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17 009 Babys kamen 2015 in München zur Welt, die Eltern von 4661 waren bei der Geburt nicht verheiratet. In Lenggries (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen) hatten von 101 Babys elf unverheiratete Eltern, 20 waren alleinerziehend.

Rekord bei nichtehelichen Geburten

Die klassische Familie – ein Auslaufmodell?

München – Das Familienleben in Deutschland ist im Wandel. Viele Paare bekommen Nachwuchs – ohne vorher die Ringe zu tauschen. Vor allem im Osten gibt es dieses Phänomen, in der Stadt noch häufiger als auf dem Land. Nun setzt sich das Modell auch vereinzelt in Bayern durch.

Manchmal wird sie mit Frau Thalmeir angesprochen, aber das stört Andrea Kotz nicht. Denn ihr Freund Tobias Thalmeir, 40, und der sechs Monate alte Lorenz sind ihre Familie, die wichtigsten Menschen in ihrem Leben – auch ohne Trauschein und gemeinsamen Nachnamen. „Wir hätten keine engere Beziehung oder wären eine bessere Familie, wenn wir verheiratet wären“, sagt die 35-Jährige. Für das Paar aus München ist die Ehe nicht so wichtig. Und damit sind sie keine Seltenheit – das klassische Familienmodell bröckelt.

Der Anteil nichtehelich geborener Babys war noch nie so hoch wie in den vergangenen zwei Jahren. Fast jedes dritte Neugeborene hatte Eltern, die nicht miteinander verheiratet waren. Das sind mehr als doppelt so viele wie vor 25 Jahren, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden berichtet. Die Unterschiede zwischen Ost und West sind allerdings enorm. In den neuen Ländern sind unverheiratete Eltern sogar in der Mehrheit. 61 Prozent der Babys wurden 2015 im Osten nichtehelich geboren – doppelt so viele wie in den alten Bundesländern.

Erst Heirat, dann Kinder: Bayern ist noch ein Hort des traditionellen Familienmodells. Nur 27,5 Prozent der Neugeborenen wurden hier 2015 in Familien geboren, in denen die Eltern keinen Trauschein hatten.

Verheiratet: Verena von Dehn, 46, und Trudbert Vetter, 48, aus Hechendorf im Landkreis Starnberg mit ihren drei Kindern Berit, 14, Henrik, 11, und Isa, 8.

Den traditionellen Weg haben auch Verena von Dehn, 46, und Trudbert Vetter, 48, aus Hechendorf (Kreis Starnberg) gewählt. „Wir haben ein Haus gekauft, dann geheiratet und dann unser erstes Kind bekommen“, sagt von Dehn. Nach Berit, 14, kamen Henrik, 11, und Isa, 8. In Hechendorf, einem Ort mit fast 3500 Einwohnern, wurden 2015 33 Babys registriert. „Ich finde die Entscheidung für ein Kind viel größer, als die Entscheidung zu heiraten“, sagt die Versicherungsmanagerin. Eine Ehe sei schnell geschieden – „ein Kind aber bleibt“. Wenn aber Besitz im Spiel sei, vereinfache der Trauschein einiges. „Das ist vielleicht der Grund dafür, warum auf dem Land die Menschen eher verheiratet sind, als in der Stadt“, sagt von Dehn.

Finanzielle Gründe spielen tatsächlich oft eine Rolle beim Schritt vor den Traualtar. „Das Steuersystem setzt sehr hohe Anreize, vor oder kurz nach der Geburt eines Kindes zu heiraten“, sagt Sebastian Klüsener vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung (MPI). „Denn meist tritt einer der beiden Partner beruflich kürzer, und dann zahlt sich die Ehe sehr stark aus.“

Unverheiratet: Das Münchner Paar Andrea Kotz, 35, und Tobias Thalmeir, 40, mit ihrem kleinen Lorenz bei einem Besuch auf dem Oktoberfest in diesem Jahr.

Heiraten nur wegen des Geldes? Davon halten Andrea Kotz und Tobias Thalmeir nichts. Der 40-Jährige arbeitet als Marketingleiter, seine Lebensgefährtin bezieht Elterngeld plus und arbeitet zehn Stunden als Patentmanagerin. Derzeit halten sich die steuerlichen Nachteile in Grenzen. „Aber natürlich werden wir benachteiligt“, sagt Thalmeir. Denn verheiratete Paare profitieren vom sogenannten Ehegattensplitting. In einem Jahr soll der kleine Lorenz eine Krippe besuchen, Andrea Kotz möchte dann 25 Stunden arbeiten. Wären sie verheiratet, könnten die Münchner viele Steuern sparen. Denn vor allem Ehepaare, bei denen einer relativ viel und der andere eher wenig verdient, genießen die Vorteile des Ehegattensplittings. Das Finanzamt rechnet dabei beide Einkommen zusammen und teilt den Betrag. Der Steuersatz für diese halbierte Summe wird für das gesamte Einkommen angewandt. Das spart Steuern, denn in Deutschland sind die Steuersätze umso niedriger, je niedriger das Einkommen ist.

Dazu kommt: „Da die Gehaltsunterschiede in Westdeutschland zwischen Männern und Frauen höher sind als im Osten, macht sich das in den alten Bundesländern stärker bemerkbar“, so Klüsener vom Max-Planck-Institut.

