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Entrüstung von München bis Rosenheim: Proteststurm gegen Trassenpläne der Deutschen Bahn

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Von: Josef Ametsbichler, Carmen Ick-Dietl

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Brückenkoloss: Auf Stelzen soll die Bahntrasse vom Kreis Rosenheim Richtung Ebersberg geführt werden
Brückenkoloss: Auf Stelzen soll die Bahntrasse vom Kreis Rosenheim Richtung Ebersberg geführt werden. © Deutsche Bahn

Der Brennerbasistunnel soll die Autobahn über die Alpen entlasten. Doch der Bau neuer Zubringergleise sorgt für Protest in Bayern: Vielen Bürgern droht der Verlust von Lebensqualität.

Aßling – Aus einer Plastikbox, die vor ihr auf der Wiese steht, klaubt Maria Haimerer rote Warnwesten, mit denen sie die Demonstranten um sich herum ausstaffiert. „DBakel“ hat sie auf den Rücken drucken lassen. DB, wie Deutsche Bahn. „Wir müssen alle zusammenhalten“, sagt die Rohrdorferin. Sie hat sich am Montag ins Auto gesetzt und ist aus ihrer Heimat südlich von Rosenheim in den Nachbarlandkreis Ebersberg zum Protestieren gefahren. Dort kocht der Streit um die Gleisbau-Pläne der Deutschen Bahn derzeit hoch: Zwei neue Gleise auf der grünen Wiese, die von München zum Brenner führen sollen, plant die Bahn von Grafing durch das Inntal. Im Kreis Ebersberg fiel die Entscheidung Mitte Juli. Seitdem ist dort die Protestfarbe Gelb. Gelb wie „Limone“: Jedem der fünf Trassenvorschläge in der engeren Auswahl verpassten die Planer eine Farbe. Limone gewann.

Bayerns Bürger fürchten neue Zubringergleise der Bahn - „Wird vor Gericht nicht standhalten“

Zum Unmut der rund 200 Demonstranten, die sich auf der Wiese bei Aßling versammelt haben. Mit gelben Kreuzen haben sie den Verlauf der geplanten Gleise quer durch die Wiese abgesteckt. 40 Traktoren parken daneben, um dem Protest der betroffenen Landwirte Ausdruck zu verleihen. Bei früheren Demos war schon mehr los, aber es ist Urlaubszeit und die erste Kundgebung seit Bekanntgabe der Trassenentscheidung. Magdalena Stuffer, 32, von der frisch gegründeten Bürgerinitiative ruft ins Mikro: „Wir rudern alle gemeinsam in dem Boot, das die Bahn zum Untergang bringen will!“ Es schellen die Kuhglocken, Applaus brandet auf. Es geht um Landschaftszerschneidung und Flächenversiegelung – die Demonstranten sind laut der Sprecherin nicht per se gegen den Ausbau, wünschen sich aber eine Lösung, die näher an den bestehenden Gleisen verläuft. Der Satz, der den Applauspreis der Demo-Besucher abräumt: „Die Entscheidung der Deutschen Bahn wird vor Gericht nicht standhalten!“

Im Inntal ist die Kritik an den Trassenplänen der Bahn ebenfalls groß. Dort kämpfen Anwohner mit Unterstützung örtlicher Abgeordneter dafür, dass noch mehr Streckenabschnitte als bisher geplant unterirdisch verlaufen. Der Unmut der Bürger reicht vom Land bis in die Landeshauptstadt. Denn auch im Münchner Osten gibt es viel zu tun, um den Skandinavien-Mittelmeer-Korridor auf dem Gleis attraktiv zu machen: Zwei neue Kurven in Trudering und Daglfing, eine neue Güterzugharfe am Bahnhof Trudering, den zweigleisigen Ausbau zwischen Trudering und Daglfing (Truderinger Spange) sowie der viergleisige Ausbau zwischen Zamdorf und Johanneskirchen sind geplant. Mit über 100 Stundenkilometern sollen bis zu 700 Meter lange Güterzüge danach durch besiedelte Wohngebiete rollen können. Während die DB-Pläne auf Zugzahlprognosen ohne den künftigen Brenner-Mehrverkehr basieren, spricht ein Brennerkorridor-Gremium von 428 Zügen, davon 256 Güterzügen, am Tag im Münchner Osten.

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Brennerbasistunnel: Neue Zubringergleise mit enormen Auswirkungen für München

Bei einigen Anliegern in Trudering könnten künftig Schallschutzwände und Gleise nur fünf Meter von der Haustür liegen. Die Anwohner schlugen daher eine Alternativtrasse mit größerem Kurvenradius vor. Bislang ohne Erfolg. Die Bahn spielt mit Zuständigkeiten. So soll die Truderinger Kurve zwar offiziell „eine direkte Verbindung für die Güterverkehre vom Brenner zum Umschlagbahnhof Riem“ schaffen, trotzdem gehört sie nicht zum Brenner-Nordzulauf. Sondern zum Trassenausbau München–Mühldorf–Freilassing und damit zu einem anderen Planverfahren. Neu ist, dass auf der Kurve auch Dieselloks verkehren werden.

Gelbes Kreuz: Widerstand gegen die Trasse Limone bei Dorfen in der Gemeinde Aßling.
Gelbes Kreuz als Widerstand gegen die geplante Bahntrasse bei Dorfen in der Gemeinde Aßling. © Stefan Rossmann

Was laut Eisenbahnbundesamt höhere Lärm- und Luftschadstoffimmissionen auslöst. Zudem soll die Kurve auf einer Brücke über die Kfz-Verwahrstelle geführt werden. Samt Schallschutz würde dort auf etwa 500 Metern ein mindestens zehn Meter hohes Bauwerk entstehen – mitten in einer wichtigen Frischluftschneise für die Münchner Innenstadt.

In Bogenhausen pochen Stadt und Bürger auf einen Tunnel zwischen Zamdorf und Johanneskirchen – den die Bahn allerdings für nicht nötig und zu teuer hält. Nur weil es die Stadt zahlt, wird parallel zur ober- auch eine unterirdische Lösung geplant.

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