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Frühlingsblumen schmücken das Grab von Ursula Herrmann am Tag, an dem ihr mutmaßlicher Peiniger zu lebenslanger Haft verurteilt worden ist.

Urteil im Ursula-Herrmann-Prozess

Eching hofft nun endlich auf Ruhe

Eching am Ammersee – Fast 30 Jahre sind seit dem grausigen Verbrechen an Ursula Herrmann vergangen. In ihrem Heimatort Eching am Ammersee haben die Menschen die Tragödie hautnah miterlebt. Doch sie wollen nur eines: Dass endlich wieder Frieden einzieht.

Totenstille – das Wort ist an diesem sonnigen März-Tag eigentümlich passend: Das Grab der 1981 entführten und umgekommenen Ursula Herrmann wirkt trotz einiger erst kürzlich gepflanzter Osterglocken und Maiglöckchen seltsam verlassen, als wolle man die Tote an diesem Tag ganz bewusst in Ruhe lassen. Auf dem Friedhof mit seinen sauber geharkten Kieswegen ist keine Menschenseele zu sehen, am Tag des Urteils gegen den mutmaßlichen Entführer und Mörder der damals zehnjährigen Ursula scheint der ganze Ort lieber zu schweigen.

Lebenslänglich hat Werner M. bekommen, fast 29 Jahre nach der Tat. Noch einmal hat man in der 1600-Einwohner-Gemeinde am Ammersee aufgehorcht, denn ein ehemaliger Einheimischer war laut Indizien-Prozess der Täter – und ein Mädchen aus dem Dorf das Opfer.

Der Fall Herrmann

Der Fall Ursula Herrmann in Bildern

„Es ist schlimm, dass ein Mensch tot ist“, sagt die Rentnerin Cäcilie Glatzl. Sie ist erst vor sechs Jahren hierher ins Dorf gezogen, fühlt sich noch ein wenig als Außenseiterin, „aber mitbekommen habe ich schon, was damals passiert ist. Ob der’s war? Ich weiß es nicht“, sagt die Hundehalterin, die auch in dem Waldstück zwischen Eching und Schondorf öfters spazieren geht. Dort war die vergrabene Kiste mit dem toten Kind damals gefunden worden.

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Auf dem Grabkreuz Ursula Herrmanns steht der 15. September 1981 als Todesdatum, der Tag ihres Verschwindens: „Damals haben wir jeden Tag für sie gebetet, jeden Tag gab es Bitt-Gottesdienste“, erinnert sich Rentner Otto Kaiser. Fragt man ihn nach dem gerade am Landgericht Augsburg ergangenen Urteil, erklärt er: „Wenn er’s war, muss er bestraft werden.“ Ähnlich scheinen viele Echinger zu denken, die damals all den Medienrummel im Dorf über sich ergehen lassen mussten: „Sie glauben doch nicht, dass der das Tonband wirklich auf dem Flohmarkt gekauft hat?“, sagt eine alte Frau im Rollstuhl über das am stärksten belastende Indiz der Anklage. Der Täter hatte es bei mehreren Erpresser-Anrufen bei Ursula Herrmanns Eltern eingesetzt – man hatte es 2007 beim jetzt verurteilten Werner M. in Norddeutschland gefunden. „Der hat sich ja damals gar nimmer halten können im Dorf“, weiß Otto Kaiser noch. Viele haben M. noch gekannt, ebenso wie die heute sehr zurückgezogen lebende Familie des Opfers: „Meine Tochter ist mit der Ursula zur Schule gegangen“, sagt eine Frau, die die Entführung und die bangen Tage danach „wirklich hautnah“ mitbekommen hatte, wie sie sagt. „Ganz furchtbar“ sei das alles gewesen, vor allem als „die Pressemeute“ in Eching eingefallen sei und das Fernsehen.

„Warum gebt ihr nicht endlich Ruhe?“, ruft ein älterer Herr mit Hund. Er wohne „seit 40 Jahren“ hier und hat eine gewisse Aversion gegen Journalisten entwickelt. Auch an diesem Tag des Augsburger Urteils werde der Familie Herrmann kein Moment des Innehaltens gegönnt, meint er vorwurfsvoll – und wendet sich ab. Schuld? „Dazu will ich nichts sagen, ich hab ja alle Beteiligten gekannt!“, sagt die Mutter von Ursula Herrmanns einstiger Klassenkameradin. Man möchte das wohl traurigste Ortskapitel endlich abschließen: „Für die Herrmanns ist es gut, dass das jetzt zu einem Ende kommt“, meint Otto Kaiser.

Drüben im Gasthof sitzen ein paar Stammtischler, die an diesem Tage schon von mehreren Reportern befragt worden sind: „Ich habe bis zu meinem sechsten Lebensjahr mit der Familie Herrmann unter einem Dach gewohnt“, erzählt der 70-jährige Hubert Wimmer nach einigem Zögern, „mein Bruder war damals bei der Bergung dabei.“ Ob der Augsburger Prozess ein Thema war in jüngster Zeit, fragt ihn der Reporter. „Schon,“ antwortet er knapp – und beeilt sich, zu seiner wartenden Schafkopfer-Runde zu kommen.

Bemerkenswert viele haben an diesem Morgen im Radio von dem Prozess-Ausgang gehört. Doch man will keine Unruhe mehr, man will einen Schlusspunkt setzen in Eching. „Ich find’s nicht gut, dass die das noch mal aufgerollt haben, bloß wegen der drohenden Verjährung“, sagt eine alt-eingesessene Frau. Andrea Couturier, Biologin aus dem Nachbardorf und Mutter eines kleinen Kindes, hat sich durchaus mit dem Schicksal der Ursula Herrmann beschäftigt. Zur Frage, ob man nun den „Richtigen“ lebenslang ins Gefängnis schickt, will sie sich aber nicht festlegen: „Es sind halt am Anfang der Ermittlungen Fehler gemacht worden.“

Eine Bäuerin, die gerade nahe des Friedhofs ein Frühlingsbeet anlegt, sagt zu dem Thema nur: „I lass mi nimmer draus bringen!“ Ein paar Meter weiter liegt Ursula Herrmanns Grab, unter einem blauen März-Himmel. Es ist totenstill im Dorf.

Thomas Lochte

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