Das Phänomen der wilden Ehen im Osten ist aber älter als die deutsche Teilung oder das Ehegattensplitting. In Westdeutschland habe es – anders als im Osten – hauptsächlich bäuerliche Dorfstrukturen und kleinere Familienbetriebe gegeben. „Hier war man eher versucht, nichteheliche Geburten einzudämmen, da sie problematisch werden konnten, etwa wegen Erbstreitigkeiten“, sagt Klüsener. Im Osten hätten dagegen verstreute Gutshöfe mit vielen landlosen Saisonmitarbeitern die Landwirtschaft geprägt. Größere Bevölkerungsteile Ostdeutschlands hätten sich zudem schon im 19. Jahrhundert von religiösen Riten abgekehrt, die Kirchen daher weniger Einfluss gehabt.

In Europa wird das westdeutsche Modell aber wohl zum Sonderfall. „Ein niedriger Anteil nichtehelicher Geburten wie in den alten Bundesländern wird im europäischen Vergleich immer mehr die Ausnahme“, stellt Klüsener fest.

Der Sozialforscher glaubt: „Wenn die Frau finanziell unabhängig ist, ist sie auf die Ehe als Institution weniger angewiesen.“ Deshalb sind besonders in Skandinavien uneheliche Kinder häufig. Als wichtige Voraussetzung für die Gleichstellung sieht Klüsener die Kinderbetreuung. Im Osten sei es einfacher, für Kleinkinder einen Betreuungsplatz zu finden, sagt er.

Das Thema Krippenplatz beschäftigt derzeit auch Andrea Kotz und Tobias Thalmeir aus München. Obwohl die Stadt die Kleinkindbetreuung weiter ausbaut, sind Plätze immer noch knapp. Sie haben noch keine Zusage für ihren Lorenz. Und hier spielt auch keine Rolle, ob verheiratet oder nicht. Bei den städtischen Einrichtungen wird allerdings abgefragt, ob ein Kind bei einem alleinerziehenden Elternteil oder bei zwei Sorgeberechtigten aufwächst. Für Lorenz haben beide Elternteile das Sorgerecht beantragt. „Das war ein emotionaler Akt“, sagt Tobias Thalmeir. „Lorenz ist ein Zeichen unserer Verbindung – mehr, als es ein Trauschein sein könnte.“

Und wer weiß, vielleicht kommt der Schritt vor den Traualtar noch – aus Liebe, nicht aus finanziellen Gründen. Mit der Reihenfolge wäre das Paar keine Ausnahme. Die Zahlen zeigen nämlich auch, dass viele das Elternsein testen, bevor sie die Ringe tauschen. Bei der Geburt ihres ersten Kindes waren 2015 in Bayern 36,4 Prozent der Eltern nicht verheiratet.

von Aglaja Adam und Hanna von Prittwitz
 

Kommentar: Pro Ehegattensplitting von Hans Moritz

Hans Moritz ist Redaktionsleiter des Erdinger Anzeigers. Er ist seit 2005 verheiratet und hat drei Kinder (4/9/11).

Es ist ein Zeichen der Fortschrittlichkeit unserer Gesellschaft, dass Eltern nicht mehr verheiratet sein müssen und auch gleichgeschlechtliche Paare Kinder adoptieren dürfen. Jeder soll nach seiner Fasson glücklich werden.
 
Das heißt aber nicht, dass der Staat die traditionelle Form der Familie nicht in besonderer Weise fördern sollte. Das ist das verheiratete Paar mit Kindern, die Keimzelle der Gesellschaft. Sie muss besonders geschützt und gefördert werden – etwa durch das Ehegattensplitting. Verheiratete Partner und deren Kinder sind besser geschützt – nicht zuletzt im Todesfall.
 
Wer heiratet, entscheidet sich für eine festere Bindung, um die er in der Krise härter kämpfen wird. Wer das Ehegattensplitting aufweicht, gibt den Lebensbund der Beliebigkeit preis. Die gesellschaftlichen Fliehkräfte würden gestärkt – und das in so bewegten Zeiten wie diesen.

Kommentar: Kontra Ehegattensplitting von Wolfgang Hauskrecht

Wolfgang Hauskrecht ist Leiter der München-Redaktion. Er lebt seit 24 Jahren in einer festen Beziehung und hat eine 21-jährige Tochter.

Sind unverheiratete Paare weniger verantwortungsbewusst? Kümmern sie sich schlechter um ihre Kinder? Kämpfen sie weniger um ihre Beziehung? Haben sie geringere Ausgaben? Nein, natürlich nicht.
 
Familienförderung, vor allem das Großziehen von Kindern, politisch an das Institut der Ehe zu knüpfen, ist so veraltet wie der Röhrenfernseher. Der Staat muss konsequent dazu übergehen, Familien, nicht den Trauschein, zu unterstützen. Das Zusammenleben und die Kindererziehung kosten unverheiratete Paare keinen Cent weniger.
 
Das Ehegattensplitting ist nichts anderes als die Beatmung eines Modells, das immer seltener gelebt wird: Der Mann geht arbeiten, die Frau erzieht die Kinder. Die Realität: Beide müssen arbeiten und benötigen teure Kinderbetreuung. Selbst Verheirateten bringt das Ehegattensplitting dann nicht mehr viel. Gefördert wird also nicht mal die Ehe, sondern ein verstaubtes Rollenbild.

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