dem Dorfladen wird“. Bis es ihn gibt, wird sie mit dem Shuttle-Bus von Denklingen nach Leeder fahren, um ihr Knäckebrot zu kaufen. Das mit Sesam. Denn das mag sie am liebsten.

Susanne Weiss

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Unwetter in Bayern: Baum begräbt fünf Autos in München unter sich
Es wird ungemütlich: Wetterexperten rechnen für die kommenden Tage mit stürmischem Winterwetter und gefährlicher Glätte. Der DWD warnt nun vor schwerem Gewitter mit …
Unwetter in Bayern: Baum begräbt fünf Autos in München unter sich
Dieser Augsburger hat einen Weltrekord-Diamanten gemacht
Das Gegenteil von Luxus: Diamanten könnten bald zur Massenware werden. Augsburger Forscherhaben für eine Sensation gesorgt – sie haben den größten Diamanten der Welt im …
Dieser Augsburger hat einen Weltrekord-Diamanten gemacht
Säuglingstötung in Regensburg: Mutter wegen Totschlags angeklagt
Rund ein Jahr nach dem Fund einer Babyleiche in Zeitlarn (Landkreis Regensburg) kommt die Mutter des Säuglings vor Gericht.
Säuglingstötung in Regensburg: Mutter wegen Totschlags angeklagt
Todessturz bei Weihnachtsfeier  - Firmenevent endet tragisch
Eine Weihnachtsfeier ist im schwäbischen Langweid am Lech (Landkreis Augsburg) mit einem tödlichen Unfall zu Ende gegangen.
Todessturz bei Weihnachtsfeier  - Firmenevent endet tragisch

Kommentare