Schmerzpflaster mit dem gefährlichen Wirkstoff. fkn

Drogenabhängige missbrauchen Schmerzpflaster

München - Die Rauschgiftfahnder in Bayern haben einen neuen, gefährlichen Trend festgestellt: Drogenabhängige missbrauchen Schmerzpflaster. Allein im vergangenen Jahr sind daran 43 Menschen im Freistaat gestorben.

262 Menschen sind im vergangenen Jahr in Bayern an ihrem Drogenkonsum gestorben - das zeigt der neue Suchtbericht, der gestern in Berlin präsentiert wurde. Die meisten davon, 179, macht Heroin kaputt. Was in dem Report der Drogenbeauftragten Mechthild Dyckmans (FDP) allerdings nicht steht, macht den bayerischen Rausgiftfahndern große Sorgen: Jedes sechste Opfer hat Schmerzpflaster missbraucht. 43 Tote waren es im vergangenen Jahr. „Das ist ein Trend, der vor vier Jahren begann und zuletzt stark zugenommen hat“, sagt Torsten Wittke, Chef des Rauschgiftdezernats im Landeskriminalamt.

Bei dem gefährlichen Wirkstoff handelt es sich um Fentanyl - das ist ein synthetisches Opioid, das als besonders starkes Schmerzmittel über ein Pflaster verabreicht wird. So wird das hochwirksame Medikament langsam - und ungefährlich - abgegeben. Bei chronischen Schmerzpatienten wird es nach etwa zwei Tagen gewechselt - und im Müll entsorgt. Denn eine Entsorgungsvorschrift gibt es nicht. Doch Drogenabhängige, so berichtet Wittke, durchwühlen zum Teil die Abfalleimer in Kliniken, um die Pflaster zu recyclen. „Denn die Pflaster haben dann immer noch bis zu 70 Prozent Wirkungsgrad“, sagt Wittke.

Die Süchtigen kochen benützte oder frische Pflaster aus und spritzen sich das Fentanyl intravenös. In anderen Fällen lutschten sie das Pflaster sogar aus. Viele Drogenabhängige versuchen, über Ärzte an das verschreibungspflichtige Pflaster heranzukommen. Wittke kritisiert, dass viele Mediziner zu sorglos mit Fentanyl-Rezepten umgehen. „Die Abhängigen lügen den Arzt an und erzählen ihm, der Hausarzt habe Urlaub und die Pflaster seien ausgegangen“, sagt der Rauschgiftfahnder. Das nützten die Drogenabhängigen aus.

Das gefährliche an dem Stoff ist, dass er deutlich stärker ist als beispielsweise Heroin. „Deshalb ist er sehr schwer zu dosieren“, berichtet Wittke. Ein Extremfall in der Rechtsmedizin: Ein Drogentoter hatte ein Pflaster noch im Mund, als er auf dem Obduktionstisch lag - und eines im Magen. Auch wenn der Konsum nicht sofort tödlich ist, ist er gefährlich. Erst vor wenigen Tagen stand ein 32-Jähriger in Geretsried (Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen) vor Gericht, weil er einem Kumpel aus der Drogenszene ein Fentanyl-Pflaster gab. Der Freund fiel nach Anwendung des Pflasters sofort ins Koma.

In einschlägigen Drogen-Foren im Internet geben sich Konsumenten munter Tipps für den Missbrauch. Ein Teilnehmer schreibt allerdings deutlich: „Da sind schon einige bei umgekommen, das geht bei Fentanyl ganz schnell. Erst wirst Du bewusstlos, dann setzt die Atmung aus und schließlich versagt das Herz-Kreislaufsysthem. Du stirbst quasi im Schlaf und kannst nicht mal mehr um Hilfe rufen.“ Fentanyl macht extrem süchtig, das bestätigt auch Wittke. So heißt es in einem Internet-Erfahrungsbericht: „Gegen einen Fenta-Entzug ist Heroin-Entzug ein Kindergeburtstag.“

Carina Lechner

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