Falscher Arzt: Er verpflanzte sogar Organe

Nürnberg/Erlangen - Er hatte nicht mal Abitur, mit gefälschten Zeugnissen und Zertifikaten brachte er es jedoch bis zum Gefäßchirurgen, bevor der Schwindel aufflog.

Die Kollegen am Uni-Klinikum Erlangen waren beeindruckt von ihrem neuen Kollegen: Stolz zeigte Christian E. (30) den mächtigen Siegelring der Oxford-Absolventen herum, bot Spritztouren in seinem schnittigen BMW-Coupé an – und auch im Operationssaal zeigte der Einser-Abiturient und „Cum- Laude“-Absolvent keine Schwächen. Erst 190 Operationen, darunter sogar Organtransplantationen, und über ein Jahr später erfuhren sie: Der Vorzeige-Chirurg ist ein dreister Hochstapler – sein Realschul-Zeugnis strotzte nur so vor Vierern! Am Dienstag kämpfte Bankkaufmann Christian E. vor dem Landgericht Nürnberg-Fürth um eine milde Strafe. Bereits im November 2008 hatte ihn das Amtsgericht Erlangen wegen Betrugs, Titelmissbrauchs und Urkundenfälschung zu drei Jahren Gefängnis verurteilt.

Zu hart, befand der Möchtegern-Doktor: Schließlich habe er seinen gutbezahlten Job als Banker doch nur aufgegeben, um Menschen zu helfen. Den Tränen nahe tischte er Richterin Sabine Nikolay-Milde am Dienstag eine Geschichte über seine Erfahrungen im Zivildienst und mit seinem pflegebedürftigen Bruder auf. Da seine Eltern ihm nie erlaubt hätten, auf der Abendschule sein Abi nachzuholen, fälschte Christian E. sein erstes Dokument, erschlich sich damit die Zulassung zum Medizin-Studium in Erlangen. Doch bevor es dort an die erste Prüfung ging, exmatrikulierte er sich wieder. Stattdessen bewarb er sich mit falschem Oxford-Diplom als Assistenzarzt in Erlangen und als Rettungssanitäter auf gutbezahlten Rückholflügen. Seine Chefs waren beeindruckt – so sehr, dass sie fette Rechtschreibfehler in den Dokumenten wie „Franlfurt“ statt „Frankfurt“ und „Nueremberg“ statt „Nuremberg“ übersahen.

Bis Christian E. im Februar 2008 ein anonymer Brief aus der Bahn warf, durfte er ohne Beanstandungen sogar Organe transplantieren. Nach seiner Kündigung wollte er eine Privatklinik bei Coburg gründen. Er blendete die lokalen Honoratioren mit einem falschen 12-Millionen-Euro-Kontoauszug, ließ sich seine Visitenkarten vergolden. Er behauptete, für die UNO zu arbeiten und erzählte eine rührselige Geschichte über ein totes afrikanisches Kind. Kurz vorm ersten Spatenstich wurde E. verhaftet.

E. gab sich am Dienstag reumütig: „Ja, ich habe aus Geltungssucht gehandelt. Ein Doktor allein hat mir nicht gereicht. Aber ich habe immer Angst gehabt, einen Fehler zu machen.“

Nach siebenstündiger Verhandlung gestern um 16 Uhr das Urteil, das sich für E. als Schuss in den Ofen entpuppte: Statt für drei darf er jetzt für dreieinhalb Jahre auf Staatskosten logieren. Staatsanwältin Gabriele Ebenhöch hatte ihn als „miesen Betrüger“ bezeichnet und ihm jede Schuldeinsicht und Reue abgesprochen. Im Gegenteil „waren Sie nur getrieben von Ihrer Großmannssucht und vom schnöden Mammon“. In dieser Hinsicht dürfte das letzte Kapitel vom falschen Arzt noch nicht geschrieben sein: Bei einer Hausdurchsuchung wurde ein satirisches Manuskript bei Christian E. gefunden. Der Titel: „Wahnsinn in Weiß“.

tz

Rubriklistenbild: © dpa

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