Annegret Braun

Drei Fragen an die Kulturwissenschaftlerin Annegret Braun

„In die Zukunft schauen“

München - Annegret Braun ist Kulturwissenschaftlerin an der Ludwig-Maximilians-Universität. Sie beantwortet Fragen zu den Bräuchen, die in Zeiten der Rauhnächte gepflegt werden. 

Welche Bräuche gehören neben Räuchern und Perchten in diese Zeit?

Man kann dem Volksglauben nach in diesen Nächten in die Zukunft schauen – das schlägt sich heute im Bleigießen an Silvester nieder. Früher hat man zum Beispiel dieses Orakel bemüht: Unverheiratete Frauen haben sich mit dem Rücken zur Tür gestellt und einen Schuh über die Schulter geworfen. Landete der mit der Spitze zur Tür, hieß das, die Werferin würde im nächsten Jahr heiraten und das Haus verlassen. Zeigte die Spitze ins Haus, war das ein Zeichen, dass sich am Single-Status erst einmal nichts ändern würde. Man hat auch früher die zwölf Nächte als Wettervorhersage für die zwölf Monate im neuen Jahr genutzt.

Warum entstehen solche Bräuche?

Zunächst einmal hat man sich Naturphänomene in Bildern erklärt: Es ist dunkel und ungemütlich draußen und oft unheimlich. Man glaubte, dass Dämonen ihr Unwesen treiben. Dann war die Zeit um den Jahreswechsel schon damals eine Zeit der Neuanfänge. Die daraus entstandenen Bräuche beziehen sich oft auf die landwirtschaftliche Arbeit: zum Beispiel die Wettervorhersage für das nächste Jahr oder das Vertreiben von schlechten Einflüssen von Haus und Hof. Im Winter lag traditionell eine Arbeitspause, die auch in den Volksglauben integriert wurde: Wer zur Zeit der Rauhnächte gedroschen hat, musste mit einer schlechten Ernte im neuen Jahr rechnen. Wurde Wäsche gewaschen und aufgehängt, symbolisierte die ein Leichentuch und damit einen bevorstehenden Todesfall. Die zweite Funktion der Bräuche war es, das Dorfgefüge zu stabilisieren. Zum Beispiel haben die Perchten Menschen öffentlich gerügt für schlechtes Verhalten wie Geiz oder Betrug.

Welche Bedeutung haben die Rauhnächte heute noch?

Eine Zeit lang war dieser Volksglauben fast ganz verschwunden oder wurde nur noch vereinzelt in bestimmten Alpenregionen gepflegt. Aber seit einigen Jahren besinnt man sich generell verstärkt auf alte Traditionen zurück. Inmitten der Globalisierung und Schnelllebigkeit unserer Zeit vermitteln Bräuche eine Verwurzelung und schaffen dadurch ein Gefühl der Sicherheit, der Zugehörigkeit und der Identität. Außerdem leben wir in einer Eventkultur. Da ist alles willkommen, was ein Ereignis ist.

Interview: Anne-Nikolin Hagemann

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